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Raubtier in Bedrängnis: Wolfsgeheul vor den Toren Berlins

Seit gut einem Jahrzehnt ist der Wolf wieder heimisch in Deutschland - und macht sich nicht nur Freunde. Eine Politikerin fordert seine Bejagung, doch ein Hund könnte ihm den Pelz retten.

Von Alina Bube

In Röbel an der Müritz geht der Schrecken um - Meister Isegrim treibt sein Unwesen. Vorige Woche riss ein Wolf in dem beschaulichen Örtchen in Mecklenburg-Vorpommern 15 Schafe. Sogleich fordern empörte Stimmen, den Wolf wieder bejagen zu lassen. Allen voran Beate Schlupp, CDU-Landtagsabgeordnete und Sprecherin für Agrarpolitik, die fürchtet, dass die Tierhaltung im Freien bald "kaum mehr möglich" sein werde. Angesichts der Entschädigungen, die das Land an betroffene Nutztierhalter zahlen müsse, solle der Umgang mit dem Wolf noch einmal "grundsätzlich in Frage gestellt werden". Fürs Volk übersetzt heißt das: "Wütender Wolf terrorisiert ganzes Bundesland - Her mit der Flinte!"

Für die einen ein Lichtblick, für die anderen ein Albtraum

Ganz so einfach ist das allerdings nicht, genießt der Wolf doch nach EU-Recht "höchsten Schutzstatus", wie sich Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (CDU) beeilte klarzustellen. Die Besitzerin der gerissenen Schafe, Heike Scheller, interessiert das wenig: "Es war ein blutiges Bild, was sich uns geboten hat, überall lagen Kadaver. Mir standen die Tränen in den Augen. Immerhin hatten wir den Tieren Namen gegeben, sie aus der Hand gefüttert." Scheller hatte schon vom Wolf in Mecklenburg-Vorpommern gehört, allerdings keine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Die Euphorie um die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland kann sie nicht verstehen: "Alle schreien hurra, aber für mich hat er nichts Gutes. Im Zoo schaue ich ihn mir gerne an, aber aus Deutschland sollte er wieder raus."

Mitte des 19. Jahrhunderts waren unsere Breiten schon einmal vom Wolf "gesäubert". Doch inzwischen ist er wieder da. Im Jahr 2000 kamen erstmals wilde Wolfswelpen in der Oberlausitz in Sachsen auf die Welt. Heute leben 18 Wolfsrudel und -paare sowie 5 Einzelwölfe in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Jüngst wurde ein Wolf in der Nähe von Sperenberg gesichtet - ganze 25 Kilometer von der Stadtgrenze und 60 Kilometer vom Zentrum Berlins entfernt. Das Tier tappte in eine Fotofalle des World Wide Fund For Nature (WWF).

Der Wolf - von Natur aus extrem menschenscheu - erobert sich seinen ursprünglichen Lebensraum zurück. In Zeiten der Urbanisierung, in denen Beton und Teer das Land durchziehen, ist das für viele Naturschützer ein Lichtblick. Allerdings kommen sich Mensch und Wolf zwangsweise in die Quere. Wolfsrisse häufen sich. 48 tote Nutztiere in Sachsen, 40 in Brandenburg, 24 in Niedersachsen, 19 in Mecklenburg- Vorpommern, 2 in Sachsen-Anhalt allein im Jahr 2012. Hilft nur der Abschuss?

Herdenschutz wird gefördert

"Natürlich kann man als Nutztierhalter nicht mehr weitermachen wie bisher, der Wolf ist da, und damit muss man nun umgehen", erklärt Bernd Dankert, Referent für Artenschutz im sächsischen Umweltministerium. "Viele Nutztierhalter stellen sich auf die neue Situation, die Gefahr von außen, nicht ein. In Gebieten, die der Wolf nun neu für sich erschließt, kommt es deshalb zu Zwischenfällen", so Dankert.

