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Wunder nach Rehunfall: Wie Werner Frank zum Lebensretter für zwei Rehkitze wurde – und sie bei sich großzog

Ein trächtiges Reh wird bei einem Wildunfall tödlich verletzt, aber zwei seiner ungeborenen Kitze überleben. Ein Tierfreund aus Bayern nimmt sich der Waisenkinder an.

Werner Frank zieht die beiden Rehkitze "Daisy" und "Pepper" per Hand auf.

Werner Frank zieht die beiden Rehkitze "Daisy" und "Pepper" per Hand auf.

DPA

"Daisy! Pepper!" Werner Frank steht im Garten seines Hauses in der Nähe von Ingolstadt an einem Drahtverschlag. Er pfeift, schnalzt mit der Zunge, ruft immer wieder die beiden Namen und raschelt mit einem frisch abgebrochenen Zweig. Vorsichtig nähern sich zwei Kitze, sondieren mit großen braunen Augen die Lage, schnuppern an dem Laub, zupfen ein Blatt ab und hüpfen schnell wieder in eine Ecke des Geheges. Ihre sprichwörtliche Scheu legen die beiden jungen Rehe nicht ab, obwohl sie von Frank und seiner Familie von Hand groß gezogen wurden.

Tragisches Schicksal der beiden Tiere

Die beiden Tiere haben ein tragisches Schicksal hinter sich. In den frühen Morgenstunden des Muttertags am 13. Mai sprang auf einer Landstraße in der Nähe von Franks Wohnort Monheim eine trächtige Ricke in ein Auto und verletzte sich dabei tödlich. Der Bauch des Tieres riss auf und drei Rehkitze wurden herausgeschleudert. Eines der Kitze starb, doch die beiden anderen lagen lebend neben ihrer verendeten Mutter im Straßengraben.

Der alarmierte Jagdpächter wusste, dass Werner Frank einmal ein Rehkitz großgezogen hatte, das beim Mähen verletzt worden war, und bat ihn um Hilfe. Frank überraschte seine Familie zum Muttertag mit einer Kiste, in der sich die beiden durchnässten Kitze befanden: "Daisy" sei sehr schwach gewesen. "Da hatte ich Zweifel, ob die überhaupt überlebt."

Jährlich mehr als 70.000 Wildunfälle

Es ist ungewöhnlich, dass die beiden Kitze den Verkehrsunfall überlebt haben. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums passieren jährlich mehr als 70.000 Wildunfälle allein im Freistaat Bayern. Bei fast drei Viertel dieser Unfälle sind Reh-, Rot- und Damwild beteiligt – häufig mit tödlichem Ausgang für die Tiere.

Anfangs mussten die kleinen Schützlinge von Frank alle zwei Stunden mit einer Pipette gefüttert werden, die mit Ziegenmilch gefüllt war. Rund anderthalb Liter tranken sie täglich. Der Werkzeugmacher verzichtete auf seine Brotzeitpausen und fuhr zur Fütterung nach Hause. Dort wurden die Rehe im Kinderzimmer in einem früheren Kaninchengehege einquartiert. "Da wir den Boden mit Windelvlies abdeckten und das täglich wechseln mussten, hatten wir quasi zwei Wickelkinder", erinnert sich Schwiegertochter Daniela Rieger. Im Internet fand sie auf einschlägigen Seiten Tipps zur Aufzucht von verwaisten Rehen.

Fütterung per Hand: Werner Frank 

Fütterung per Hand: Werner Frank 

DPA

Auch die Enkelkinder Lenny, 9, und Giuly, 13, waren mit der Ernährung der Tiere beschäftigt. Sie fütterten die Jungtiere anfangs mit der Pipette und gaben ihnen später aus einem Babyfläschchen die Milch. Inzwischen sind sie damit beschäftigt, für die Rehe Gras, Kräuter, Klee, Laub und Heu zu sammeln.

Vier Wochen Urlaub geopfert

Werner Frank opferte vier Wochen Urlaub, um sich um die Kitze kümmern zu können. Der Naturliebhaber baute für sie ein Gehege und einen Nachtstall. Tagsüber trägt er die mittlerweile mehr als sieben Kilo schweren Tiere in ein großes überdachtes Gehege im Garten. Einmal entkamen die beiden beim Transport zwischen den Ställen und sprangen auf ein benachbartes Feld. Allzu groß war der Freiheitsdrang allerdings nicht - die beiden suchten verzweifelt einen Weg zurück in den heimischen Garten.

Frank macht sich Gedanken über die Zukunft seiner beiden Zöglinge. Spätestens im kommenden Frühjahr benötigen die dann ausgewachsenen Rehe mehr Platz. In ein Damwildgehege will er sie nicht geben. Er befürchtet, dass die beiden gegen die kräftigeren Tiere dort keine Überlebenschance haben. Ginge es nach den Enkeln, würden die benachbarten Grundstücke eingezäunt werden: Daisy und Pepper könnten dort mit Kaninchen, Hühnern und Ponys zusammenleben. Frank: "Am liebsten würde ich die beiden auch behalten. Vielleicht reicht es, den Garten ausbruchsicher zu gestalten."

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Stefan Puchner / DPA