Patchwork-Familie "Du hast mir gar nichts zu sagen!"


Das Leben in der Patchwork-Familie ist alles andere als einfach: Alle erhoffen nur das Beste, doch jeder zerrt am anderen, und überall lauern Enttäuschungen. Vor allem die Kinder müssen ausbaden, was die Eltern nicht hinbekommen. Sie reagieren mit Spott, Trotz und Wut.
Von Nina Poelchau

Seit André aufgekreuzt ist, hängt das Kleinfamilienglück der Menck-Machons an einer Zündschnur. An diesem Samstag grillen sie auf dem Balkon in Burgberg im Oberallgäu: Wolfgang, der Vater, Arianna, die Stiefmutter, Halbbruder David - und André, 15, Wolfgangs Sohn aus erster Ehe. Um sie herum Geranien, Berge, Kuhglockengeläut. Dem Vater treten Tränen in die Augen. Er erzählt, wie dreckig es ihm nach der Trennung vor neun Jahren ging. André schwärmt ein bisschen von seiner Mutter.

Seine Stiefmutter dreht nervös die Würste, eine Weile hält sie sich zurück, schließlich platzt es aus ihr heraus: "Deine Mutter hat sich doch einfach aus dem Staub gemacht! Weißt du überhaupt, was diese Frau deinem Vater angetan hat?" André presst die Lippen zusammen. Am liebsten, wird er später sagen, würde er rufen: "Halt dich da raus, du dumme Kuh!" Er schweigt. Nicht schon wieder Streit. Herumgestochere im Salat. André denkt: Gut, dass am nächsten Morgen mein Zug fährt.

Wolfgang, Arianna, David, André: eine kleine Patchwork-Familie, eine von Hunderttausenden in Deutschland. Viel Beschönigendes ist über solche Familien im Umlauf. Jedes Problem scheint mit etwas Humor lösbar zu sein. Schaut man sich Filme zum Thema an oder blättert durch Magazine, bekommt man leicht den Eindruck: Familien, die sich nach Trennungen und Scheidungen bilden, sind zwar fast unüberschaubar komplex, aber im Grunde lustig wie Bullerbü und allemal abenteuerlicher als das spießige Modell: Mutter, Vater, zwei Kinder. Der frischeste Ratgeber, geschrieben von dem Wiener Soziologen Reinhard Sieder, trägt bezeichnend den Titel "Patchworks", ein Wortspiel, das ausdrücken soll: Zusammengesetzte Familien funktionieren. Gut sogar!

Aus Trümmern ein neues Leben zimmern

Aber das ist für viele, die an diesem Modell jeden Tag arbeiten müssen, eher ein Wunschziel als das wahre Leben. Überall lauern Loyalitätskonflikte und Enttäuschungen, fast immer ist einer dabei, der Angst hat, durchs Netz zu fallen. All das gibt es auch in "normalen" Familien, aber ungleich schwieriger ist es, ein neues Leben aus den Trümmern gescheiterter Beziehungen zu zimmern. Dabei steht am Anfang des Unternehmens Großfamilie immer ein Gebirge aus Liebe und Hoffnung und der unbedingte Glaube an dauerhaftes Glück. Gut möglich, dass gerade dies das Problem ist. "Die Vorstellung, es richtig machen zu können und es daher auch richtig machen zu müssen, sensibilisiert für Enttäuschungen und setzt den Erwartungsanspruch und den Erfolgsdruck hoch. Die Latte wird hoch gelegt und die Wahrscheinlichkeit, sie zu reißen, ebenfalls", sagt der Heidelberger Psychologe und Familientherapeut Arnold Retzer.

Je mehr Scheidungen, desto mehr zusammengewürfelte Familien gibt es. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Nach Reinhard Sieders Schätzung leben in Deutschland drei von zehn Kindern bis zu ihrem 18. Lebensjahr zumindest übergangsweise in einer Patchwork-Familie. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Stieffamilien geht von rund 850.000 Kindern aus. Sieders frohe Botschaft: Werden Grundregeln beachtet, profitieren alle. Die wichtigste: Wenn sich Eltern trennen, müssen die Kinder zu ihrer Mutter und ihrem Vater so viel Kontakt wie möglich haben. Und niemals, wirklich niemals, dürfen die neuen und früheren Partner sich gegenseitig schlechtmachen. Klingt einfach. Aber wohin mit Verletzungen, Eifersucht, Aversionen?

