Religiöse Beziehungen Papst glättet die eigenen Wogen


Der Karikaturenstreit im Februar und umstrittene Äußerungen von Papst Benedikt XVI. im September: Es war kein einfaches Jahr für die interreligiösen Beziehungen zwischen Christentum und Islam. Doch mit dem Türkei-Besuch des Papstes sehen Experten sich die Beziehungen wieder normalisieren.

Das Jahr 2006 drohte zum Desaster für die Beziehung zwischen Christen und Muslimen zu werden. Doch kurz vor Weihnachten gelang es ausgerechnet Papst Benedikt XVI., ein eindrucksvolles Zeichen für die gemeinsame Verantwortung beider Religionen in der Welt zu setzen. Um den Kurs im interreligiösen Dialog wird seit dem Karikaturen-Streit Anfang des Jahres gestritten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) warnte vor "interreligiöser Schummelei". In einem kürzlich veröffentlichten EKD-Papier wird denn auch - bei allem Respekt vor dem Islam - das Trennende zwischen beiden Religionen betont. Auch die Katholiken tun sich schwer: Das Gebet des Papstes in der Istanbuler Moschee am Ende seiner Türkei-Reise scheint den Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht überzeugt zu haben: Er verbot in den Schulen des Erzbistums multireligiöse Feiern.

Sowohl Wissenschaftler als auch Vertreter von Kirchen und Muslimen sehen den Dialog zurzeit in einer extrem schwierigen Phase. Die Einschätzungen reichen von "miserabel" (Prof. Olaf Schumann, Religionswissenschaftler der Universität Hamburg), bis hin zu "ins Stocken geraten" (Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime) oder "nicht krisenfest" (Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats). Und Prof. Ludwig Hagemann, Islamwissenschaftler der Universität Mannheim, gibt zu Bedenken: "Vom Dialog kann bis heute keine Rede sein, vielmehr sind es Monologe der jeweils anderen Seite gegenüber." Neu sei heute allerdings, dass beide Seiten wenigsten miteinander und nicht nur übereinander sprechen.

Muslime unter "Generalverdacht"

Kizilkaya kritisiert vor allem, dass Muslime unter anderem angesichts der Terroranschläge, die zwar im Namen des Islam verübt würden, unter einen "Generalverdacht" gestellt werden. "Die Kirchen müssen sich aus der Position des Oberlehrers verabschieden. Ein Dialog auf gleicher Augenhöhe ist wichtig", sagt Mazyek. Dieses Problem sieht auch Professor Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler der Universität Bern: "Ich habe den Eindruck, dass die muslimische Seite sich in einer Verteidigungsposition befindet" Hauptproblem sei es, dass die "Kategorie der Religion zu hoch gehängt ist". Der Islam werde für Missstände und Probleme verantwortlich gemacht, obwohl diese politische oder soziale Ursachen hätten.

"Natürlich brauchen wir zum Beispiel eine Auseinandersetzung über Gewalt. Aber die müssen andere Religionen genauso führen", sagt Mazyek. Schulze plädiert dafür, den Islam ernster zu nehmen und sachlicher mit seinen Vertretern zu diskutieren: "Alle Religionen enthalten Konzepte, die Frieden und Gewalt mobilisieren können." Radikale Positionen bestimmter Muslime sind seiner Ansicht nach zuerst ein binnenislamisches Problem. "Ein Kairoer Gelehrter erwartet auch nicht vom Papst eine Stellungnahme zu konservativen Tendenzen in der katholischen Kirche", meint Schulze. "Auf der Tagesordnung aller Religionen steht die Aufgabe, ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären. Sie reicht weit über die Problematik des Heiligen Krieges hinaus. Wie geht eine Religion mit den Menschen um, die sich von ihr abwenden? Im Abendland wurden jahrhundertelang Apostasie, Ketzertum und Blasphemie mit dem Tode bedroht", heißt es auch einem Text des katholischen Bischofs von Limburg, Franz Kamphaus.

"Keiner ist an Eskalation interessiert"

Die Stimmung an der Basis, auf Gemeindeebene, ist optimistischer: "Hier ist keiner an Eskalation interessiert, praktische Alltagsfragen stehen im Vordergrund", berichtet Günter Eitenmüller, Dekan der Evangelischen Kirche in Mannheim. Seit den frühen 90er Jahren, als dort die größte Moschee Deutschlands gebaut wurde und es massive Spannungen gab, setzt er sich für den interreligiösen Dialog ein. Wenn er auf muslimische Geistliche mit einem entsprechenden Bildungshintergrund treffe, sei der theologische Diskurs "recht einfach". Keiner "außer den Fundamentalisten hat damit ein unüberwindliches Problem". Ein Disput zum Beispiel mit amerikanischen Fundamentalisten sei ähnlich schwierig.

Allerdings gebe es in Deutschland zu wenige muslimische Gesprächspartner, die einen wissenschaftlichen und theologischen Hintergrund mitbrächten. Sorgen bereitet Eitenmüller besonders der "hohe Anteil schlecht ausgebildeter, arbeitsloser Muslime". Unter ihnen gebe es ein größeres Radikalisierungspotenzial, sie litten nicht nur unter ihrer Minderheitenposition, sondern auch unter Minderwertigkeitsgefühlen. "Die wollen sich natürlich schützen, da gibt es ähnliche Prozesse wie in deutschen Unterschichten", mahnt Eitenmüller.

Gemeinsame Verantwortung in der Gesellschaft

Umso wichtiger sei es, das breite Spektrum innerhalb des Islams zu beachten. "Ich kenne viele Muslime, die den Gewaltbegriff ganz ähnlich sehen wie wir", betont der Dekan. "Warum muss denn eine Religion so organisiert sein wie die christlichen Kirchen?", fragt auch Schulze. Theologische Differenzen zwischen beiden Religionen bezeichnet Eitenmüller vor allem als "theoretisches Problem". Die Position von Jesus und daraus abgeleitet das Gottesverständnis nennt Mazyek als wichtigsten Unterschied. Auch Schumann und Schulze leugnen nicht, dass sich Christentum und Islam grundsätzlich unterscheiden. Für "unüberbrückbar" hält Schumann diese Differenzen jedoch nur im politischen Bereich. "Im Vordergrund des Dialogs muss die gemeinsame Verantwortung in der Gesellschaft stehen", sagt Schulze. Interessanter als theologische Unterschiede seien die Positionen von Islam und Christentum in der Gentechnik oder der Wertevermittlung.

Claudia Utermann/DPA DPA

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