Passionsspiele in Oberammergau Eloi, eloi, lama Sabachtani


Christian Stückl, Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, hat einen Jesus gegen den Mainstream porträtiert: Selbstbewusst, statt leidend. Und jüdischer als je zuvor.

Er hat viel Neues gewagt und gewonnen. Mit einem komplett überarbeiteten Text, einer erschütternden Kreuzigung in finsterer Nacht und talentierten jungen Schauspielern verhilft Regisseur Christian Stückl den weltberühmten Passionsspielen von Oberammergau einmal mehr zum Erfolg.

In seiner dritten Inszenierung nach 1990 und 2000 deutet der 48- Jährige die Figur des Christus als einen Menschen, der unbeirrt seinen Weg geht und den sein Einstehen für den Glauben ans Kreuz bringt. Und er zeigt Jesus jüdischer als in allen Spielen zuvor. Die Premiere wurde am Samstag bei bitterkaltem Wetter von den fast 5000 geladenen Gästen mit großer Zustimmung aufgenommen.

Das wirklich Neue an der Passion 2010: Stückl geht weiter auf die Juden zu. Jesus ist sichtbar und hörbar für alle Jude, er trägt die Thora-Rolle in den Tempel, beim Abendmahl steht ein siebenarmiger Leuchter - das jüdische Symbol schlechthin - auf dem Tisch. Am Kreuz ruft er zu seinem Vater in der Muttersprache: "Eloi, eloi, lama Sabachtani (mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen)."

Eindrucksvollstes Zeichen der Hinwendung zum jüdischen Ursprung der Passion aber ist die Szene des Brotbrechens: Christus spricht den Segen auf Hebräisch, dazu erklingt vielstimmig das "Schma Israel" als zentrales Glaubensbekenntnis der Juden. Bei früheren Spielen hatten jüdische Organisationen den Machern der Passion stets antisemitische Tendenzen vorgeworfen - die kritischen Stimmen dürften nun endgültig verstummt sein.

Um die Forderung Jesu nach einer radikalen Umkehr der Menschen noch stärker zu betonen, hat Stückl Teile der Bergpredigt in das Spiel integriert. Mehrfach appelliert er an seine Jünger: "Denkt um." Auf der kahlen riesigen Bühne in den Farben Braun und Blau lenkt nichts ab von der Konzentration auf den Text von Joseph Alois Daisenberger (1799-1883), den Stückl und Dramaturg Otto Huber jedoch beinahe radikal verändert haben. Auch das Volk ist in Blau gekleidet, die Jünger und Jesus tragen schlichte Leinengewänder.

Zwölf Lebende Bilder - zur Handlung passende Szenen aus dem Alten Testament mit Menschen in starren Posen - sind dazu ein farbenfroher Kontrast. Und viel Farbe traut sich Kostümbildner Stefan Hageneier auch bei den Hohenpriestern.

Um die Verurteilung, Geißelung und Kreuzigung Jesu in der Abenddämmerung beziehungsweise dunklen Nacht zu inszenieren und damit imposante Lichteffekte auf der nach oben offenen Bühne zu erzielen, beginnt Stückl die Aufführungen in diesem Jahr - auch das ist neu - erst am Nachmittag.

Der Spielleiter ist ein Meister von Massenszenen. Wie er etwa beim Einzug Jesu Hunderte von Menschen, darunter sogar Säuglinge auf dem Arm ihrer Mutter, auf der Bühne platziert, ist das Besondere an der Oberammergauer Passion. Bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel sind Schafe, Ziegen und Tauben auf der Bühne. So manche Stille wird vom Blöken der Schafe durchbrochen, Babys schreien - alles Effekte, die der Regisseur bewusst einsetzt.

Eindrucksvoll gelingt Stückl auch die unmittelbar nach der Kreuzigung so schwierig darzustellende Auferstehung. Ein Engel trägt das Licht als Symbol des neuen Lebens auf die Bühne und Maria Magdalena verkündet: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Halleluja, er ist erstanden." Dazu steht Jesus stumm und beinahe überirdisch auf der Bühne.

Der 30-jährige Frederik Mayet spielt Christus ganz so, wie Stückl es will: nicht leidend, sondern stark und unbeirrt. Der gerade erst 20 Jahre alte Maximilian Stöger als Petrus, Carsten Lück (39) in der Rolle des Judas, der 19-jährige Benedikt Geisenhof als Johannes und Eva-Maria Reiser (25) als Maria Magdalena - alle jungen Hauptdarsteller kommen aus der Schauspielschule von Stückl.

Da zählt Ursula Burkhart (47) in der Rolle der Maria fast schon zur alten Garde. Zum Erfolg des Passionsspiels tragen auch die bestens disponierten Solisten, Chor und Orchester unter der Leitung von Markus Zwink bei. Für das Bühnenbild zeichnet Stefan Hageneiner verantwortlich.

Fünfmal die Woche erfüllen die rund 2400 Mitwirkenden nun in 100 Aufführungen das Pestgelübde von 1633. Sofern die Zuschauer nicht ausbleiben, werden am 3. Oktober, wenn der Vorhang zum letzten Mal fällt, rund eine halbe Million Menschen aus aller Welt die Spiele gesehen haben. Die Gemeinde als Veranstalter würde sich dann über einen Gewinn von 28 Millionen Euro freuen können - denn auch der geschäftliche Erfolg gehört in Oberammergau zur Passion.

Paul Winterer, DPA DPA

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