"Ist eine Herde dann nicht ausreichend gesichert, ist sie leichte Beute für den Wolf. Der handelt nämlich nur nach einem Grundsatz: Mit wenig Energie viel Energie bekommen. Wohlgenährte Schafe, denen man das Flüchten abgezüchtet hat, und die einem bequem im Gehege serviert werden, kommen da gelegen." Allerdings besteht die Nahrung des Wolfes hierzulande nur zu 0,6 Prozent aus Nutztieren. Wird man jedoch nicht präventiv tätig, lernen die Wölfe die einfache Beute zu lieben - und die Entschädigung der Nutztierhalter ist für die Länder nicht billig.

Deshalb wird der Herdenschutz von den meisten "Wolfsländern" oder "Wolfserwartungsländern" auch finanziell gefördert. In entsprechenden Managementplänen zeigen die Bundesländer Nutztierhaltern die geeigneten Mittel auf: Ein Elektrozaun mit einer Mindesthöhe von 90 Zentimetern hilft in den meisten Fällen schon, dazu werden Breitbandlitzen und ein Unterwühlschutz benötigt, die den Zaun nach oben und unten absichern.

Ein Hund verteidigt sein "Schafsrudel"

Außerdem soll ein entfernter Verwandter den grauen Pelz jetzt vor der Flinte bewahren: Der Pyrenäenberghund. Fast einen Meter groß und bärenstark ist das imposante Tier aus Südfrankreich, das seinen Vetter Wolf in Schach hält. In Brandenburg und Sachsen werden diese Hunde vermehrt zum Herdenschutz eingesetzt.

"Sie denken selbst, sie seien ein Schaf, und verteidigen ihr Schafsrudel", erklärt Frank Neumann, der in Rohne in Sachsen eine Schäferei betreibt. Er war einer der ersten in Deutschland, die sich einen Herdenschutzhund anschafften. "Ich war ja auch der erste, der unter den Wölfen zu leiden hatte", erzählt er. "32 meiner Schafe hat der Wolf 2002 in einer einzigen Nacht gerissen, ein Massaker ohne gleichen. Niemand hatte uns damals vorgewarnt, ich war stinksauer."

Wie so viele sah Neumann die Wölfe mehr als skeptisch. Und auch die Herdenschutzhunde überzeugten ihn zunächst nicht: "Ich dachte, wenn da einmal ein junges Ding mit seinem Pekinesen an meinen Schafen vorbeiläuft, bleibt von beiden nichts übrig. Aber man darf sich nicht vorstellen, dass ein Pyrenäenberghund den Wolf zerfleischt. Meine Tiere würden nie aggressiv vorgehen. Eigentlich sind sie sehr friedlich, machen nur gerne eine große Show." Mit 700 Euro pro Jahr muss man bei der Haltung rechnen. "Dafür sind die Hunde einfach prädestiniert für ihre Aufgabe. Sie bleiben Tag und Nacht bei den Schafen, sind wachsam und äußerst misstrauisch. Wenn sich eine potenzielle Gefahr nähert, vertreiben sie den Eindringling bellend. Kaum ein Wolf wäre so unvorsichtig, und würde sich ernsthaft mit einem Pyrenäenberghund anlegen."

Mit den Wölfen ausgesöhnt

Das alles funktioniert nur mit der richtigen Selektion und Ausbildung: "Die jungen Welpen müssen mit den Schafen aufwachsen, und der Mensch darf ab diesem Punkt kaum mehr eingreifen. Wenn zum Beispiel Kinder den kleinen Eisbär ständig streicheln, ist die Prägung schon hinüber." Neumann hält sich derzeit sechs Herdenschutzhunde, zwei davon sind für die "mobile Einsatztruppe" abgestellt, die Schafsherden in ganz Sachsen nach einem Wolfsangriff vor weiteren Attacken beschützt.

Seit sieben Jahren kam nun keines von Neumanns Tieren mehr zu Schaden. "Ich bin mit den Wölfen jetzt ausgesöhnt. Es gibt für mich keine Fronten. Gerade die Wolfsschützer standen mir von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite. Und so verliert keiner mehr - ich nicht meine Schafe, und der Wolf nicht sein Leben."

Alina Bube