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Papstwahl: Die Papstmacher aus Deutschland

Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger gilt bei der Papstwahl als Anführer der Männer in Rot, die den Kurs von Johannes Paul II. unverändert fortführen wollen. Andere deutsche Kardinäle zählen hingegen zu den Reformern.

Bei der Papstwahl von Johannes Paul II. 1978 sollen der damalige Wiener Erzbischof Franz König und deutsche Kardinäle entscheidend die Strippen für den Mann aus Polen gezogen haben. Wenn am Montag das Konklave in der Sixtinischen Kapelle zusammenkommt, könnte den Deutschen wieder eine zentrale Rolle zufallen - allerdings diesmal auf rivalisierenden Positionen.

Zwei Gruppen bilden sich heraus

Zwei Gravitationszentren zeichnen sich ab: Um Kardinal Joseph Ratzinger als herausragende Persönlichkeit des bisherigen Kurses und um behutsame Erneuerer, zu denen die beiden deutschen Kardinäle Karl Lehmann und Walter Kasper, aber auch Carlo Maria Martini (Mailand) und der Belgier Godfried Danneels gehören.

Gerade Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, und der vatikanische Kurienkardinal Kasper dürften insbesondere bei Kardinälen aus Ländern der Dritten Welt Gehör für ihre Argumente finden, auch wenn sie selber als Kandidaten eher nicht in Frage kämen, analysiert in Rom der deutsche Prälat Max-Eugen Kemper, ein intimer Kenner.

Die entscheidende Frage: Dezentralisierung

"Es dürfte den 117 wahlberechtigten Kardinälen aus aller Welt weniger um die oft in der Presse benutzte Alternative "konservativ oder progressiv" gehen", betont Kemper, der lange Jahre Geistlicher Botschaftsrat an der deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl war. Fast alle Kardinäle seien ohnehin von Johannes Paul II. ernannt worden, "und die werden nicht das Gegenteil von dem tun, wofür dieser stand.

Vielmehr geht es um die Weichenstellung, ob die Weltkirche künftig dezentraler geleitet wird mit größerer Einbindung der lokalen Kirchen in aller Welt oder einem möglicherweise noch zentralistischeren Vatikankurs als bisher." Eine dezentral geführte Weltkirche müsse nicht unbedingt zu einer Schwächung des Papsttums führen.

Für die innerkirchlich auf Gehorsam und Geschlossenheit fixierte Linie von Papst Johannes Paul II. steht Ratzinger. Italienischen Medienberichten zufolge sollen bereits 40 bis 50 Kardinäle den langjährigen Präfekten der Glaubenskongregation favorisieren.

Bis zu 50 Kardinäle auf Seiten Ratzingers

Von wem könnte Ratzinger Unterstützung erhalten? Auch nach Ansicht des Fachautors Peter Hertel (Hannover) stehen bis zu 50 Kardinäle dem als theologisch erzkonservativ geltenden Opus Dei (Werk Gottes) nahe oder sympathisieren mit ihm. Pikant: Ratzinger erhielt die Ehrendoktorwürde der Opus-Dei-Universität in Pamplona. "Etwa ein Dutzend Kardinäle bekennen sich offen zum Opus Dei, darunter neun Papabiles", sagt Hertel. "Ob das Opus Dei, das unter Johannes Paul II. immer mehr hohe kirchliche Ämter besetzte, einen eigenen Kandidaten aufstellt wäre reine Spekulation. Klar ist, dass es Interesse an einem Papst hätte, der es fördert. Mit Ratzinger oder dem ebenfalls als ein Favorit gehandelten Italiener Dionigi Tettamanzi könnte das Opus Dei sehr gut leben."

Doch nach Einschätzung Kempers würden viele Ratzinger nicht wegen seiner angeblichen Nähe zum Opus Dei wählen, das selber nur mit zwei Kardinälen im Konklave vertreten ist: "Ratzinger ist ein bewährter Mann der Kurie und zudem ein glänzender Theologe, dem wenige andere Kardinäle das Wasser reichen können." Insofern sieht Kemper um jene Kräfte, die auf römischen Zentralismus setzen, keinen profilierteren Kandidaten als Ratzinger.

Auch die Italiener und Südamerikaner haben Rückhalt

Zu den Alternativen zählt Kemper vor allem die Möglichkeit eines Italieners als Papst oder erstmals eines Lateinamerikaners - "aber nicht jene Namen, die seit langem durch die Presse zu Favoriten gemacht werden - etwa Tettamanzi, Giovanni Battista Re, Angelo Scola oder den Brasilianer Clàudio Hummes". Brasilien spiele nämlich in Lateinamerika eine besondere Rolle, insofern könnte es an Unterstützung der anderen lateinamerikanischen Kardinäle fehlen.

Unter den Südamerikanern könnte vor allem Francisco Javier Erràzuriz Ossa (71) Chancen haben. Der Erzbischof von Santiago de Chile habe die lateinamerikanische Bischofskonferenz hervorragend geleitet, kenne Deutschland gut und genieße auch in der Kurie hohes Ansehen - "er ist sehr polyglott und kann auf Menschen zugehen".

Die Gruppe der 20 Italiener im Konklave wirke bisher so, als könne sie sich nicht auf einen Kandidaten verständigen. Möglicherweise einige man sich am Ende auf einen bisher weniger in Ranküne verwickelten Kandidaten, etwa Severino Poletto (72), Erzbischof von Turin. "Nach dem ziemlich politischen Pontifikat von Johannes Paul II. ist jetzt eine Neigung spürbar für einen pastoral bewährten Diözesan-Bischof als Pontifex."

Matthias Hoenig/DPA / DPA