Bei einem Jungen wie André, kann man sagen, ist in dieser Hinsicht schon mal alles falsch gelaufen, lange bevor sich seine Patchwork-Familie fand. Seine Mutter verließ den Vater nach 25 Jahren Ehe und setzte sich mit ihren drei Kindern - zwei davon sind inzwischen erwachsen - nach Irland ab. Neun Jahre Funkstille. Neun Jahre die Dauerinfusion, der Vater sei schrecklich, geizig, verzichtbar. Warum habe der sich nicht mehr bemüht? Der Vater schickte ab und zu einen Brief, bekam nie eine Antwort, er spielte mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, traf Arianna, die ihm sozusagen das Leben rettete: Er heiratete und wurde noch einmal Vater. Endlich ging es ihm wieder gut.

Stiefmütter wollen die besseren Mütter sein

Und plötzlich, November 2006, steht André, sein Sohn, vor der Tür. Arianna erinnert sich noch genau an den ersten Eindruck. Ein schmales Kerlchen, 13 Jahre alt, schwerer Rucksack, Haare in der Stirn, unsicheres Lächeln, alles an ihm: irgendwie so verloren. Andrés Mutter war in Irland in eine Lebenskrise gerutscht, sie wusste nicht, wohin mit dem Jungen. Arianna, die neue Frau des Vaters, reagiert mit dem typischen Stiefmutter-Reflex: Sie will für André eine bessere Mutter sein, auch ihrem Mann will sie beweisen, dass sie das ist. Sie gibt sich Mühe. Sie kocht fein und richtet für André ein hübsches Zimmer her. Nur: Der Junge hält die Mutter, die er hat, für die beste. Egal, was war. Mit der Neuen will er nichts zu tun haben. Es kommt ihm so vor, als würde er seine Mutter verraten, wenn er sich Arianna annähert.

Keine Woche geht ins Land, schon gibt es Ärger. Aus dem unsicheren Jungen wird ein Wilder, der seinen Halbbruder in den Schwitzkasten nimmt und seiner Stiefmutter täglich bedeutet: "Du kannst mich mal!" Der Vater, der den ganzen Tag über nicht zu Hause ist, sitzt, wenn er da ist, hilflos zwischen den Stühlen. Er hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem lange vermissten Sohn, aber noch mehr Angst um seine Frau und den Siebenjährigen. André wird nach langen Auseinandersetzungen in Nordrhein-Westfalen ins Internat verpflanzt, sieben Stunden Zugfahrt von Burgberg entfernt. Er kommt jetzt nur noch gelegentlich zu Besuch. Und meistens brennt anschließend die Hütte.

In fast allen Internaten oder Wohngruppen für Schwierige findet man Kinder, die gegen ihre Stiefeltern revoltiert haben. Therapeut Retzer, bei dem viele Patchwork-Familien Rat suchen, fühlt sich immer wieder an "Deutschland sucht den Superstar" erinnert: Gerade bei den zweiten oder dritten Familien sind die Ansprüche irrwitzig. Wenn die erste Familie scheiterte, muss die nächste mindestens perfekt sein. Diesmal soll es gut gehen! Jeder soll jeden lieben, das ist die große Sehnsucht, nachdem es einmal schon schiefgegangen ist. Keiner soll mehr leiden.

Die Kinder müssen "sich qualifizieren"

Aber gerade deshalb darf auch keiner Probleme bereiten, Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten passen nicht ins Konzept. Bei Andrés Familie im Oberallgäu hat Retzer den Eindruck: "Der Sohn muss sich in die neue Familie hineinqualifizieren. Hier findet eine Art Casting statt, und die Frage ist, ob der Junge es in die nächste Runde, zum Recall, schafft." Was einer wie André dringend brauche? "Jemanden, der ihm überhaupt mal die Frage stellt, was er braucht, und der ernsthaft an der Antwort interessiert ist, die er auf diese Frage erhält."

Etwa 40 Prozent aller Ehen scheitern, von Patchwork-Paaren trennt sich sogar über die Hälfte wieder. Oft weil der Neuzugang seinen angemessenen Platz in der anderen Familie nicht findet - und den neuen Partner und dessen Kinder in ein Dilemma stürzt.

