HOME
Selbstversuch

Im Rassismus-Workshop: Sind wir nicht alle ein bisschen Steinbach?

Wie rassistisch bin ich? Das wollte ich wissen. In zwei Tagen "Blue Eyed Workshop" habe ich noch ganz andere Dinge über mich erfahren. Diskriminierung und Machtkoller im Selbstversuch.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Auge einer Frau mit blauer Iris

"Blauäugige neigen zur Kriminalität."

"Kannst du nicht lesen, oder was?", schnauzt der Typ die junge Frau vor mir an. Als sie Widerworte gibt, muss sie sich auf einen Hocker setzen, ihr wird ein grüner Kragen umgelegt, und eine extrem arrogante Frau im schwarzen Anzug bringt sie anschließend weg. Ich bin dran. Ich habe genau aufgepasst: Namen nach Augenfarbe in die Liste eintragen und den Vornamen auf ein Klebeschild schreiben. Reicht ihm aber nicht: "Schreib' gefälligst so, dass ich es lesen kann." Mein fragender Blick interessiert ihn nicht. Ich kriege auch einen grünen Kragen umgelegt. Die Frau in Schwarz führt mich eine Treppe hinauf, ohne mich ein einziges Mal anzusehen. Handy, Geld, Schlüssel muss ich abgeben. Ich bin froh, dass andere Menschen in dem Raum sind, in den sie mich bringt. In dem wir bleiben müssen. Als wir die Tür einen Spalt öffnen, um nachzusehen, springen zwei Wärter auf: "Tür zu!" Gut eineinhalb Stunden wissen wir nicht, was mit uns passieren wird.

Naja fast. Wir sind Teilnehmer des "Blue Eyed Workshops". Ich weiß, dass es um Rassismus geht, darum, herauszufinden, warum Menschen andere Menschen verachten, ohne sie zu kennen. Ich will wissen, wie viel Frauke Petry oder auch Erika Steinbach in mir steckt. Falsch gedacht. Ich werde an diesem Tag das Opfer sein von Leuten, denen meine Augenfarbe ausreicht, um mich abzulehnen, zu degradieren, auszulachen und meine Persönlichkeit in zig Vorurteilen zu ersäufen.

Workshop-Plakat "Hauptsache, meine Tochter kommt mir nicht mit so einem Blauling nach Hause"

Workshop-Plakat "Hauptsache, meine Tochter kommt mir nicht mit so einem Blauling nach Hause" 

Die Tür geht auf, und die Frau in Schwarz kommt herein, um Fotos von uns zu machen, ohne uns dabei in die blauen Augen zu sehen. Das ist die einzige Gemeinsamkeit der Menschen in diesem Raum. Dabei bemerkt Silke*, dass sie ja gar keine blauen Augen habe. Miriam weiß mehr: Sie hat sich vorher ein Video über den Workshop angesehen. Für den Lerneffekt sei das natürlich nicht so gut, sagt sie, und wir beschließen, dass sie nichts weiter über den Inhalt erzählen soll. Auch darüber, dass wir uns nicht trennen lassen werden, sind wir uns einig.

Irgendwann werden wir abgeholt. Wieder wird nur im respektlosen Befehlston mit uns gesprochen. Die Wellen des Aufbegehrens halbieren sich nach mehreren erfolglosen Versuchen. Ich denke nur noch: Was kommt als nächstes?

Blauäugige sind langsam und dumm

Noch mehr Erniedrigung. Wir kommen in einen großen Raum, in dem "die Braunäugigen" auf bequemen Stühlen sitzen, Kaffee trinken und Kekse essen. Uns wird von dem unangenehmen Mann, der uns zu Beginn selektiert hat, nennen wir ihn "den Leiter", befohlen, uns hinzusetzen: auf dicht an dicht stehende, wackelige Hocker in der Mitte, genau zwischen den Braunäugigen. Wie in einer Arena. Wir sitzen Knie an Rücken. Es ist ein Hocker zu wenig, und eine Blauäugige weigert sich, sich auf den Boden zu setzen. "Der Leiter" holt verbal aus zum Rundumschlag gegen die Renitenz, Dummheit und Faulheit der "Blaulinge".

An den Wänden hängen Plakate mit Slogans wie "Blauäugige neigen zur Kriminalität", "Babies statt Blueys" oder auch "Hauptsache, meine Tochter kommt mir nicht mit so einem Blauling nach Hause". Die Braunäugigen haben das schon gut verinnerlicht. Sie lachen hämisch und machen blöde Bemerkungen, wenn einer von uns langsam antwortet, eines der Plakate falsch vorliest oder versucht, der entmenschlichenden Behandlung zu trotzen. Ich versuche, Augenkontakt mit einer Braunäugigen aufzunehmen. Sie dreht den Kopf weg. Zwei andere tuscheln und kichern. Wir müssen einen Test zur afrikanisch-arabischen Kultur beantworten, in dem Wörter vorkommen, die ich noch nie gehört habe. Die Braunäugigen kontrollieren unsere Fragebögen und lachen sich kaputt.

Workshop-Plakat "Wenn es den Blueys hier nicht gefällt, dann sollen sie doch dahin gehen, wo sie hergekommen sind"

Workshop-Plakat "Wenn es den Blueys hier nicht gefällt, dann sollen sie doch dahin gehen, wo sie hergekommen sind"

"Der Leiter" schießt sich auf Peter ein, ein zurückhaltender, aber keinesfalls schüchterner junger Mann. Jetzt stockt er bei jeder Antwort, wird zunehmend unsicher. Der Versuch zu helfen, wird sofort abgewürgt, indem Peter als so dumm hingestellt wird, dass er nicht einmal selbst antworten könne. Wahr ist: Bei jeder Frage überlege ich sehr genau, welche Konsequenzen die Antwort haben könnte. Das braucht Zeit. Manchmal denke ich, es ist besser, so zu tun, als habe ich die Frage nicht verstanden. "Ihr erfüllt in wenigen Minuten alle Klischees, die wir in der letzten Stunde aufgebaut haben", sagt "der Leiter" zynisch. Wir können nichts richtig machen, denke ich. "Alzheimer oder was", pöbelt eine Braunäugige. Ich sehe keine Einzelpersonen mehr, da sitzen nur noch die, die uns wehtun. 

Plötzlich fällt "der Leiter" aus der Rolle: "Mir ist es scheißegal, dass du in einem Dilemma steckst", sagt er zu Peter. "Ich will den anderen zeigen, wie dumm und scheißfaul du bist. Mir geht es nur darum, wie es wirkt. So funktioniert Entmenschlichung. Und wenn ein Braunäugiger denkt, dass es ihm Spaß macht, ist das pervers und widerlich." Ich gucke hoch, frage mich, ob die Braunäugigen das gerade mitbekommen haben. Vor allem die kichernden Mädchen. "Damit kriegt man in Deutschland ganze Stadien voll", sagt "der Leiter" und lockert seinen schwarzen Schlips: "Mein Name ist Jürgen Schlicher, ich gebe seit 20 Jahren Diversity-Workshops, und Sie nehmen gerade an einem teil."

Dumm, ausgeliefert, vorgeführt

Wir Blauäugigen bleiben erstmal auf den Hockern kleben. Als die Frau in Schwarz mir etwas zu trinken holen will, traue ich ihr nicht. Wir sollen sagen, wie wir uns gefühlt haben. "Dumm", sagt Peter. "Erniedrigt und ausgetrickst", sagt Silke. "Wehrlos, vorgeführt, unfair behandelt, verunsichert, hilflos", fügen die anderen Blauäugigen hinzu. "Genauso geht es ganz vielen Menschen da draußen jeden Tag", sagt Schlicher. Mittagspause. Es dauert ein wenig, bevor sich Blau- und Braunäugige mischen, und "der Leiter" und die Frau in Schwarz können noch so freundlich sein, allein ihr Anblick macht mich nervös.

Nach dem Essen sollen die Braunäugigen sagen, wie sie die Blauäugigen empfunden haben: Demnach waren wir "nervig, verzweifelt, unsicher, lächerlich, ohnmächtig und renitent". Die Manipulation habe also bestens funktioniert, sagt Schlicher. Doch dann meldet sich Murat, er habe "Mut" gesehen und dass sie auf ihr Recht bestanden haben. Als einziger stellt der Schüler Positives heraus, und Schlicher ist beeindruckt. Als eines der kichernden Mädchen wiederum sagt, sie hätte sich das alles nicht gefallen lassen, stellt er klar: "Niemand von den Blauäugigen muss sich rechtfertigen. Der Diskriminierte kann an seiner Situation nichts ändern." Das sei eine traurige Erkenntnis, die er in all den Jahren gewonnen habe.

Workshop-Plakat "Wer hat Angst vorm Blauauge"

Workshop-Plakat "Wer hat Angst vorm Blauauge"

Ein paar Braunäugige versuchen, ihr Verhalten zu erklären, während uns dämmert, dass es nicht darum geht, die Reaktionen einzelner zu beurteilen, sondern darum, die Mechanismen zu erkennen, die bei jedem Menschen ähnlich wirken. Die Frage, wo der so leicht zu entfachende Hass herkommt, beantwortet Schlicher kurz und schmerzlos: "Man muss Hass und Angst lernen". Von biologistischen Erklärungen, der angeblich angeborenen Angst vor dem Fremden, will er nichts wissen. Die erste Eigenschaft des Menschen sei Neugier. "Dass Gesellschaften sich einen Auszugrenzenden suchen, ist eine Kulturform", so Schlicher. Und die ist Hunderte Jahre alt.

