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Reaktionen auf die Randale in London: Die Heldin von Hackney

Seit drei Nächten brennt London. Vor allem Jugendliche ziehen zündelnd und plündernd durch die Straßen. Die Londoner sind ratlos und wütend. Der Zorn hat eine Frau aus Hackney berühmt gemacht.

Von Sophie Albers

Die Ausschreitungen in London haben bereits eine Heldin. Es ist kein die sozialen Zustände anprangernder Aktivist und auch kein zur Rettung anreitender Politiker. Es ist eine dunkelhäutige ältere Frau, die an einer Krücke geht, und die beim Reden verdammt häufig "fuck" sagt. Niemand weiß genau, wer sie ist. Aber auf Twitter, Facebook und Youtube wünschen sich bereits Menschen, sie wählen zu können.

Die Frau ist auf einem Video zu sehen, das ein Londoner Journalist im verwüsteten Stadtteil Hackney aufgenommen und vergangene Nacht auf Youtube gestellt hat - und das nun durchs Netz rast: "Wirklich außergewöhnliche Ansprache einer furchtlosen Frau aus der Karibik angesichts der Hackney-Randalierer", heißt es.

"Ich schäme mich, aus Hackney zu kommen", ruft die Frau. Es ist dunkel, die Straße ist verwüstet. Sie steht vor einer schwach erhellten Mauer, auf die jemand "Fuck Cameroon, suck my dick, fuck feds" gesprüht hat. Menschen laufen vorbei. Sie stützt sich auf ihre Gehhilfe und brüllt ihre Wut heraus: "Eine Frau arbeitet hart, damit ihr Geschäft läuft, und dann kommt ihr und zündet es an. Warum macht ihr das? Um zu zeigen, dass ihr Krieger seid, böse Jungs?! Hier geht es verdammt noch mal um einen Mann, der in Tottenham erschossen wurde. Nicht um den Spaß am Krawallmachen." Ihre Empörung übertönt sogar einen Hubschrauber, der über dem Stadtviertel kreist. "Wenn ihr kämpfen wollt, dann kämpft für eine Sache. Aber wir stehen nicht zusammen, um für eine Sache zu kämpfen, wir rennen los und plündern Footlocker. Wacht endlich auf!"

"Diese Frau sollte Pemierministerin werden", kommentiert "followtheboat" das Video. "Spricht hier die nächste Bürgermeisterin von London? Auf jeden Fall klingt sie motivierter als Boris Johnson", schreibt "rogerjewitt". "Können wir sie wählen? Respekt für diese großartige Frau!", meint "tracywinchester".

"Bleib drin und sicher"

Verständnis für die Krawallmacher hat niemand. Im Gegenteil, die auffallend jungen Schläger, Plünderer, Zerstörer haben ihr Land gegen sich. In der ersten Nacht haben sich noch einige - sarkastisch englisch - gefragt, ob das ein schlechter Witz sein soll. Auch die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich und dass die Politik der Torys die Reichen begünstige, wurde kurz diskutiert. Doch nun regieren schlicht Angst und Sorge: in einem Haus zu sitzen, das die Randalierer anzünden, auf der Straße angegriffen zu werden, sein Auto zu verlieren, seinen Laden, sein Portemonnaie, seine heile Haut. Und das selbst in einem gediegenen Stadtteil wie Ealing. Die Randale zieht von Bezirk zu Bezirk, die Polizei wird immer wieder abgehängt.

"Bleib drin und sicher", raten sich Freunde über Facebook. So wie die Krawallmacher sich über die sozialen Netzwerke zur nächsten Plünderung verabreden. Wo diese Zerstörungswut herkommt, weiß eigentlich niemand. Zu offensichtlich wird der Tod eines Gangmitglieds in Tottenham mittlerweile als Vorwand zum Plündern missbraucht. Und das nicht nur in London, sondern mittlerweile auch in Bristol, Birmingham und Liverpool.

"Bringt die Wasserwerfer"

Viele Londoner sind ratlos angesichts der außer Kontrolle geratenen Gewalt. Sie rufen sogar schon nach der Armee. Sie hoffen, dass die Streitkräfte nicht nötig seien, sagt Kate, eine gutsituierte Dame aus der Londoner Vorstadt, "aber wenn all diese Kinder sich einer konzertierten Aktion von Polizei und Armee gegenübersehen, gehen sie vielleicht wieder". Und auch jüngere Londoner sehen das so: "Ich bin schockiert, dass unsere Jungs noch nicht da sind", sagt Nick. "Unser Land muss dringend die Kontrolle übernehmen." Weniger subtil formuliert es das Massenblatt "The Sun": "Bringt die Wasserwerfer!"

"Heute Nacht werden 16.000 Polizisten auf Londons Straßen sein", verspricht Premier David Cameron, der seinen Urlaub abgebrochen hat. Und den Randalierern richtet er aus: "Sie werden die volle Macht des Gesetzes zu spüren bekommen. Wenn Sie alt genug sind, diese Verbrechen zu begehen, dann sind Sie auch alt genug, um dafür bestraft zuwerden."

Und während sich London auf die nächste Krawallnacht vorbereitet, verabreden sich die Bewohner der verwüsteten Stadtteile über die sozialen Netzwerke zum Aufräumen. Denn, so ein Sprecher des Gemeinderats von Enfield, "wir überlassen unsere Straßen nicht diesen hirnlosen Irren".