Mann oder Tochter? Vor dieser Entscheidung sah sich Barbara Lang aus Altshausen in Oberschwaben. Nach einigen Jahren quälender Zerrissenheit schlug sie sich auf die Seite ihrer Tochter. Vor fünf Monaten ist sie mit Stefan, 19, und Sonia, 16, ausgezogen.

Anfangs waren alle begeistert

Die arbeitslose Alleinerziehende lernte den neuen Mann über eine Annonce kennen, da waren ihre Kinder sechs und drei. Anfangs waren alle begeistert von dem Bauunternehmer, dem fröhlichen Anpacker, der sich entzückend um die beiden kleinen Kinder kümmerte und finanzielle Sicherheit bot. "Wir haben stundenlang zusammen herumgetobt", erinnert sich Sonia, und für einen winzigen Moment breitet sich ein zartes Lächeln auf ihrem ansonsten verschlossenen Gesicht aus. Ihr eigener Vater war fern, verheiratet, er wollte nicht viel Kontakt.

Sonias Bereitschaft, den Freund der Mutter quasi zu adoptieren, war zunächst groß. Manchmal nannte sie den Stiefvater Papa. Doch der neue Papa wollte nicht nur toben und das Haus abzahlen, er wollte auch etwas zu sagen haben. Er fand, die Kinder seien verwöhnt. Sie brauchten klare Regeln. Wenn sie nicht im Garten halfen, ordnete er Hausarrest an, was Barbara Lang nicht getan hätte. Heute sagt er: Er habe sich von Anfang an wie vor einer uneinnehmbaren Bastion gefühlt. Herausgedrängt, besser gesagt: nie wirklich hineingelassen. Wenn er sich autoritär verhielt, zog sich die Partnerin erschrocken von ihm zurück, auch sexuell. Oft hatte er das Gefühl: Die drei verbünden sich gegen ihn, vielleicht lachen sie ihn hinter seinem Rücken aus - "kann schon sein, dass ich mich da manchmal ungeschickt verhalten habe", sagt er heute.

Die Szene, die Sonia am schlimmsten fand: Sie ist gerade 15, hat ihren ersten Freund, der kommt abends aus dem Urlaub zurück. Ob er bis 22 Uhr bleiben dürfe? Die Mutter stimmt zu. Der Stiefvater sitzt am PC, den anderen den Rücken zugewandt, er ruft: "Nein, bis acht!" Sonia: "Aber warum? Ich hab doch keine Schule morgen!" Antwort: "Weil ich es sage. Acht!" Das ist der Moment, in dem sich Sonia nicht mehr beherrschen kann. Sie schreit ihn an: "Du hast mir gar nichts zu sagen! Du bist nicht mein Vater!" Er dreht sich um und versetzt ihr einen Stoß, der sie fast umhaut. Es ist der Gipfel einer unseligen Entwicklung. Es nützt nichts, dass er sich entschuldigt. Sonia spricht danach kein Wort mehr mit ihm. Kein einziges. Monatelang. Bis zum Auszug.

Der "Erziehungsassistent" im Hintergrund

Heute denkt das Mädchen, der Stiefvater habe sich nie wirklich für sie interessiert. Sie fühlt sich erleichtert in der engen Wohnung, in der sie jetzt mit ihrer Mutter, dem Bruder und zwei Hamstern lebt. "Es war falsch, jemanden so nah an uns heranzulassen", ist das enttäuschte Fazit der Mutter. Arnold Retzer, der Familienexperte, sagt: "Die einzige richtige Strategie ist, sich als Erziehungsassistent in Reserve zu halten. Männer, die das können, haben hervorragende Chancen, sehr bald von der Mutter einbezogen und von den Kindern respektiert zu werden."

Nur: Die wenigsten, die einen neuen Partner mit Kindern heiraten, bekommen so viel Zurückhaltung hin. Traurige Realität in vielen Patchwork-Familien: Männer, die sofort neue Regeln einführen, Stiefmütter, die beweisen wollen, dass sie besser sind als die richtigen Mütter, neue Partner, die ihre Stiefkinder ständig kritisieren. Schwierig wird es auch, wenn plötzlich unterschiedliche Erziehungssysteme nebeneinanderstehen, der eine strenger mit seinen Kindern ist als der andere. Oft geht es um Rivalität, sagt Retzer. Die Beteiligten sprechen ungern offen darüber.

