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Priester und der Zölibat: "Zerrissen zwischen Liebe und Beruf"

Rom wählt einen neuen Papst. Wunibald Müller, Leiter eines Therapiezentrums für Priester, wünscht sich von ihm - wie viele Pfarrer auch - endlich das Ende des Zölibats.

In Ihrem Haus suchen Priester Hilfe. Welche Rolle spielt dabei der Zölibat?
Es kommen immer wieder Männer hierher, die in einer Beziehung mit einer Frau leben und sich die Frage stellen: Will ich so weitermachen, das Amt aufgeben oder die Beziehung beenden? Es sind bestimmt fünf bis zehn Priester jedes Jahr.

Was plagt diese Menschen?
Sie sind zerrissen zwischen der Liebe zum Beruf und zu einer Frau. Manchmal ist beides gleich stark vorhanden. Dann ist die Zerrissenheit grenzenlos.

Wie zeigt sich die Zerrissenheit?
Sie sind einfach verzweifelt, manchmal depressiv. Sie hadern mit der Kirche. Einige haben Wut, weil die Kirche verlangt, die Frau nicht lieben zu dürfen, sie verlassen zu müssen.

Ist es einfach, mit ihnen darüber zu sprechen?
Ja. Kaum sind sie hier, platzt es aus ihnen heraus. Hier können sie endlich in einem geschützten Raum reden. In ihren Gemeinden ist es ja meist tabu.

Was bewegt die Menschen, den Zölibat zu brechen?
Es beginnt oft mit einer Krisensituation. Sie leiden unter der vielen Arbeit in den Gemeinden, die Seelsorge für so viele Menschen überlastet sie. Da wächst das Verlangen nach jemandem, mit dem man sich darüber austauschen kann. In der Krise wird die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit größer. Das ist oft der erste Anlass für Intimität. Manche nutzen dafür die Nähe aus, die ihnen die Seelsorge bietet. Oder sie wärmen alte Freundschaften und Bekanntschaften auf. Und einige nutzen Pornographie oder Prostitution.

Glauben Sie denn, dass sich Sexualität verdrängen lässt, so wie es der Zölibat von einem Priester verlangt?
Ein Verdrängen funktioniert nicht. Ich kann nur aus bewussten Gründen die Sexualität zurückhalten. Dafür muss ich wissen, warum ich auf Sexualität verzichte. Ich muss den Sinn des Zölibats erkennen.

Ist das nicht zu viel verlangt von allen Priestern?
Ganz sicher. Der Kreis derjenigen, die das können, ist sehr begrenzt. Wenn man an dem Pflichtzölibat festhalten will, muss man bei der Auswahl der Kandidaten genau hinschauen.

Ein Priester ist gerade einmal Mitte, Ende 20, wenn er sich für den Zölibat entscheidet. Kann man da so eine Entscheidung für das ganze Leben treffen?
Das geht nur, wenn man die Macht der Sexualität kennt und gespürt hat. Hat man sich schon mal richtig verliebt? Das ist eine unfassbare Wucht, man muss sie kennen.

Sie sind gegen den Pflichtzölibat. Warum?
Der Zölibat ist eine wunderbare Sache für jene, die die Reife und das Charisma dafür haben. Aber ich bin gegen den Zwang, weil vielen Priestern die Motivation dazu fehlt. Sie reiben sich ein Leben lang auf, hinken immer hinterher, wollen etwas leben, was sie überfordert. Eigentlich soll der Zölibat den Priestern Energie schenken, aber bei vielen passiert genau das Gegenteil. Die ganze Energie wird nur aufgebraucht.

Glauben Sie, ein zölibatär lebender Priester ist ein besserer Priester?
Nein, der Zölibat ist kein Kriterium. Priester, die in Beziehungen leben, können es genauso gut.

Wie können Sie den Priestern helfen?
Sie können sich hier im Klaren darüber werden, welchen Weg sie einschlagen wollen. Amt oder Frau. Oder beides. Das müssen die Priester entscheiden.

Unterstützen Sie sie in dem Wunsch, eine heimliche Beziehung zu leben?
Wir unterstützen das nicht. Ideal ist es, man entscheidet sich für das eine oder andere. Aber wir möchten auch denjenigen beistehen, die sich für beides entscheiden.

Die Heimlichkeit ist eine große Belastung.
Ich darf mich nicht bekennen. Dadurch sind soziale Kontakte sehr begrenzt. Ich darf meine Partnerschaft nicht ausleben. Ich bewege mich in einer Welt von Halblügen und Lügen. Das belastet meine Seele. Und gegenüber den Gläubigen gebe ich etwas vor, was ich nicht wirklich tue. Darunter leidet meine Glaubwürdigkeit.

Und die Gesundheit?
Im Extremfall schon. Aber es gibt auch einige Pfarrer, die leben mit ihrer Haushälterin zusammen. Alle im Dorf wissen es und nehmen es mit einer Selbstverständlichkeit wahr. Der Pfarrer geht nicht damit hausieren, er lebt die Beziehung in einer gewissen Natürlichkeit und Transparenz. Und die Gemeinde schätzt ihren guten, gastfreundlichen, offenen Pfarrer, der selbstverständlich etwas lebt, was nicht offiziell gelebt werden darf.

Aber was bedeutet so eine Situation für die Kirche, die offiziell am Pflichtzölibat festhält?
Sie wird unglaubwürdig. Die Kirche müsste der Wirklichkeit ins Auge sehen. Die Menschen spüren, dass die Pfarrer nicht einlösen, was von ihnen gefordert wird. Das bekommt ein Geschmäckle von Doppelbödigkeit und der Unglaubwürdigkeit. Die Kirche muss sich gut überlegen, ob sie am Pflichtzölibat festhalten will.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Konklave?
Ich hoffe auf eine Lockerung der Zölibatsverpflichtung. Es sollte den Männern, freigestellt werden. Und ich wünsche mir, dass dir Kirche auch irgendwann dazu steht, dass Homosexuelle zu Priestern geweiht werden. Und langsam könnte sie auch damit anfangen, Frauen miteinzubeziehen. Ein erster Schritt wäre die Weihe von Frauen zu Diakoninnen.

Dominik Stawski
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