Papstwahl "Maulkörbe" für Kardinäle


Eine Woche vor Beginn der Papstwahl haben sich die Kardinäle ein Schweigegelübde gegenüber den Medien auferlegt. Der "Maulkorbbeschluss" ist beispiellos in der Geschichte der katholischen Kirche.

Die katholische Welt bereitet sich auf eine epochale Papst-Wahl vor. Angesichts ihrer schwierigen Aufgabe beschlossen die in Rom versammelten Kardinäle, bereits vor Beginn des Konklaves am 18. April auf jegliche öffentliche Äußerungen zu verzichten. Für ein solches "Schweigegebot" hatte sich vor allem der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger stark gemacht, wie es in Rom hieß.

Medien sind zur Zurückhaltung aufgefordert

Der "Maulkorbbeschluss" schon eine Woche vor Beginn des Wahlzeremoniells sei beispiellos in der Kirchengeschichte, berichteten italienische Zeitungen. Allerdings meinte Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls, die Kardinäle hätten sich einstimmig dazu entschlossen. Die Medien rief er zur Zurückhaltung auf: "Die Herren Journalisten sind freundlich aufgefordert, keine Äußerungen von den Kardinälen zu verlangen." Während des Konklaves tagen die Purpurträger nach uraltem Brauch streng abgeschirmt von der Außenwelt in der Sixtinischen Kapelle. Sie dürfen nicht Zeitung lesen, nicht fernsehen und nicht telefonieren.

Vom zukünftigen Papst erwartet die große Mehrheit der Deutschen vor allem eine Abkehr von der bisherigen rigiden Sexualmoral. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Polis im Auftrag der Nachrichtenagentur DPA sind 78 Prozent der Deutschen für eine von der Kirche genehmigte Schwangerschaftsverhütung. Fast genauso viele wünschen sich, dass der neue Papst Kondome zum Schutz vor Aids zulässt. Eine deutliche Mehrheit ist auch für eine stärkere Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Das bestehende Ehe- und Sexualverbot für Priester halten 74 Prozent der Deutschen für nicht mehr zeitgemäß.

Papst soll Wunder gewirkt haben

Derweil mehren sich die Forderungen nach einer raschen Selig- und Heiligsprechung Johannes Pauls. Bereits am Freitag hatten bei der Trauerfeier viele Gläubige gefordert: "Santo, subito" (Heilig, sofort.). Der Vatikan äußerte sich allerdings zurückhaltend zu einer von vielen Gläubigen vor allem in Italien und Polen gewünschten Heiligsprechung. Dies sei allein Sache des nächsten Papstes, sagte Vatikansprecher Navarro-Valls.

Hintergrund der Forderung sind unter anderem die Berichte mehrerer Menschen. Sie alle wollen auf wundersame Weise durch Johannes Paul von ihren Leiden geheilt worden sein. Eine von Geburt an blinde Frau schrieb, sie habe bei einer Audienz im Vatikan die Hand des Papstes geküsst - und habe plötzlich sehen können, berichtete die römische Zeitung "La Repubblica". Eine andere Frau, von Geburt an gelähmt, konnte sich eigenen Angaben zufolge aus dem Rollstuhl erheben und gehen. Ein Exorzist bedankte sich in einem Schreiben, dank eines vom Papst gesegneten Rosenkranzes habe er einem Menschen den Teufel austreiben können. Ein in der Schweiz lebender afrikanischer Junge gibt an, er habe ein schweres Tumorleiden besiegt, nachdem er einen solchen Rosenkranz berührt hätte. Selbst ein Kardinal, Francesco Marchisano, will vor fünf Jahren durch päpstlichen Beistand genesen sein. Ein Dossier mit den Fällen, die sich zu Lebzeiten des Papstes ereigneten, liege im Vatikan unter Verschluss, hieß es.

Pilger wollen Papst-Grab sehen

In Rom indes der Storm der Pilger nicht ab. Schon am Wochenende wollten viele Menschen das frische Papst-Grab in den Grotten unter dem Petersdom sehen. Der Vatikan will aber erst an diesem Montag entscheiden, wann das Grab zugänglich sein soll. Viele Gläubige kamen trotz kühlen und regnerischen Wetters zu Beginn der neun Trauertage (Novendiale) in die Peterskirche. Die große Masse der rund drei Millionen Pilger, die zur Totenmesse am Freitag aus aller Welt nach Rom gekommen waren, kehrte ohne Zwischenfälle in ihre Heimatländer zurück. Nach dem größten Menschenansturm in der Geschichte der Ewigen Stadt war am Wochenende Großreinemachen angesagt - 5000 Helfer waren im Einsatz.

DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker