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Reaktorkatastrophe von Fukushima: Horror ohne Ende

Vor mehr als zwei Monaten kam es im AKW Fukushima zum Super-Gau. Und heute? Die Situation ist weiter außer Kontrolle, viele Menschen stehen vor dem Nichts.

Von Manuela Pfohl

Atomexperten hatten es bereits vermutet, nun ist es offiziell: Im Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima ist es höchstwahrscheinlich schon vor Wochen in zwei weiteren Reaktorblöcken zur teilweisen Kernschmelze gekommen. Und nach Einschätzung von UN-Strahlenexperten ist das noch nicht alles. Denn es bestehe die Gefahr einer weiteren Kernschmelze. Die Brennstäbe in Reaktor 1 sind wahrscheinlich stärker geschmolzen als bislang befürchtet. Laut Umweltorganisation Greenpeace kann die Lage "rapide eskalieren", sollten die Brennstäbe den Reaktorkessel durchschmelzen.

"Die Notfallsituation ist noch nicht vorbei", warnt auch Wolfgang Weiss, Vorsitzender des UN-Komitees zu den Effekten atomarer Strahlung (UNSCEAR). "Man erwartet in diesem Jahr noch zwei Erdbeben mit der Stärke acht. Kein Mensch kann sagen, ob die Bausubstanz, die nun mürbe ist, das übersteht."

Zweifel an Tepco-Daten

Mit einer umfangreichen Untersuchung soll geklärt werden, welche Risiken zum Unglück geführt haben und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Doch das kann dauern. Eine abschließende Einschätzung der Strahlenbelastung werde mindestens zwei Jahre dauern, heißt es. Und: Die Expertenkommission von UNSCEAR wird dabei keine eigenen Messungen und Erhebungen vornehmen, sondern hängt nach Weiss' Angaben stark von wissenschaftlichen Informationen aus japanischen Institutionen ab. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit der widersprüchlichen Informationspolitik sowohl von Tepco als auch der japanischen Regierung dürfte Skepsis gegenüber der Werthaltigkeit dieser Daten angebracht sein.

Dass sie ihrer Regierung schon längst nicht mehr über den Weg trauen, wenn es um die Folgen des Reaktorunglücks geht, haben rund 400 Eltern am Montag in Tokio gezeigt. Ihre Wut richtet sich gegen die von der Regierung beschlossenen neuen Grenzwerte, die an Schulen eine Strahlung von bis zu 20 Millisivert pro Jahr zulassen. Dieser Wert ist 20 Mal so hoch wie der vorherige Grenzwert. Organisatoren der Proteste sagten zudem, der neue Grenzwert für Spielplätze liege sechs Mal höher als die gesetzliche Höchstgrenze von 0,6 Microsievert pro Stunde, die für Arbeitsplätze von Unter-18-Jährigen gelte. Die Regierung hat die Erhöhung als notwendig verteidigt, um die Schulbildung tausender Kinder in der Präfektur Fukushima gewährleisten zu können. Doch kann das das entscheidende Kriterium sein? Für die Demonstranten in Tokio ist die Antwort klar: Wichtiger sei die Gesundheit der Kinder.

8000 Euro für ein neues Leben

Nach dem GAU war um den Reaktor eine 20-Kilometer-Evakuierungszone zum Sperrgebiet erklärt worden. Die Menschen wurden in Notunterkünfte gebracht, wo sie noch immer unter spartanischen Bedingungen hausen. Und jetzt kommen noch weitere dazu. Auch etwa 10.000 Menschen, die außerhalb der Sperrzone wohnen, werden ihre Häuser bis Ende Mai räumen müssen. Jeder Haushalt im Umkreis von 30 Kilometern zum Kraftwerk soll vom Betreiber umgerechnet rund 8000 Euro bekommen. Nur, was können die Menschen, die alles verloren haben, mit diesem Geld anfangen? Eine neue Existenz aufzubauen, ist damit unmöglich. Nur einen Kilometer außerhalb der festgelegten Zone gehen die Bewohner komplett leer aus. Und das, obwohl unabhängige Messungen schon vor Wochen ergaben, dass auch außerhalb der offiziellen Zone eine teilweise stark erhöhte und die Gesundheit gefährdende Strahlenbelastung herrscht. Jüngstes Alarmsignal: Bei mehreren Frauen in Tokio und Umgebung wurden radioaktive Substanzen in der Muttermilch gefunden - wenn auch nur in geringen Mengen.

Tatsächlich weitet sich die radioaktive Belastung rund um die Atomruine von Fukushima immer mehr aus. In Miyagi, rund 60 Kilometer nördlich des zerstörten Atomkraftwerks, wurde eine Belastung des Grases festgestellt, die das Fünffache des erlaubten Cäsium-Grenzwertes überschritt. Im Trinkwasser der 240 Kilometer entfernten Hauptstadt, in der etwa 35 Millionen Menschen leben, tauchte radioaktives Jod in erhöhten Mengen auf. Tokioter Eltern wurden gewarnt, ihren Kindern keine Milch zu geben. In Fischproben oder auch bei Spinat wurden teils bis sechsmal höhere Werte des radioaktiven Cäsiums als gesetzlich erlaubt gefunden.

Immer neue Misserfolge

Japans Premier Naoto Kan lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit frischen Kirschen und anderen lokalen Köstlichkeiten empfing er in dieser Woche Südkoreas Präsidenten und Chinas Regierungschef in der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk entfernt. Die Botschaft lautet: Alles halb so schlimm.

Unterdessen gehen die Bemühungen um eine Begrenzung der Katastrophe am Kraftwerk weiter - und bringen immer neue Misserfolge. Vergangene Woche räumte Tepco ein, dass erneut insgesamt 250 Tonnen kontaminierten Wassers in den Ozean geflossen waren. Die Strahlendosis habe das 100-Fache der jährlich erlaubten Menge betragen. Das Leck sei 41 Stunden lang offen gewesen und erhöhte die Konzentration an radioaktiven Substanzen im Hafenbecken. Dem Eingeständnis folgte allerdings der Tepco-typische relativierende Nachsatz: Außerhalb des Hafens seien keine großen Veränderungen festgestellt worden.

Ein riesiges Tankfloß soll nun leicht radioaktives Wasser aufnehmen. Kurzfristig scheint damit ein Problem gelöst. Doch Greenpeace-Energieexperte Christoph von Lieven ist skeptisch. Er fragt: "Was passiert später mit dem kontaminierten Wasser? Und: Reichen die Kapazitäten des Floßes überhaupt aus?" Den Ernst der Lage verdeutliche nach Greenpeace-Überzeugung auch die permanente Ausweitung des Evakuierungsgebietes: Zunächst von einem 20- auf einen 30-Kilometer-Umkreis und jetzt keilförmig in Richtung Nordwesten auf 45 Kilometer. Dort befindet sich Fukushima City, wohin der Wind gefährliche radioaktive Partikel transportiert.

Tepcos scheibchenweise Wahrheit

Es scheint, als ob Tepco keine einzige langfristige Strategie hat. Die Kritik am Verhalten der Verantwortlichen reißt deshalb nicht ab. Selbst die lange Zeit sehr zurückhaltende Internationale Atomenergiebehörde kritisiert, rückblickend betrachtet seien Tepcos Maßnahmen nicht ausreichend gewesen, um den Unfall zu verhindern. Dass in Fukushima mehrmals falsche Strahlenwerte gemessen wurden, werteten viele als Schlamperei. Einer der Vorwürfe: Tepco habe bislang immer nur scheibchenweise über die Vorgänge in den havarierten Reaktoren informiert.

Harsche Kritik gab es auch am Umgang mit den Arbeitern in der AKW-Ruine und an den schleppenden Entschädigungszahlungen. Die Arbeiter in den Reaktoren werden mit immer höheren Strahlendosen belastet. Inzwischen waren gut 30 Arbeiter mehr als 100 Millisievert ausgesetzt, was erheblich über den gesetzlich festgelegten Grenzwerten liegt. Zum Vergleich: Für Mitarbeiter deutscher Atomkraftwerke ist eine Strahlendosis von jährlich höchstens 20 Millisievert erlaubt.

Immer wieder gehen in Japan Menschen auf die Straße und protestierten gegen das Unternehmen. Tepco indes steht am wirtschaftlichen Abgrund. Rund 426 Milliarden Yen (3,65 Milliarden Euro) soll es kosten, die Fukushima-Anlage zu stabilisieren und die Freisetzung radioaktiver Substanzen einzudämmen. Ob die Eindämmung der Katastrophe wirklich gelingt, ist jedoch noch völlig ungewiss. Lena Küppers von Greenpeace fürchtet, die Wetterbedingungen vor Ort könnten die Situation trotz aller Pläne in nächster Zeit deutlich verschlimmern: Anfang Juni beginnt in Fukushima die Taifun-Saison, der Regen könnte erneut große Mengen Radioaktivität ins Meer spülen. Außerdem ist mit Blitzeinschlägen sowie Stromausfällen zu rechnen und es wird immer wieder Nachbeben geben, die weitere Schäden nach sich ziehen und die Stabilisierungsarbeiten an den Reaktoren verzögern können.

Mit DPA/Reuters / Reuters