Dafür geht es im Internet, anonym, umso unverkrampfter zur Sache. Zum Beispiel im Chat "9Monate". Da schreibt eine "Steffi": "Ich habs nur bis vor zwei Jahren ausgehalten, dann kam ich absolut nicht mehr damit klar, dass seine Kids laufend unser Familienleben stören und ich ständig zurückstecken muss … meine Lösung ist seitdem, dass ich an den Umgangswochenenden einfach mit unserem Sohn verschwinde. Dann kann mein Mann seine Kinder bespielen und ihnen seine ganze Aufmerksamkeit widmen. Ich verneige mich tief vor allen, die fremde Kinder mögen und sie in die neue Familie integrieren. Hut ab, wer so was kann. Ich nicht."

Kinder erinnern immer an den alten Partner

Die Kinder aus den früheren Beziehungen erinnern penetrant daran: Der neue Partner hatte schon mal eine große Liebe. Mit der oder dem hatte er oder sie Kinder. So einzigartig, wie man das gern hätte, ist man also gar nicht. Und so richtig einzigartig ist auch das gemeinsame Kind nicht. Bei Trennungen ohne Kinder dauert es ein bisschen - aber es funktioniert fast immer, den früheren Partner in der Erinnerungskiste verschwinden zu lassen und nur noch herauszuholen, wenn man das will. Wenn Kinder da sind, geht das nicht. Die halten die Fahne der Verflossenen hoch. Sie sorgen dafür, dass Schuldgefühle glimmen. Und: Diese kleinen, unbeirrbaren Familienfreaks klammern sich an alles, was die Hoffnung nährt, dass Mama und Papa eines Tages doch wieder zusammenfinden könnten.

Ruth* (*Namen von der Red. geändert) ist so ein Kind, acht Jahre alt, ein intelligentes Mädchen, reif für ihr Alter, super Noten. Solche klugen Sätze formuliert sie, als wäre es nichts: "Also, ich könnte die Britta eigentlich schon mögen. Wenn sie nicht damit zu tun hätte, dass meine Eltern nicht mehr zusammen sind. Britta muss für mich deshalb immer das Böse bleiben." Stammt der Satz von ihr? Von ihrer Mutter? Niemand weiß das so genau, wahrscheinlich nicht mal Ruth selbst. Vor drei Jahren ist Matthias*, der Vater von Ruth und Felix*, 4, zu Hause ausgezogen. Der Grund: eine stürmische Liebe zu seiner Kollegin Britta*, die sich ebenfalls - mit tausend Gewissensbissen - von ihrem Mann trennte.

Seit einem halben Jahr wohnen Matthias, Britta und Brittas drei Töchter zusammen in einem engen Reihenhaus am Rand von Hannover. Ein gepflegter Klinkerbau mit vielen bunten Blumen im Garten, doch wenn man die Familie besucht, schleicht sich Beklemmung ein. Es ist, als wäre das Haus mit Schuldgefühlen gedämmt. Abendelang zerbrechen sich Britta und Matthias die Köpfe, ob es moralisch richtig war, der Liebe den Vorzug zu geben und die alten Familien zu verlassen. Sie beobachten, ob die Kinder Störungen entwickeln. Beide sind Ärzte, sie kennen die Studien: Scheidungskinder sind störungsanfällig. Vor allem, wenn die Eltern nach der Trennung nicht mehr miteinander können. Ihre Lösung sieht jetzt so aus: Sie geben alles, um den Schmerzlevel bei den Ex-Partnern so niedrig wie möglich zu halten - und verzichten dafür auf eigene Visionen und Glück.

Die Einzimmerwohnung für alle Fälle

Matthias nimmt Britta nicht zu Familienfesten mit. Er will so lange mit der Scheidung warten, bis die Mutter seiner Kinder den Schritt gut verkraftet. Er spurtet los, wenn sie im Garten Hilfe braucht. Ein eigenes, großes Haus mit Britta und deren Töchtern - das, glaubt er, wäre viel zu verletzend für die anderen. Umgekehrt: Als Britta für ein paar Tage ins Krankenhaus muss, zieht ihr Ex-Mann ein und kümmert sich um die Kinder, so wie die sich das gewünscht haben. Matthias verschwindet so lange in einer Einzimmerwohnung, die er sich vorsichtshalber noch hält.

Auch die Eltern von Matthias tragen ihren Teil dazu bei, dass das Patchwork-Leben in dieser Familie feststeckt. Sie hadern: Jeder Schritt, den sie auf Matthias' neue Liebe zugehen, ist ein Schritt weg von ihrer seelisch schwer verletzten Schwiegertochter. Jedes Geschenk, das sie Matthias' Stiefkindern machen, ein Schlag ins Gesicht ihrer echten Enkel. Einmal hat Ruths Großmutter der Tochter von Britta ein Pferdebuch geschenkt. Als Ruth das erfuhr, kreischte sie auf wie mit dem Messer direkt ins Herz getroffen: "Diese Blöden nehmen mir alles weg. Zuerst meinen Papa und jetzt auch noch meine Großmutter!" Das sitzt.

"Hier ist alles Kack." Das ist einer der Lieblingssätze von Ruth, wenn sie die neue Familie ihres Vaters besucht. "Kack!", ruft sie, wenn Britta den Weihnachtsbaum schmückt, Suppe kocht und statt Porzellantassen - wie ihre Mutter zu Hause - Ikea-Geschirr auf den Tisch stellt. In dieser Familie hilft nur eins, da ist Arnold Retzer, der Heidelberger Familientherapeut, sicher: klarer Wein für alle! Grenzen! Und wenn der Schock noch so groß ist für die Ex-Frau und die Kinder, Matthias müsste sich scheiden lassen und signalisieren: Seine Ehe ist beendet. Erst dann kann getrauert werden. Und nach dem Trauerprozess ein Neuanfang kommen - für alle.

Gibt es eine Perspektive?

Im Lehrbuch funktioniert das so. Aber ist einer wie Matthias wirklich schon restlos gelöst von seiner alten Familie? Gibt es Aspekte, die ihn zurückziehen? Können Britta und er im großen Patchwork-Durcheinander, in diesem Urwald aus Schuldgefühlen, überhaupt sicher sein, dass die anfängliche Verliebtheit ausreicht für eine Perspektive?

Das ist ja das Schwierige in Patchwork-Familien: Die Liebespaare haben meist keine Zeit, sich kennenzulernen und sich in Ruhe auf ein Familienleben vorzubereiten. Immer sind Kinder da, Ex-Partner, Verwandte, die jede Bewegung wie mit dem Opernglas verfolgen, die beim ersten Konflikt denken: "Musste ja schiefgehen." Kinder brauchen Klarheit. Neue Paare Zeit, ihre Gefühle zu klären. Und das passt oft überhaupt nicht zusammen.

Man könnte auf den ersten Blick sagen: Die Familie Kahle-Manojlovic aus Laupheim hat es geschafft. Patch works. Sechs Jahre leben sie zusammen, sie haben sich zusammengerauft. Der Fahrschulchef Michael und seine dritte Frau Ana haben jeder eigene Kinder und drei gemeinsame Töchter, die das Paket Familie zusammenbinden. Es wird geredet, gestritten, gelacht - die Halbbrüder schleppen die Halbschwestern durch das immer etwas chaotische Haus, manchmal endet das Ganze mit Beschimpfungen, doch spätestens beim nächsten Essen sitzen alle wieder zusammen, und der Groll ist weg.

Der Stiefvater ist nur der Stiefvater

Zentrum des Geschehens ist an diesem Samstag Michael Kahle. Lange Haare, jungenhaftes Lachen, das im Moment etwas gequält wirkt, er liegt nach einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus. Seine neue Familie ist um sein Bett versammelt: Ana, seine Frau, deren Söhne Dario, 18, und Nikola, 15, die gemeinsamen Töchter Lena, 5, Nina, 3, und Mia, ein Jahr alt. Alle machen sich Sorgen. Schließlich, scherzen sie, geht es hier um den Mann, der fünf Kinder und eine Hausfrau versorgt und außerdem für seine beiden Söhne aus erster Ehe Unterhalt zahlt. Anas Söhne sagen, dass sie bestens mit ihrem Stiefvater auskommen: "Erstens ist er fast nie da, zweitens lässt er uns in Ruhe." Für die beiden ist die Hierarchie klar: Ihr "richtiger" Vater lebt in Tübingen. Der ist Nummer eins, cool, der guckt mit ihnen Filme an. Der Stiefvater ist nur der Stiefvater. Dass der Vater keinen Unterhalt beisteuert, hat der Stiefvater noch nie gegen sie verwendet, das rechnen ihm Dario und Nikola hoch an. Das auch: Mutter Ana ist aufbrausend, Michael tendiert zur Gleichgültigkeit. Zum Beispiel, wenn es um schlechte Schulnoten geht. "In Ordnung, der Typ", sagen beide, und: "Nee", mit der Mutter allein wohnen, das würden sie nicht mehr wollen.

Doch Ana fühlt sich an ein Mobile erinnert, das immer nur kurz zur Ruhe kommt. Ein Windstoß, schon geraten alle Einzelteile in Bewegung. Schließlich gibt es bei ihnen nicht nur diese eine Patchwork-Familie unter einem Dach: Vater, Mutter, fünf Kinder. Sondern - und jetzt macht man sich am besten eine Zeichnung, um den Überblick zu behalten: Drei Straßen weiter wohnt die zweite Patchwork-Familie, die mit der Familie Kahle-Manojlovic eng verwoben ist und die sie manchmal am liebsten auf den Mond schießen würde: Simone, Michaels Ex-Frau, mit ihrem Mann Alex, ihrer gemeinsamen dreijährigen Tochter Kathleen und den beiden Söhnen aus Simones Ehe mit Michael: Janik, 12, und Julian, 14.

Vor Kurzem feierte Julian Konfirmation. Nur sein Vater erschien. Ana, seine neue Frau, nicht. War sie nicht eingeladen? Wollte sie nicht? Ana sagt: "Ich war nicht ausdrücklich eingeladen." Simone sagt: "Es stand nirgends, dass man sie nicht dabeihaben wollte." Die beiden Frauen mögen sich nicht.

Bevor die Neue kam, war alles gut

Worüber sich Simone, die Ex-Frau, ärgert: Bevor Ana, die Neue, auf die Bühne kam, war die Lage entspannt. Die Trennung lag einige Jahre zurück, Simone arbeitete weiter in der Fahrschule ihres Ex-Mannes. Der schaute immer wieder auf einen Kaffee vorbei, ab und zu ging er mit dem neuen Mann seiner Ex-Frau sogar ein Bier trinken. Alles bestens also, alles so, wie sich das Familienforscher Reinhard Sieder wünschen würde: Wertschätzung war da, freundschaftlicher Kontakt auch, gleichzeitig klar gezogene Grenzen. Den Kindern ging es gut.

Jedoch: Als Michael sich in Ana verliebt, ist plötzlich Schluss mit Freundschaft. "Was vorbei ist, ist vorbei", haut seine neue Liebe ihm hin. Michael muss Simones Mitarbeit in der Fahrschule beenden. Der Kontakt zwischen Söhnen und Vater wird komplizierter - wie so oft, wenn getrennt lebende Elternteile neue Lieben finden, vor allem neue Lieben mit Kindern.

Zuerst reagiert Julian. Er will den Anschluss nicht verlieren, zieht zum Vater und dessen neuer Frau Ana. Und fühlt sich bald schrecklich: Die Stiefbrüder und die Stiefmutter erscheinen ihm wie aus einem Aschenputtel-Märchen entstiegen. Sie haben völlig andere Prinzipien, als er sie von zu Hause kennt. Meist geht es ums Essen. Julian ist übergewichtig und kein Gemüsefreund: Ana lässt ihn so lange am Tisch sitzen, bis er Zucchini und Tomatensalat, den er hasst, heruntergewürgt hat. Der Vater ist fast nie zu Hause. Und wenn, dann will er keinen Ärger riskieren. Er lässt den Jungen mit solchen Sätzen vor seinem Teller ausharren: "Die Ana meint's doch gut. Jetzt iss es halt, sonst gibt es wieder Zoff."

Heute lachen sie darüber

Nach einem Jahr zieht Julian zurück zu seiner Mutter. Heute, behauptet er, kann er zusammen mit Ana über die Salat- und Gemüseszenen lachen. Darüber lachen sie sich sogar fast kaputt: Julians aktueller Berufswunsch ist Koch.

Doch wie so oft in Familien: Kaum ist ein Brandherd gelöscht, schlagen woanders Flammen hoch. Jetzt steht Janik im Fokus, Julians Bruder, der jüngere Sohn von Simone und Michael. Der Zwölfjährige treibt sich auf der Straße herum, kommt nachts zu spät nach Hause. Früher empfand er den neuen Mann seiner Mutter als "Superkumpel", jetzt gibt es häufige Auseinandersetzungen. Wenn der Junge etwas tun soll, wozu er keine Lust hat, ruft er: "Du bist nicht mein Vater!" Manchmal, sagt sein Stiefvater, würde er "dem Burschen" am liebsten ein paar Ohrfeigen verpassen. Er bremst sich, schweigt, räumt selbst die Schultaschen und Schuhe weg, die immer im Flur liegen. Die Atmosphäre: "einfach unerträglich", finden alle. Und Janik, der aus der Ferne zuhört, was sein Stiefvater erzählt, freut sich, hinzufügen zu können: "Für mich ist einfach mein Vater der Allerallerbeste, da kommt keiner ran." Nur ist der halt nie da.

Vor Kurzem hat Simone, Janiks Mutter, einen Familienpsychologen konsultiert. Gerade jetzt in der Pubertät brauche der Junge Halt - aber er wisse nicht, an wen er sich halten solle, wurde da analysiert. Janiks Vater hat sich das zu Herzen genommen. Michael hat nachgedacht und seinen schwierigen Sohn ans Krankenbett bestellt. Er will ihm ein Handy schenken. Der Deal: "Dafür musst du für mich immer erreichbar sein." Janik strahlt. Er war schon im Handyladen. 239 Euro kostet das schönste Exemplar. So viel will Michael nicht ausgeben, das wäre ungerecht gegenüber den vielen anderen Kindern, die ihn wie Satelliten umschwirren. Janik ruft vergnügt, bevor er ins Krankenhaus abdüst: "Darüber werde ich jetzt mit meinem Dad verhandeln" - und man hat das Gefühl, das Verhandeln mit dem Vater sei ihm wichtiger als das teuerste Telefon.

Aufmerksamkeit kann man nicht einfordern

Wie viel Anspruch gibt es auf Kontakt zum entfernt lebenden Vater oder zur entfernt lebenden Mutter? Kann man Aufmerksamkeit einfordern? Eine zentrale Frage nach Trennungen, an der sich immer wieder der Kleinkrieg entzündet. Familienexperte Retzer stellt klar: "Es ist immer nur so viel Kontakt möglich, wie der Vater oder die Mutter will. Das kann schmerzhaft sein. Langfristig ist es aber hilfreich, wenn Kinder früh erfahren, wie ihre Eltern wirklich sind."

Und er schiebt an dieser Stelle etwas Grundsätzliches nach, etwas, das er seinen Klienten besonders gern auf den Weg durch den Beziehungsdschungel mitgibt: "Leben bedeutet zu erkennen, dass die Vorstellungen, die man von Familie hat, Illusionen sind. Wer noch im Alter daran festhält, dass sich seine Bilder erfüllen müssen, der hat eine große Aufgabe seines Lebens nicht gelöst."

André, der Junge, der im Internat lebt, hat vorerst den Wunsch begraben, eines Tages eine "richtige Familie" zu haben, eine, in der alle miteinander klarkommen. Er hat erfolgreich Briefe geschrieben ans Jugendamt, es möge weiterhin die Kosten für die "Maßnahme Internat" bezahlen, so um die zweieinhalbtausend Euro im Monat, das könnte sich sein Vater nicht leisten, und ins Allgäu, zu Arianna und dem Halbbruder, ziehen wolle er auf keinen Fall. Nur im Internat, sagt er, sind Menschen, die ihn akzeptieren, wie er ist, und keine Absichten hegen, ihn gegen irgendjemanden aufzuhetzen.

Nach seinem letzten Besuch in Burgberg hat er ein Gedicht geschrieben, "eine Zustandsbeschreibung": "Gespalten in zwei Hälften geht mein Kopf durch die Welt/gespannt und geängstigt/bekommt er Geschichten erzählt/laufend am sprechen/und doch ganz, ganz still/noch kein gebrochener Wille/und doch kein Ziel …"

Doch halt: Ein Ziel hat er. Sobald ihm jemand das Geld dafür gibt, will er nach Irland fliegen. Mal nachsehen, wie es seiner Mutter geht.

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