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Randale in England: Welle der Gewalt erreicht Manchester

Großbritannien hat die vierte Krawallnacht in Folge erlebt. In London blieb es relativ ruhig, in Manchester brannten Häuser und in Birmingham starben drei Männer am Rande der Krawalle.

Großbritannien ist in der vierten Nacht in Folge von schweren Ausschreitungen erschüttert worden. Besonders heftige Krawalle gab es in der Nacht zum Mittwoch nach Angaben der Polizei in Manchester im Nordwesten Englands. Die drittgrößte Stadt des Landes war erstmals von den Ausschreitungen betroffen. In London hingegen blieb es angesichts eines massiv verstärkten Polizeiaufgebots relativ ruhig.

Hunderte teils maskierte Jugendliche liefen in Manchester durch das Stadtzentrum, warfen Schaufensterscheiben ein und plünderten Schuh- und Kleidungsgeschäfte sowie einen Elektromarkt. Zudem setzten sie mehrere Gebäude in Brand und schleuderten Wurfgeschosse auf die Sicherheitskräfte.

"Das sind ganz einfach Verbrecher, die durchdrehen"

Ein Polizeivertreter sprach von den schwersten Krawallen in Manchester in den vergangenen 30 Jahren. "Das sind ganz einfach Verbrecher, die heute Nacht durchdrehen", sagte der ranghohe Polizeioffizier Garry Shewan. "Das ist sinnlose Gewalt und sinnlose Kriminalität in einer Größenordnung, wie ich sie nie zuvor gesehen habe." Laut Polizei wurden in der Nacht rund 50 Menschen festgenommen.

Drei Männer sterben in Birmingham

Am Rande der schweren Ausschreitungen in Birmingham sind drei Männer mit einem Auto totgefahren worden. Der Vorfall habe sich in der Nacht zum Mittwoch an einer Tankstelle in der Innenstadt ereignet, teilte die Polizei am Morgen mit. Alle drei Männer seien noch in der Nacht im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen gestorben. Wenig später seien in der Nähe ein Auto sichergestellt und ein Mann festgenommen worden. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen Mordes ein.

Weitere Details wurden zunächst nicht veröffentlicht. Bisher ist nicht klar, ob der Vorfall direkt mit den Krawallen in der Stadt zu tun hat. Die BBC berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, die Männer hätten ihren Wohnblock vor den Randalierern schützen wollen. Sanitäter erzählten, es seien rund 80 Personen an der Tankstelle gewesen, als sie ankamen.

Im zentralenglischen Nottingham griff eine Gruppe von 30 bis 40 Randalierern eine Polizeistation an und setzte sie mit Molotow-Cocktails in Brand. Verletzt wurde den Behörden zufolge niemand, mindestens acht Menschen wurden im Zusammenhang mit dem Angriff festgenommen. Insgesamt wurden in Nottingham mehr als 90 Menschen festgenommen.

Auch aus West Bromwich nahe der zentralenglischen Stadt Birmingham wurden Zusammenstöße gemeldet. Dort errichtete eine Gruppe von rund 200 Menschen nach Angaben der Polizei Barrikaden, zündete Autos an und bewarf Polizisten. Auch in Birmingham selbst gingen die Krawalle am Dienstagabend weiter. In der Region wurden mehr als 100 Randalierer festgenommen.

Hunderte Sikhs schützen eigenen Tempel

In London waren 16.000 statt wie zuvor 6000 Polizisten im Einsatz. In einigen Stadtteilen formierten sich zudem Bürgerwehren, wie ein AFP-Journalist berichtete. In Southall im Westen der Stadt versammelten sich hunderte Angehörige der Religionsgemeinschaft der Sikhs vor ihrem Tempel, nachdem es Gerüchte gegeben hatte, dieser könnte geplündert werden. Seit Beginn der Ausschreitungen am Samstag wurden in der Hauptstadt 768 Verdächtige festgenommen, berichtete Scotland Yard am frühen Mittwochmorgen. 111 Polizisten wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Auslöser der Unruhen war der Tod eines Mannes, der am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz im Londoner Stadtteil Tottenham erschossen worden war. Der vierfache Familienvater Mark Duggan wurde durch einen Schuss in die Brust getötet. Nach Angaben der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde IPCC vom Dienstag wurden keine Beweise dafür gefunden, dass Duggan zuvor selber auf die Beamten schoss. Die Pistole, die in dem Taxi gefunden wurde, in dem Duggan erschossen wurde, sei nicht benutzt worden. Duggans Familie erklärte daraufhin, sie sei "bitter enttäuscht" über die vorläufigen Ergebnisse und verlange "Antworten" von den Behörden. Premierminister David Cameron hatte seinen Italienurlaub abgebrochen, um am Dienstag eine Krisensitzung der Regierung zu leiten, und den Randalierern mit einer harten Linie gedroht. Eine weitere Krisensitzung soll im Laufe des Mittwochs stattfinden, am Donnerstag soll das Parlament eine Sondersitzung abhalten.

Friedrich sieht keine Krawallgefahr in Deutschland

Zahlreiche europäische Staaten, unter ihnen Deutschland, mahnen inzwischen zu "besonderer Vorsicht" bei Reisen nach Großbritannien. Anzeichen dafür, dass es in deutschen Großstädten zu ähnlichen Jugendkrawallen kommen kann, sieht Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) derzeit keine. Die soziale Integration in Deutschland sei in den vergangenen Jahren sehr gut vorangekommen, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Solche gesellschaftlichen Spannungen wie aktuell in England oder in anderen europäischen Ländern haben wir glücklicherweise derzeit nicht." Dafür hätten alle gesellschaftlichen Kräfte mit sehr viel Herzblut und Engagement gesorgt.

Das sieht die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) völlig anders. Die Ausschreitungen in England seien "das Ergebnis von krimineller Energie, Verachtung gegenüber dem Staat und sozialer Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsschichten", warnte ihr Chef Rainer Wendt in der "Bild"-Zeitung. Diese "hoch explosive Mischung" sei auch in Deutschland vorhanden. Insbesondere in Großstädten wie Hamburg und Berlin könnten "aus nichtigen Anlässen rasch derartige Brennpunkte entstehen, die nur schwer in den Griff zu bekommen sind".

mad/AFP/DPA / DPA