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Papstwahl: Schwarzer Rauch im Vatikan

Die Kardinäle in Rom haben sich im ersten Wahlgang nicht auf einen neuen Papst einigen können: Aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle stieg schwarzer Rauch. Das genaue Wahlergebnis wurde nicht bekannt.

Aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle ist am Montagabend schwarzer Rauch aufgestiegen. Die für die Wahl eines neuen Papstes erforderliche Zweidrittelmehrheit der zum Konklave versammelten Kardinäle wurde demnach im ersten Wahlgang verfehlt. Es wurde erwartet, dass die wahlberechtigten Kardinäle die Versammlung auflösen und erst am nächsten Morgen wieder zusammentreten würden.

Rauch um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr

Ab Dienstag wird vor- und nachmittags jeweils zwei Mal gewählt, bis die erforderliche Zweidrittelmehrheit von 77 Stimmen erreicht ist. Nach Angaben von Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls wird der Rauch verbrannter Stimmzettel jeweils um 12.00 und 19.00 Uhr ein Abstimmungsergebnis verkünden. Sollte es nach einer Woche Konklave noch keinen erfolgreichen Wahlgang gegeben haben, können die Kardinäle beschließen, dass die einfache Mehrheit von 58 Stimmen ausreicht.

Umgeben von Engeln und Sibyllen entscheiden 115 Kardinäle in diesen Tagen, wer von ihnen die katholische Kirche in die Zukunft führen soll. In einer feierlichen Prozession zogen die Kirchenfürsten aus allen Teilen der Welt am Montag in die Sixtinische Kapelle in Rom ein. Dann erschallte das "extra omnes" (alle hinaus) von Zeremonienmeister Kardinal Marini - und das Ritual hinter verschlossenen Türen begann im auserwählten Kreis der Papstwähler. Die Kameras des italienischen Fernsehens schwenkten vor allem auf einen Mann: den deutschen Kardinal Joseph Ratzinger (78).

Es war, wieder einmal, Ratzingers Tag, als Dekan des Kardinalskollegiums spielt er die wichtigste Rolle in dieser Zeit "zwischen den Päpsten". Und fast unvermeidlich gerät er damit auch bei allen Spekulationen über die Nachfolge von Johannes Paul II. ins Zentrum. Gleich nach dem Einzug in die Sixtinische Kapelle spricht er die Eidesformel: "Vor allem aber versprechen und schwören wir, (...) Geheimhaltung über alles zu wahren, was in irgendeiner Weise die Wahl des Papstes betrifft."

"So wahr mir Gott helfe"

Fast eine Stunde dauert es, bis alle Kardinäle ihren persönlichen Eid geleistet haben. Manche gehen am Stock, andere werden von Helfern geführt. Unter dem Bildnis des Gekreuzigten legen sie die Hand auf das Evangelium: "So wahr mir Gott helfe." Dann schließen sich die Türen. Alle, die nicht zum Kreis der wahlberechtigten Kardinäle gehören, mussten die Sixtina verlassen.

Schon am Vormittag blickte alle Welt auf Ratzinger. Bei der "Missa pro eligendo papa" (Messe zur Papstwahl) wirkte er angespannt und erschöpft, sein Blick entrückt. Mit einem großen weißen Taschentuch wischt sich der 78-Jährige den Schweiß von der Stirn. "In dieser Stunde beten wir vor allem eindringlich zum Herrn, damit er uns nach dem großen Geschenk, das Papst Johannes Paul II. war, wieder einen Hirten ganz nach seinem Herzen schenkt", sagt der deutsche Kardinal. Am Ende seiner Predigt brandet Beifall auf.

Es ist das Konklave der Superlative: Die erste Papstwahl des Jahrhunderts und des Jahrtausends. 115 Kardinäle aus aller Welt müssen sich einigen, so viele wie nie zuvor. 7000 internationale Medienvertreter berichten über das historische Ereignis - auch das ein Rekord. "Kommt ein Reformer oder ein Konservativer, ein Europäer oder ein Lateinamerikaner?", fragt ein Berichterstatter in die Kamera.

Wer erste Antworten auf diese Fragen erwartet hatte, sah sich getäuscht. Ratzinger hielt keine Wahlrede, eher machte er den Eindruck, die Last, die auf ihn zukommen könnte, sei ihm schon jetzt zu schwer. Aber er bezog deutlich Position gegen die Ideologien der modernen Welt, vom Kollektivismus bis zum radikalen Individualismus und beschwor die Liebe Gottes als einzige Option - Positionen, denen im Konklave eigentlich jeder zustimmen könnte. Dass die Kirche dem Relativismus oder gar dem Zeitgeist irgendwie entgegen kommt, das bleibt nach seinen Worten ausgeschlossen.

Eine repräsentative Umfrage, was Italiener von einem Deutschen wie Ratzinger als Papst halten würden, gibt es nicht. Nur Einzelmeinungen. "Er macht ein gute Figur", sagt ein älterer Römer anerkennend. "Ein Deutscher wäre gar nicht schlecht, der würde bei all der Aufregung für Ordnung und Ruhe sorgen." Italienische Zeitungen titeln am Montag "Ratzinger geht als Favorit ins Konklave". Durchaus beabsichtigt ist dabei die Erinnerung an die alte Weisheit, dass einer, der schon vorher zum Papst erklärt wird, das Konklave wieder als Kardinal verlässt.

Im vergangenen Jahrhundert hat kein Konklave länger als drei Tage gedauert. Johannes Paul II. wurde im Oktober 1978 nach acht Abstimmungen an drei Tagen gewählt. Er starb am 2. April im Alter von 84 Jahren nach einem 26-jährigen Pontifikat, dem drittlängsten der Kirchengeschichte. Sein Nachfolger wird der 265. Papst sein. Der italienische Kardinal Salvatore Pappalardo, der mit 86 Jahren nicht mehr stimmberechtigt ist, zeigte sich davon überzeugt, dass die Kirchenfürsten den richtigen Mann zum Papst bestimmen: "Die Vorsehung sendet einen Papst für jede Ära."

Längst ist die Papstwahl eine Touristenattraktion geworden. Auf dem Petersplatz tummeln sich Besucher aus Regionen rund um den Globus. "Ich möchte es sehen, wenn weißer Rauch aufsteigt", sagt ein Amerikaner mittleren Alters, "damit ich meinen Kindern und Enkeln sagen kann: Ich war dabei." Ein anderer US-Tourist will jeden Tag zu der Stunde zum Petersplatz kommen, wenn Rauch aufsteigt. "Das will ich sehen." Drei Studenten aus Japan haben extra den Aufenthalt verlängert. "Wir bleiben noch." Die Hoteliers in der Ewigen Stadt jubeln: "Der Umsatz ist um zehn Prozent gestiegen."

Kardinäle aus 52 Ländern

Zur Wahl des Papstes sind Kardinäle aus 52 Ländern im Vatikan zusammengekommen. Obwohl nur ein Viertel aller Katholiken in Europa lebt, repräsentieren die 58 Kardinäle dieses Kontinents gut die Hälfte der 115 Teilnehmer des Konklaves. Die meisten Mitglieder hat die römisch-katholische Kirche in Lateinamerika. Die 483 Millionen Gläubigen dieser Region stellen rund 43 Prozent der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken. Doch bei der Wahl des neuen Papstes sind nur 20 Kardinäle aus Lateinamerika dabei. Mit ebenso vielen Würdenträgern ist allein Italien vertreten, das die meisten Päpste der 2000-jährigen Kirchengeschichte stellt.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters