Pro + Kontra Sollen Ärzte Sterbehilfe leisten dürfen?


In Deutschland wird heftig darüber diskutiert, ob man todkranken Menschen, die unter Schmerzen leiden und keine Hoffnung mehr haben, beim Sterben helfen darf. Für stern.de haben zwei Experten ihre gegensätzliche Meinung aufgeschrieben.

Kontra: Töten ist verboten, begleiten ist geboten

Die Beihilfe zum Suizid in der Schweiz sollte uns ein warnendes Beispiel sein. Die Praxis zeigt, mit welch schwer fassbarem und extrem weit auslegbaren Inhalt die Beihilfe zur Selbsttötung verbunden ist: Wann ist die ärztliche Unterstützung bei einer Selbsttötung geboten?

Etwa "nur" bei körperlichen Leiden? Was ist mit seelischem Leiden? Wer legt fest, wie groß das Leiden sein muss? Kann ein Arzt objektiv feststellen, wann ein Leiden unerträglich ist? Sollte der Arzt nicht denjenigen den Gift-Becher reichen dürfen, die ihn nicht selbst zum Mund führen können? Wo endet die Beihilfe zur Selbsttötung? Wo fängt aktive Sterbehilfe an? Wie viel darf der Arzt für diese Dienstleistung in Rechnung stellen?

Der 66. Deutsche Juristentag forderte, die Mitwirkung des Arztes am Suizid eines Patienten mit "unerträglichen, unheilbaren und palliativmedizinischen Mitteln nicht ausreichend zu lindernden Leiden" als strafrechtlich zulässige und ethisch vertretbare Form der Sterbegleitung zu tolerieren. Damit stellt er sich in Gegensatz zu Beschlüssen früherer Juristentage.

In einem strafrechtlichen Kategorien-Geklappere über die verschiedenen Formen der Sterbehilfe ging die Klärung der Voraussetzungen des ärztlich assistierten Suizids vollkommen unter. Und das ist nicht verwunderlich: Denn wie soll etwas Subjektives wie Leiden objektiv bestimmt werden?

Rechtlich normierte Antworten auf diese Fragen sind schier unmöglich und lassen nur einen Schluss zu: Ärztlich assistierter Suizid und aktive Sterbehilfe dürfen weder zu einer gesellschaftlich anerkannten Form der Sterbebegleitung noch zu einer ausdrücklich juristisch legalisierten Antwort auf die Not und das Leid von schwerstkranken und sterbenden Menschen werden. Für ärztliches Handeln heißt das ganz eindeutig: töten ist verboten, begleiten ist geboten. Passive und indirekte Sterbehilfe sind in Deutschland erlaubt.

Ärzte dürfen die Maschinen abstellen, Ärzte dürfen Magensonden ziehen, Ärzte dürfen Schmerzen therapieren und dabei bis an die Lebensgrenzen gehen, um Leiden zu lindern. Dabei muss einerseits der Wille des Patienten klar sein, andererseits müssen Ärzte ihr Handwerk verstehen. Genau das kennzeichnet den verfassungsrechtlich garantierten Anspruch der Unantastbarkeit der Würde. Wenn bis heute nur 2,5 Prozent der Sterbenden in Deutschland Palliativmedizin erhalten, muss die Politik diesen Verfassungsbruch verantworten.

Pro: Suizidhilfe muss legalisiert werden

Ein Arzt sollte seinem unheilbar kranken Patienten auf dessen ernsthaften Wunsch hin offen und legal Suizidhilfe leisten dürfen – auch in Deutschland.

Palliativmedizin macht die Diskussion um Suizidhilfe keineswegs überflüssig: Manche Patienten leiden unstillbare Schmerzen, andere wünschen sich auch ohne Schmerzen und mit lieben Angehörigen ein schnelles Ende ihres Siechtums. Wer könnte sich anmaßen, solche Suizidwünsche moralisch zu verurteilen?

Schwerstkranke sind oft unfähig, sich das Leben ohne fremde Hilfe zu nehmen. Und der Wunsch, dies mit Medikamenten wenigstens sicher und erträglich zu bewerkstelligen, ist nur allzu verständlich. Sie bräuchten also ein Rezept – aber oft auch die hilfreiche Anwesenheit des Arztes im Ernstfall. Um wie viel menschlicher wäre das als der Suizid-Tourismus auf schweizerische Parkplätze.

Der standespolitische Widerstand der Ärztekammer gegen Suizidhilfe steht gegen die mehrheitliche Meinung der Öffentlichkeit. Vor allem aber entbehrt er einer plausiblen Rechtfertigung. Denn warum sollte Suizidhilfe in solchen Extremfällen unärztlich sein? Für echte Krisen wünschen wir uns zu Recht den Arzt als Freund – mit Fachkompetenz, Hilfsbereitschaft und Respekt vor unserer Selbstbestimmung. Natürlich soll es diesem Arzt-Freund zumeist um Heilung, Linderung und Rettung gehen – aber in Grenzfällen eben auch um andere kompetente Hilfe.

Wer seinem schwerstkranken Patienten bei der Selbsttötung hilft, weil der Rod für diesen das kleinere Übel wäre, ist kein Schurke – im Gegenteil. Und doch heißt es oft, schon die dahinter stehende Absicht verstoße gegen das ärztliche Ethos. Was für ein unrealistisches, defensives, ja unsympathisches Arztbild.

Länder, in denen ärztliche Suizidhilfe offen praktiziert wird, zeigen: anhaltend wenige Patienten machen am Ende von dieser Option Gebrauch – aber etliche beruhigt es schon, für den schlimmsten Fall ein Rezept in der Tasche haben zu können, das sie dann doch nie einlösen. Und das Verhältnis zu Ärzten wird offener. Ich bin überzeugt: ärztliche Suizidhilfe als eine letzte Hintertür offen zu halten, wäre ein Gewinn an Menschlichkeit.


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