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Religiöse Beschneidung: Nach Kölner Urteil verzichten viele Ärzte auf Eingriff

Nach dem Kölner Urteil über religiöse Beschneidungen bieten viele Arztpraxen und Kliniken die Eingriffe nicht mehr an: Sie wollen sich nicht strafbar machen. Leidtragende sind die betroffenen Kinder, fürchten einige.

Auf dem geschwungenen Tisch im Behandlungszimmer der Urologie-Praxis liegt ein sorgsam ausgeschnittener quadratischer Zeitungsschnipsel. "Religiöse Beschneidung ist strafbar" ist der kurze Artikel überschrieben, den der Mediziner aus Münster über die Tischplatte schiebt. So hat das Landgericht Köln geurteilt. Die Wirkung ist groß: Ab sofort bieten der Urologe und seine Kollegen in ihrer modernen Praxis keine rituelle Beschneidung mehr an - auch wenn der 46-Jährige Bauchschmerzen bei dem Gedanken daran hat. "Wer sein Kind beschneiden lassen will, wird jetzt von einem Arzt zum anderen gehen", sagt er. "Wenn es niemand mehr macht, werden Scharlatane ihr Geld damit verdienen. Und dann wird es Komplikationen geben."

Regelmäßig nehmen die Mediziner in ihrer Gemeinschaftspraxis ambulant Beschneidungen vor - in den meisten Fällen aus medizinischen Gründen. Nie habe es Komplikationen gegeben, sagt einer der Urologen, der lieber anonym bleiben möchte. Jetzt könnte er sich mit einem nur religiös begründeten Eingriff bei Minderjährigen strafbar machen. Deswegen verzichten er und seine Kollegen nun ganz darauf - und sind damit nicht allein: "Wir raten unseren Ärzten dazu, keine Beschneidungen aus religiösen Gründen mehr vorzunehmen", sagt ein Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe in Münster. "Dann sind sie auf der sicheren Seite."

Für den Berufsverband der Deutschen Urologen in Düsseldorf stellt sich die Frage nicht. Schon vor dem Kölner Urteil hielt der Verband die Beschneidung von Jungen aus nicht-medizinischen Gründen hierzulande ähnlich der Beschneidung von Mädchen für eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit. "In Deutschland stellt der Eingriff eine Körperverletzung dar", sagt Wolfgang Bühmann, Sprecher des Verbands, der nach eigenen Angaben die Interessen von 3000 Urologen bundesweit vertritt

"So lange es nicht strafbar war, gab es Ärzte, die das aus religiösen Gründen gemacht haben", sagt der Sprecher der Ärztekammer in Westfalen. Auch der Mediziner aus Münster ist sicher: "Die meisten operierenden Urologen haben schon rituelle Beschneidungen vorgenommen." An der Uniklinik Düsseldorf habe es solche Fälle in der Vergangenheit zwar gegeben, erklärt Sprecherin Susanne Dopheide: "Es kam allerdings sehr selten vor - und jetzt kommt es definitiv erst einmal nicht mehr vor."

Das könnte Folgen für die betroffenen Kinder haben. "Die Leute, die an so etwas glauben, werden es weiter machen", glaubt der 46-jährige Arzt aus Münster. "Sie werden zu Ärzten gehen, die nicht hygienisch operieren, es vielleicht sogar ohne Narkose machen." Diese Einschätzung teilt der Münsteraner Strafrechtler Bijan Fateh-Moghadam. "Man muss damit rechnen, dass Beschneidungen in weniger professioneller Umgebung und unter schlechteren medizinischen Bedingungen durchgeführt werden", sagt der Experte

"Und wenn sie merken, dass es in Deutschland nicht geht, werden sie es woanders machen", meint der Urologe aus Münster. In seinem Alltag begegnet er schon jetzt nicht selten Fällen, in denen der - normalerweise relativ kleine und schnelle - Eingriff schiefgelaufen ist. "Ich habe schon einige Beschneidungen korrigiert - bei Kindern, die unter psychischem Druck gelitten haben und ihr Leben lang Angst haben werden, zu einem Arzt zu gehen", sagt der Mediziner und verschränkt die Arme vor dem Bauch. "Das wird sich jetzt häufen."

dha/dpa / DPA