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Randale in Großbritannien: Das große "Fuck it"

Der Beutezug der hoffnungslosen Jugend erschüttert Großbritannien. Es kommt zu absurden Szenen: Plünderer stehen Schlange für neue Turnschuhe - und zeigen der Gesellschaft den Mittelfinger.

Von Cornelia Fuchs, London

Die Geschäfte schlossen früh, die Straßen waren leer und überall standen Polizisten, 16.000 Beamte patrouillierten in Londons Vierteln. London war eine belagerte Stadt in der vergangenen Nacht. Und sie blieb ruhig.

Dafür plünderten Jugendliche Geschäfte in Manchester. Es waren die gleichen Szenen wie in den Nächten zuvor in der Hauptstadt: zerborstene Schaufensterscheiben, Menschen mit Armen voll geplünderter Kleider, Schuhen, Alkoholflaschen oder Kisten mit Flachbildschirmen. Und wieder rannten Polizisten in schwerer Ausrüstung hinter den Plünderern her, die sich zurückzogen und dann in kleinen Gruppen woanders wieder auftauchten, zerstörten und wieder verschwanden.

Inzwischen spricht niemand mehr in Großbritannien von politischen Hintergründen. Auch die Versuche, die Gründe für die Gewalt in Problemen wie Arbeitslosigkeit oder fehlenden Jugendzentren zu sehen, wirken angesichts der Bilder der Plünderer sinnlos. Die Gewalttäter waren Kinder wie Teenager, Mütter wie Männer in ihren Dreißigern, mit schwarzer oder weißer Haut. Es gibt Berichte, dass sie sich vor Sportläden ganz nach britischer Manier in ordentliche Schlangen gestellt haben und die Schuhe anprobierten, bevor sie diese klauten. Eine Frau in Birmingham wurde im Bus belauscht, als sie ihrer Sitznachbarin von Kleidern erzählte, die sie sich von H&M geholt habe. Und die sie jetzt zurückbringen und gegen andere austauschen wollte, weil sie ihr nicht passten.

"Wir kriegen doch höchstens Bewährung. Was soll's?"

In Manchester sagten zwei Jungs einem BBC-Reporter, dass sie wiederkommen wollen für das "Gratiszeug" - jede Nacht, solange es geht. Unrechtsbewusstsein haben sie nicht: "Wir sind nicht polizeibekannt. Wenn sie uns erwischen, kriegen wir doch höchstens Bewährung. Was soll's?" Warum sie dies machten? Weil es möglich sei. Sie hätten sich die Schuhe auch kaufen können. Auf Internetseiten erscheinen Bilder der stolzen Besitzer gestohlener Waren. Ganze Lastwagenladungen von iPhones will ein Londoner verkaufen, "mit Mengenrabatt". Erschütternder ist das Video eines verletzten, blutenden Jungen, um den sich niemand kümmert - nur um seinen Rucksack, der in aller Ruhe ausgeraubt wird.

Doch es hat auch die Gegenbewegung begonnen. Ein besorgter Bürger rief die Internetseite CatchALooter ("Fang einen Plünderer") ins Leben. Darauf sammelt er alle Bilder von Unruhestiftern, die er finden kann - und ruft dazu auf, die Menschen zu identifizieren und der Polizei zu melden. Fast 800 Chaoten wurden allein in London bereits festgenommen, viele werden sofort dem Richter vorgeführt und teilweise in Schnellverfahren abgeurteilt. In Manchester hat die Polizei schon am Dienstag Häuser gestürmt und durchsucht, in denen geklaute Waren vermutet werden.

Und wo in den vergangenen Tagen die Staatsgewalt nicht geholfen hat, helfen sich die Bürger selber. In den Londoner Stadtteilen Enfield und Southall standen gestern Nacht hunderte Bürger auf der Straße, bereit, ihr Viertel zu verteidigen. Sikhs in Turbanen verteidigten ihren Tempel, in der Londoner Bricklane schützten junge muslimische Männer ihr Viertel, die kleinen Friseure und Boutiquen, als sie nach dem Abendgebet in der Moschee auf Plünderergruppen trafen. In Manchester schwören Ladenbesitzer, sie werden die Jugendlichen finden, die ihre Läden zerstört haben, und "zur Rechenschaft ziehen". Sie fotografierten Teenager, die in der Nacht auf Beutezug waren.

Wo bleiben die Wasserwerfer?

Die Polizei warnt vor Selbstjustiz, kann aber oft nicht eingreifen - es mangelt an Einsatzkräften. In Birmingham starben in der vergangenen Nacht drei junge Männer, nachdem sie von einem Auto angefahren wurden. Sie hatten vor ihrem Viertel Wache gehalten. Wie lange die große Polizeipräsenz in London aufrecht gehalten werden kann, ist fraglich. Scotland Yard hat keine Wasserwerfer in ständiger Bereitschaft, in Deutschland ein probates Mittel, um Krawallmacher in Schach zu halten. In Großbritannien müssten sie aus Nordirland eingeflogen werden. In den vergangenen Nächten wurden zum ersten Mal in der Geschichte Londons gepanzerte Fahrzeuge gegen Bürger eingesetzt. Sie halfen, Gruppen von Plünderern vor den Einsatztruppen herzutreiben. Die Londoner Polizei setzt bei Unruhen ansonsten vor allem auf Einkesselung, eine Taktik, die angesichts der mobilen, von Blackberry-Textbotschaften und Twitter geleiteten Vandalen-Truppen, völlig nutzlos erscheint.

Der britische Staat ist hilflos. Das ist die erschreckende Bilanz der vergangenen Tage. Und hilflos wirken auch politisch motivierte Erklärungen. Hier geht es nicht um Protest gegen Diskriminierung oder fehlende Mittel für mehr Sozialarbeiter. Dabei gäbe es dafür durchaus Anlass. Seit der ersten Finanzkrise vor vier Jahren ist Großbritannien in der Krise. Seit vier Jahren hören vor allem junge Menschen, dass sie keine Zukunft mehr haben. Seit vier Jahren wird ihnen jeden Tag deutlich gemacht, dass sie sowieso keine Chance bekommen werden. Reich bleiben die Reichen, der Rest muss sich ständig um seinen Arbeitsplatz sorgen. Einsatz oder eine gute Ausbildung schützt in England schon längst nicht mehr vor dem sozialen Absturz. Das Chaos der vergangenen Tage ist vor allem eines: ein großes "Fuck it" für die Idee einer sozialen Wertegemeinschaft.