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Protest gegen Uni-Kleiderordnung: Nackig in die Vorlesung

Mit nackten Tatsachen gegen die Prüderie: In Ungarn hat eine Universität eine rigide Kleiderordnung eingeführt. Die Studenten reagierten empört - einige ließen ihre Kleider gleich ganz zuhause.

Von Jens Wiesner

Heimlich, still und leise haben Schlonz und Schlendrian Einzug gehalten in die ehrwürdigen Hallen der Universität von Kaposvar. In Shorts flegelten sich die Kerle in die Sitze ihrer Hörsäle, durch die Flure der Alma Mater schallte das klatschende Geräusch von Flipflopsohlen auf dem Fußboden. Und die Damen? Keinen Deut besser: Die Röcke kurz, die Ausschnitte tief, das Make-up dick. Kurz: die Moral im Eimer.

So sah es jedenfalls Ferenc Szávai. Irgendwann konnte der Rektor der staatlichen Hochschule im Südosten Ungarns diesem Treiben einfach nicht mehr tatenlos zusehen. Also setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfasste einen Brief, auf dass endlich wieder Sitte und Ordnung in sein Institut einkehrten.

"Vom 1. Oktober an wird es in dieser Universität keinen Platz mehr für kurze Röcke, Flipflops, dick aufgetragenes Make-up, unangemessene Mode-Accessoires oder ungepflegte Fingernägel und zerzauste Haare mehr geben", goss der Hausherr sein donnerndes Machtwort in eine Anordnung und fügte eine von nun an zu geltende Kleiderordnung hinzu.

Auch der Dozent zog blank

Ordentlich angezogen heißt für männliche Studenten der Kaposvar-Uni nun: mindestens Polo-Shirt, lange Hose und geschlossene Schuhe. Für Frauen ziemen sich lange Röcke oder Hosen, Bluse oder Jacke.

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten: Doch anstelle von proper und adrett gekleideten Studierenden, huschten plötzlich nackte Pos und Brüste durch die Institution. Zehn Studenten und Studentinnen der Kunstfakultät müssen die Anordnung ihres Rektors wohl etwas frei interpretiert haben. Am Donnerstag erschienen sie jedenfalls oben ohne, manche gar ganz nackend, bedeckt nur durch ein strategisch platziertes Textbuch, zur Vorlesung. Und ihr Dozent? Der machte mit und ließ ebenfalls die Hosen runter.

Weitgehend angezogen, dafür aber mit einer gehörigen Portion Ironie, formiert sich der Protest im Internet. Auf der Facebook-Seite "Dresscode 2013 KE" spotten die Studenten über ihren prüden Rektor und posten Fotos von burkatragenden Frauen. Das links-liberale "Hallgatói Hálozat" (Studentennetzwerk) veröffentlichte eine "Anziehpuppe" des Rektors zum Ausschneiden, an der verunsicherte Studierende den korrekten Dresscode üben können.

Ob die Anordnung auch einer gerichtlichen Prüfung standhält, ist unklar: Eine Rocklänge oder die Intensität von Parfums und Schminke seien nicht objektiv messbar, erklärten Kritiker und forderten die Rücknahme der Anweisung.

Darauf setzen auch die Studenten der Uni. Sie wollen sich weiter für eine Aufhebung der neuen Kleiderordnung stark machen. Für Montag haben sie bereits eine weitere Aktion angekündigt - Beachtag mit Flipflops und Badetuch. Das Adamskostüm soll dann allerdings im Schrank bleiben.