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Rat vom Experten: Was Eltern und Kinder stark macht

Der Kinderpsychologe und dreifache Vater Wolfgang Bergmann erklärt, wie Kinder zu Persönlichkeiten reifen - und wie wichtig Mutter und Vater sind.

Kinder brauchen Grenzen, Kinder brauchen Konsequenz, Kinder brauchen Disziplin: Dieses Denken bekommt man in Deutschland aus den Köpfen wohl nicht mehr heraus. Meine Erfahrung ist, dass wir mit diesen Vorschlägen nicht weiterkommen. Wonach Kinder sich sehnen, sind gute Autoritäten. Väter und Mütter, die Verlässlichkeit bieten und liebevolle Fürsorge. Diese bilden das Fundament für Stabilität im Leben. Auf Kindern liegt heute eine sehr viel komplexere Last als zu der Zeit, in der wir Eltern Kinder waren. Früher schauten Väter und Mütter mit vergnügter Distanz auf ihre Söhne und Töchter, heute sind viele Kinder emotional verstrickt in die Selbstliebe und die Ängste ihrer Eltern und leider auch in deren Ehrgeiz Bewusst oder unbewusst werden Kinder heute in radikale Rivalitäten getrieben: nicht „ich muss gut sein“, sondern „ich muss besser sein“. Die wahren Bedürfnisse des Kindes spielen keine Rolle. Die gibt es aber von Geburt an. Denn eine der wenigen psychologischen Gewissheiten ist, dass die ersten 18 Monate die prägendste Phase im Leben eines Menschen ist.

Erfahren Kinder in dieser Zeit Stabilität, brauchen sich Eltern um die nächsten Jahre keine Sorgen zu machen. Ihr Kind wird vielleicht mit 14 meckern, weil es um halb zehn zu Hause sein muss. Es wird aber nicht zusammenbrechen. Denn in ihm wird sich eine Erinnerungsgewissheit gesammelt haben, die sagt: Im Grunde ist alles gut. Dieses positive Gefühl ist im Gehirn messbar. Woher kommt es? In den ersten 18 Lebensmonaten haben Kinder wandelbare Ich-Gefühle und sind sehr empfindlich. Ihre Individualität kommt von außen. Da sind Mama und Papa, und zwar in dieser Reihenfolge, vielleicht noch die Großeltern oder die beste Freundin der Mutter. Wenn die Mutter das Kind anstrahlt, fühlt es sich sicher. Sprüht vor Lebenslust. Der Austausch zwischen Mutter und Kind ist feinfühliger als das Zusammenspiel des besten Orchesters der Welt. Später entdeckt das Kind den Vater. Er hilft, aus der Verbundenheit mit der Mutter herauszutreten.

"Kinder sind verdammt konservativ"

Jetzt, im Alter von 18 bis 24 Monaten, locken Abenteuer und Wagemut. Der Vater ist Führer und Vertrauter in dieser fremden Welt, denn er findet sich in ihr zurecht. Unter seinem Schutz beginnt das Spielen. Der Bauklotz wird plötzlich zum Flieger. Im Spielen lernen Kinder Geschicklichkeit und die Verfügungsgewalt über ihren Körper. Das Kind entdeckt den Raum, wenn es mit den Klötzen wirft. Und dreht doch immer den Kopf nach der Mutter, um sich des tief sitzenden Bindungsgefüges zu vergewissern. Kinder sind verdammt konservativ. Wenn alles in Ordnung ist, wagt sich das Kind an das nächste Abenteuer. Es stellt sich allein auf die Beine, fällt immer wieder hin, es ist eine unglaubliche Anstrengung und auch immer wieder ein Schrecken, dem sich kein vernünftiger Erwachsener aussetzen würde. Warum tun sie das? Es ist wohl, wie Goethe sagt, die "eigentümliche Kraft", die uns vorantreibt. Das Kind entdeckt die Haut als Grenze und das Gefühl: Ich bin drinnen, und draußen ist die Welt.

Daraus entsteht Emotionalität und später die Sprache. Erst mit vier Jahren verstehen Kinder, dass ein Stuhl nicht nur ein Stuhl ist, sondern zum Tisch gehört. Das ist die Kausalität. Binden sich Vater und Mutter also vor allem in den ersten drei Jahren in die Entwicklungsschritte ein, hören die Kinder auf sie. Dann kann man sie auch loslassen. Denn die Liebe der Kinder zu ihren Eltern hört nie auf. Sie sitzt in jeder Faser ihrer Neuronen. Und so reicht dann manchmal nur ein Blick: Sie gehorchen. Halten Konflikte aus. Und zerbrechen nicht. Weil sie sich der positiven Gefühle der ersten Lebensmonate erinnern. Gelingt dies nicht, entwickeln Kinder kein Vertrauen und keine Geduld. Sie sind fix auf den Beinen und stolpern über jeden Stuhl. Alle Psychologenkunst versagt, solange die Eltern keine Beruhigung, Führung und Orientierung bieten. So kompliziert ist das. Einfacher geht es nicht!

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