Der erste Workshop-Tag ist vorbei. Wir sind alle ziemlich aufgewühlt. Und auf dem Weg zur U-Bahn denke ich den fragwürdigen Satz: "Ein Glück, dass ich bei den Blauäugigen war."

Raus aus dem Rassismus

Der nächste Morgen beginnt zäh. Etwa ein Drittel der Teilnehmer fehlt. Manche sind noch immer sehr angefasst, sagen, sie hätten kaum Schlaf gefunden. Andere wollen endlich Lösungen haben. Vor allem Lin, die unter den Braunäugigen saß, sagt immer wieder: "Wie können wir dem entgegenwirken? Wie können wir Brücken schlagen?"

So einfach macht es der Workshop uns nicht. Nach der hochemotionalen Selbsterfahrung sollen wir selbst darauf kommen, unsere eigenen Lösungen finden, aus unseren eigenen Lebensumständen heraus. Alles andere wäre nur eine weitere Handlungsanweisung. Schlicher folgt damit dem pädagogischen Ansatz von Jane Elliott, die den Original-Workshop einst erfunden hat, um ihren Schülern nach der Ermordung Martin Luther Kings zu zeigen, was Rassismus bedeutet, wo er anfängt, warum er so ansteckend ist: "Erzähl' es mir, und ich werde es vergessen. Zeig' es mir, und ich werde mich daran erinnern. Bezieh' mich ein, und ich werde es verstehen."

So sitzen wir da und entwirren nur mühsam die Knoten in unseren Hirnen, haben eine winzige Ahnung davon, wie sich Menschen wohl fühlen, die jeden einzelnen Tag Rassismus erleben, sobald sie aus dem Haus gehen, nur weil sie eine dunklere Hautfarbe oder einen besonderen Augenschnitt haben. Allein der Gedanke macht Kopfschmerzen. Irgendwann landen wir beim Adultismus als Grundlernerfahrung, dass manche Menschen besser und wichtiger sind als andere. Natürlich reden wir über die AfD und Pegida, aber eigentlich über alle, die sich jemanden suchen, dem es schlechter geht als ihnen selbst, damit es ihnen selbst besser geht. Armselig. Und nicht menschlich. Auch wenn das im Alltag immer wieder als Ausrede herhält. Wir sprechen über den Hass, die totale Verrohung, die sich überall Bahn bricht in Unterhaltungen, in Facebook, in Foren, in sogenannten Leserbriefen (die meist davon zeugen, dass der Leser nichts gelesen hat).


Dann kommt endlich ein Erklärungsmodell, das mich persönlich befriedigt, beruhigt und mir Hoffnung macht. Schlicher nennt es "Change Management": "Stellt euch eine Stammtischrunde vor. Da gibt es immer einen, der besonders laut pöbelt. In der Diskussion wird sich allein auf den konzentriert. Obwohl da noch zwei andere sitzen, die nichts sagen." Dabei müsse man sich um die "Leisen" kümmern, denn die seien die Unentschlossenen. So lange die nichts sagen, fühle sich der Pöbler von ihnen unterstützt. Augenöffner-Moment. Was so klar scheint, vergisst man schnell, wenn ein "besorgter" oder einfach nur empathiegestörter Mitmensch mal wieder Hass kotzt. Noch besser wird es, als Schlicher die prozentuale Verteilung der Pöbler und der Unentschlossenen mit rund 20 zu 80 angibt. "Warum Energie verschwenden an die, die sich eh nicht überzeugen lassen?" Und: "Die Zahl derer, die ein geschlossenes rechtes Weltbild haben, hat sich nicht verändert." Der Workshop nähert sich seinem Ende.

Was der Rassismus-Workshop bringt

Während ich zwischendurch durchaus den Glauben an die Gattung Mensch aufgeben wollte, steht am Ende des "Blue Eyed Workshops" tatsächlich etwas anderes: Bestärkung. Bestärkung darin weiterzumachen, gegenzuhalten, sich nicht mundtot machen zu lassen. Es gibt kein Allheilmittel, sondern jeder einzelne muss seinen Weg finden, um mit Angst und Hass umzugehen. Die Bewusstwerdung ist wie immer der erste Schritt.

Ein guter Tipp gegen rassistische Trolle, die in den sozialen Medien alles zupöbeln, ist übrigens Folgendes: Kopieren und posten Sie Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das kann man nicht oft genug sagen.

*Alle Workshop-Teilnehmernamen von der Redaktion geändert. 


Der Workshop in Berlin war eine Veranstaltung des Kompetenznetzwerks deutsch plus im Rahmen des Projektes "Hooray", das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Modellprojektes "Demokratie leben!" finanziert wird.

Einen Film über den Workshop gibt es hier zu sehen:

Und hier finden Sie ein Video über den ursprünglichen Workshop der amerikanischen Grundschullehrerin Jane Elliott.

Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(