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Rauchverbot: Raucher-Anarchie in Bayern

In Bayern ist das Rauchen wieder erlaubt. Zumindest für Clubmitglieder. Wirte setzten auf Kreativität, Clubs und geschlossene Gesellschaften, um die Kunden zu halten. Meist reicht es aber schon Name und Adresse auf einen Zettel zu kritzeln und schon darf nach Herzenslust geraucht werden.

Von Rudolf Stumberger

"Ab 1. März wird wieder geraucht!" Trotzig hängt es da, das weißblaue Spruchband neben dem Eingang des "Großwirt", einer traditionsreichen Gaststätte (Leberkäs mit Spiegelei sieben Euro, die Halbe Helles 3,10 Euro) in München-Neuhausen. "Mei, d'Leit sind halt nicht mehr kumma", sagt der Wirt Christian Härtl, selbst überzeugter Nichtraucher. Er sah seinen Umsatz durch das Bayerische Nichtrauchergesetzt, das strengste in Deutschland, in den Keller gehen. Und zog die Notbremse - wie viele seiner Kollegen. So sprießen mittlerweile die "geschlossenen Gesellschaften" wie Pilze aus dem Boden, ein Drittel der Kneipen und Gaststätten in München mutierte zum "Raucherclub". Dort darf nur rein, wer Mitglied ist, doch kaum einer kontrolliert: Raucher-Anarchie in Bayern.

"Ja, die Kreativität der Wirte ist groß", weiß auch Christopher Habl, Sprecher des Münchner Kreisverwaltungsreferates. Laut dem bayerischen Nichtrauchergesetz darf in Gaststätten geraucht werden, wenn es sich um eine "geschlossene Gesellschaft" (also zum Beispiel eine Familienfeier) oder um einen "Raucher-Club" handelt - der ist schnell gegründet und dazu braucht keine aufwendige Regelungen wie beim Vereinsrecht. Zuständig für die rund 8000 gastronomischen Betriebe sind fünf Bezirksinspektionen, die mit rund 100 Beamten ihr Auge auf die Gaststätten und Kneipen werfen. Bei einer jüngsten Kontrolle vor zwei Wochen haben die Kontrolleure festgestellt, dass von 1000 gastronomischen Betrieben mittlerweile 300 zu "Raucherclubs" wurden. Wird dort ein Gast angetroffen wird, ohne Mitglied zu sein, zieht das ein Bußgeld für den Wirt nach sich. Doch die Clubmitgliedschaft ist keine große Hürde: Name und Adresse auf einen Zettel gekritzelt und zur Zigarette gibt's das Bier . "Nein, bisher wurde noch kein Bußgeld verhängt", ist dann auch die Bilanz des Kreisverwaltungsreferats.

Wer sich ein Bild von der Verwandlung der bayerischen Kneipenlandschaft und der Kreativität der Wirte machen will, braucht nur durch das Münchner Schlachthofviertel zu schlendern. Selbstverständlich ist die Taverne "Tassos" (Helles: 2,40 Euro) mittlerweile ein "Raucherclublokal", ebenso wie das wenige Schritte entfernte "Schmeller-Stüberl" (Helles: 2,50 Euro) und das kurz darauf folgende "Kafeion" (ehemaliger "Südbahnhof " Helles: 2,50 Euro). Das "Fischer-Stüberl" in der nahen Lindwurmstraße (Helles: 3.10 Euro) differenziert hingegen nach Uhrzeit, die "geschlossene Gesellschaft" konstituiert sich erst spät am Abend: "Ab 23 Uhr darf hier geraucht werden", ist an der Eingangstüre zu lesen. Andere Gasstätten machen sich nur am Montag oder Freitag zum Raucherclub.

Schon Mitglied im Wirtshausverein?

Neben dieser gängigen Variante, trotz schärfstem Nichtrauchergesetz weiter in Kneipen zu qualmen, gibt es auch die fundamentalistisch-raffinierte Methode. So klebt an den Fensterscheiben des Großwirtes nicht nur das blaue Raucher-, sondern auch ein rotes Nichtraucher-Zeichen. Denn der Wirt hat in seinem Raucher-Lokal mit den 130 Sitzplätzen in einem Nebenraum auch einen Nichtraucher-Raum eingerichtet. Wer aber rein will - ob Raucher oder Nichtraucher - muss laut Gesetz Vereinsmitglied werden. "Wir bitten Sie daher unserem Wirtshausverein beizutreten", fordert ein Schild am Eingang auf.

Ein Euro kostet der Vereinsbeitrag im Monat und der kommt dem "Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur" zugute. Dieser Verein, gegründet von dem Wiesn-Wirt Wiggerl Hagn, versteht sich als Protestbewegung gegen das "totale Rauchverbot" und hat mittlerweile über 10.000 Mitglieder, davon rund 1000 Wirte. Auf der Homepage des Vereins kann man sich über eine Suchfunktion die nächste Raucherkneipe in der Umgebung anzeigen lassen. Die Raucher-Vereinigung machte schon vor Inkraftretens des bayerischen Nichtrauchergesetzes politisch mobil und rief zu Demonstrationen und Protest-Versammlungen auf. Auf der Homepage ist auch das Online-Protestformular runterzuladen und dort kann der Raucher "Ich weigere mich, bei den bevorstehenden Kommunal- und Landtagswahlen 2008 der CSU meine Stimme zu geben" ankreuzen.

Hier ist die Welt noch in Ordnung

Und in der Tat musste die CSU bei den jüngsten Kommunalwahlen deutlich Federn lassen, das Rauchverbot war neben Landesbank-Debakel und Transrapid einer der Steine, welche die Stimmverlust-Lawine für die Christsozialen ins Rollen brachte. Im Kreuzfeuer stand dann auch Bayerns Gesundheitsminister Otmar Bernard (CSU), der sieht aber derzeit keine Raucher-Anarchie im Freistaat, das Gesetz werde "keineswegs ignoriert".

In Ordnung ist die Gesetzeswelt immerhin noch im quasi gastronomisch-touristischen Mittelpunkt Bayerns: Dem Münchner Hofbräuhaus (Helles: 3,30 Euro). "Raucherclubs sind für das Hofbräuhaus überhaupt kein Thema", weiß Sprecherin Sabine Barthelmeß. Die Laufkundschaft und die 3500 registrierten Stammgäste, darunter die Mitglieder von 120 Stammtischen, würden sich vor allem wegen dem Biergenuss und der Geselligkeit treffen. Und wirklich trübt kein Dampfwölkchen die Luft in den heiligen Bierhallen. Wer rauchen will, geht einfach raus.