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Prozess zu Vatileaks-Affäre: Die Kirche muss sich endlich öffnen

Die Kirche hinke der Geschichte 200 Jahre hinterher, monierte gar ein Kardinal. In Rom beginnt heute der Prozess um den Vatileaks-Skandal. Es ist eine Chance für die Kurie, sich liberaler zu zeigen.

Ein Kommentar von Tobias Bayer

Da sage doch noch einer, die katholische Kirche erreiche nicht mehr die Menschen. Stundenlang standen die Mailänder Anfang September in Schlangen vor dem Dom, um dem verstorbenen ehemaligen Erzbischof der lombardischen Metropole und Kardinal Carlo Maria Martini die letzte Ehre zu erweisen. Der Jesuit, gebürtig aus Turin, war beliebt im Volk, nicht zuletzt wegen seiner liberalen Einstellungen. Der Kirche gab Martini in einem posthum erschienenen Interview eine deftige Ohrfeige mit. Sie hinke 200 Jahre hinterher, so Martini.

Ob die Kirche aufwacht, zeigt sich ein Stück weit ab dieser Woche. Es beginnt der Strafprozess gegen den Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, der Dutzende Privatbriefe an die Presse weitergeleitet haben soll. Der Journalist Gianluigi Nuzzi veröffentlichte die brisanten Dokumente in dem Buch "Sua Santità". Er löste den Skandal "Vatileaks" aus, der den Heiligen Stuhl als ein Hort der Eitelkeiten und Machtspiele erscheinen lässt. Mittendrin tappt Papst Benedikt XVI. umher, als hilfloses Opfer einer hinterhältigen Kamarilla.

Die Kirche hat ihr eigenes Rechtssystem

Viel ist darüber gemutmaßt worden, ob Gabriele allein gehandelt hat oder Teil einer großen Verschwörung ist. Viel ist darüber gemutmaßt worden, wer im Vatikan welches Interesse hat, dem Papst zu schaden. All die Geschichten und Spekulationen lesen sich wie eine Mischung aus Dan Browns Bestseller "Sakrileg" und "Cluedo". Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Prozess gegen Gabriele Aufschluss darüber gibt, ob es sich um Fakten oder Fantasien handelt. Entscheidend ist etwas anderes: Wie geht die Kirche damit um? Welche Lehren zieht sie aus Vatileaks?

Die Frage berührt ein grundsätzliches Thema. Es geht um das Verhältnis zwischen Kirche und Staat und um das Verständnis der Kirche von Weltlichkeit. Die Kurie, also den Verwaltungsapparat des Papstes, gibt es seit dem elften Jahrhundert. Sie verfügt über ein eigenes Rechtssystem, das sich aus den katholischen Glaubensregeln herleitet. In einem gewissen Sinn grenzt sich die Kirche ab vom Rest der Gesellschaft. Sie ist ein Sondersystem oder - laut einer Idee zu Zeiten der Gegenreformation - eine "Societas perfecta", die ihren Bestand aus sich selbst heraus garantiere, wie es der Theologe Gregor Maria Hoff in einem Kommentar ausgedrückt hat.

Skandale und Skandälchen wurden immer intern geregelt. Transparenz, Rechenschaft gegenüber der Öffentlichkeit? Fehlanzeige. In den 60er-Jahren während des Zweiten Vatikanischen Konzils wagte die Kirche eine Öffnung. Doch seitdem geht es wieder in die andere Richtung. Benedikt XVI. ist sicherlich nicht der Richtige für "Glasnost und Perestroika", wie sie der Tübinger Theologe Hans Küng einfordert. Der deutsche Papst sieht in der Weltlichkeit eher eine Sünde als einen Segen. Er sperrt die Moderne aus, die er für relativistisch hält.

Jedes Gerücht wird zur Sensation

Doch ist das noch möglich in Zeiten von Facebook und Twitter, wo sich Gerüchte in Sekunden über den Globus verbreiten? Vatileaks berührt genau diesen Punkt: Weil die Kirche alles zur Privatsache erklärt, wird jedes Gerücht, jedes Schreiben zur öffentlichen Sensation. Die Deutungshoheit überlässt der Heilige Stuhl all den anderen. Er rückt nichts in den Kontext, er erklärt sich nicht.

Dass selbst der Heilige Stuhl lernfähig ist, zeigt sich überraschenderweise in Finanzfragen. Mit dem schnöden Mammon tat sich die Kirche schon immer schwer. Durch die Cluniazensische Reform im Hochmittelalter erhielt sie direkten Zugriff auf diverse Klöster und dadurch auch auf hübsche Einnahmen. Ab diesem Zeitpunkt fragte sie sich in regelmäßigen Abständen, wie sie das Geld vermehrt. Ende des 19. Jahrhunderts setzte Papst Leo XIII. die Kommission "ad pias causas" ein. Er machte so den Weg frei für Spekulationen an den Börsen in London, Paris und Berlin.

Richtig gut beherrschte die Kirche das Finanzgeschäft nie. 1942 ging aus der Kommission die Bank IOR hervor. Schnell haftete ihr der Ruf an, in schmutzige Geschäfte verwickelt zu sein. Sie zog Gestalten an wie Paul Marcinkus, genannt "der Gorilla", ehemaliger Leibwächter des Papstes und später Bankchef, Michele Sindona, genannt "der Hai", Mafia-Bankier und Berater von Marcinkus, sowie Roberto Calvi, Chef der Banco Ambrosiano, die 1982 unter Milliardenverlusten zusammenbrach. Calvi wurde unter der Blackfriars-Brücke in London erhängt aufgefunden.

Einblicke in die Welt des Papstes

In Bewegung geriet alles 2009. Enthüllungsjournalist Nuzzi veröffentlichte das Buch "Vaticano S.p.A.", in dem er Einblicke in die Welt des IOR gibt. Der Schmöker wurde zum Verkaufsschlager - und der Papst handelte. Der alte Bankchef Angelo Caloia wurde in Pension geschickt, es folgte der ehemalige Santander-Banker Ettore Gotti Tedeschi. Ende 2010 gab Benedikt XVI. bekannt, die Regeln im Kampf gegen Geldwäsche einhalten zu wollen. Er setzte eine neue Aufsichtsbehörde ein und beantragte eine Untersuchung durch Moneyval, die Anti-Geldwäsche-Einheit des Europarats. Das Zwischenergebnis: Nach allerhand Rückschlägen veröffentlichte Moneyval im Juli den ersten Bericht - und lobte die Fortschritte.

Man kann nur hoffen, dass die Kirche durch Vatileaks zu einer ähnlichen Anstrengung genötigt wird. Wenn sie über die Welt sprechen will, kann sie sich ihr nicht mehr gänzlich verschließen. Es wäre schade, wenn Gabriele als ein Einzelgänger abgeurteilt wird - und alles beim Alten bleibt. Martinis Appell ist Ansporn genug.

Tobias Bayer / FTD
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.