HOME

Protest gegen Neonazi-Aufmarsch in Magdeburg: Schwere Ausschreitungen zwischen Polizisten und Linken

Bunt statt Braun. Magdeburg zeigt Gesicht und protestiert gegen den Aufmarsch von mehr als 1000 Neonazis. Am Abend kam es aber zu Ausschreitungen. Linke bewarfen Polizisten mit einer Betonplatte.

Mit einer Menschenkette, Mahnwachen, Informationsständen und einem bunten Programm haben am Samstag tausende Menschen in Magdeburg gegen Rechtsextremismus protestiert. Nach Angaben von Polizei und Stadtverwaltung beteiligten sich rund 10.000 Menschen an den Aktionen unter dem Motto "Meile der Demokratie". Nach den zunächst friedlichen Protesten gerieten am Abend linke Gruppen und die Polizei aneinander. Aus einem Szenetreff im Stadtteil Stadtfeld heraus wurden Beamte unter anderem mit einer Betonplatte beworfen. Verletzt wurde aber niemand.

Die Polizei hatte nach der Kundgebung Mitglieder der linken Szene zurück in das Haus in der Alexander-Puschkin-Straße begleitet, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur DPA. Plötzlich sei die Betonplatte direkt neben den Beamten auf dem Boden aufgeschlagen. Auch andere Gegenstände wie Blumenvasen und "Sanitärkeramik" seien aus den Fenstern geworfen worden. Ob es sich dabei um Waschbecken oder ein WC handelte, konnte demnach nicht mehr festgestellt werden.

Ermittlungen wegen "versuchten Totschlags"

Im Anschluss an die Wurf-Attacken umstellten Beamte das Gebäude. Nach Vermittlungen durch Anwälte verließen die Bewohner das Haus am späten Abend freiwillig. Die Polizei nahm die Personalien auf, anschließend wurden die Räume durchsucht. Die Werfer konnten zunächst aber nicht identifiziert werden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln unter anderem wegen versuchten Totschlags.

Zuvor hatten am Nachmittag Tausende Gesicht gezeigt und mit verschiedenen Aktionen gegen den Rechtsextremismus demonstriert. Anlass war ein alljährlicher Aufmarsch von Neonazis, an dem nach Polizeiangaben diesmal 1200 Rechte aus ganz Deutschland teilnahmen. Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper und Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (beide SPD) betonten zur Eröffnung der nunmehr vierten Meile, dass die Stadt und mehr als 150 Initiativen ein kraftvolles Zeichen gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass setzen wollten.

Eine "Meile der Demokratie"

Die NPD ruft seit Jahren anlässlich der Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945 zu einem Aufmarsch in der Landeshauptstadt auf. Bei dem Luftangriff wenige Monate vor Kriegsende waren etwa 2500 Menschen ums Leben gekommen. Um Ausschreitungen zu verhindern, war die Polizei mit einem Großaufgebot auf den Straßen unterwegs.

Zur "Meile der Demokratie" war auch Prominenz aus der Bundespolitik gekommen. SPD-Chef Sigmar Gabriel, Grünen-Bundeschefin Claudia Roth und die Chefin der Linken, Gesine Lötzsch, forderten in ihren Ansprachen erneut ein Verbot der NPD und würdigten das Engagement der Magdeburger im Kampf gegen Rechts.

Am 16. Januar 1945 war Magdeburg schwer getroffen worden. Fliegerbomben zerstörten rund 90 Prozent der Altstadt. Magdeburg galt neben Dresden und Köln als eine der im Zweiten Weltkrieg am schwersten zerstörten Städte. Ziele der Bombenangriffe waren unter anderem die Schwermaschinenindustrie mit Panzerfabriken und Werke der Braunkohle-Benzin AG, die für die Kriegsführung wichtig waren.

DPA / DPA