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Richard David Precht: "Freiwilligkeit ist keine Alternative"

Ab September präsentiert Richard David Precht seine neue Show im ZDF. Im Interview spricht der Philosoph über die Einführung eines zweiten sozialen Pflichtjahrs - für Menschen im Renteneintrittsalter.

Wir haben 15 zusätzliche Lebensjahre gewonnen. Wie lässt sich der demografische Wandel für die Gesellschaft nutzen?
Senioren, die sich in die Gesellschaft einbringen und sich um das Allgemeinwohl verdient machen, sind in der Minderheit. Der größte Teil engagiert sich jenseits des Privatlebens für nichts. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der älteren Menschen, die sich einsam fühlen, und die darunter leiden, nicht mehr gebraucht zu werden. Darum habe ich einen Doppelvorschlag gemacht: ein soziales Pflichtjahr für junge Menschen im Alter von 19/20 Jahren und ein zweites soziales Pflichtjahr für Menschen im Renteneintrittsalter. Aufgrund der geringeren Belastbarkeit dieses Personenkreises reduziert sich der Pflichtbeitrag auf 15 Stunden in der Woche – drei halbe Tage.

Welchen Sinn hat das soziale Pflichtjahr für den einzelnen und für die Gesellschaft?
Der Sinn beider Pflichtjahre besteht in der Erfahrung von "Selbstwirksamkeit". Wer in eine andere Lebenswelt hineinriecht und einen sozialen Beitrag leistet, erlebt das bestätigende Gefühl der Nützlichkeit. Rentner und Pensionäre können die wertvolle Erfahrung machen, ihr Wissen weiterzugeben und gebraucht zu werden – obwohl sie dies freiwillig oft nicht tun würden, sei es aus Bequemlichkeit, Verdrängung oder Unsicherheit, für was sie sich entscheiden sollen und wie so etwas anzustellen sei. Soziale Pflichtjahre dienen dem sozialen Frieden, der Toleranz, der Sinnstiftung, der Entlastung der Sozial- und damit auch der Rentenkassen und dem Verständnis der Generationen füreinander. Sie wären ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer neuen Bürgerkultur, einem neuen Gesellschaftsvertrag!

Stehen die Bürger der Gesellschaft gegenüber in einer Pflicht?
Dass Bürgerpflichten in einer modernen Gesellschaft damit erledigt sein sollen, dass man sich nicht strafbar macht und regelmäßig seine Steuern bezahlt, werden in Deutschland nur wenige politisch denkende Menschen behaupten. Ein demokratisch funktionierendes Gemeinwesen ist auf Engagement angewiesen, sei es in Parteien, Verbänden, gemeinnützigen Organisationen oder durch private Hilfe. Die verbreitete Vorstellung, eine demokratische Wohlstandsgesellschaft kennzeichne sich durch eine unbedingte Zunahme von Freiheiten bei gleichzeitiger Abnahme von Pflichten ist irreführend. Wenn alle ein Maximum an Freiheit leben bei einem Minimum an Pflichtgefühl, steuert die Demokratie in die Anarchie.

Warum kann soziales Engagement im Alter nicht auf freiwilliger Basis bleiben?
Unterm Strich ist die Zahl der ehrenamtlich tätigen und sozial engagierten Bürger in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten nicht signifikant gewachsen. Damit bleibt die vielfach wiederholte Aussage – etwa des Familienministeriums –, dass man das Engagement der Bevölkerung stärken möchte, eine Absichtserklärung ohne Durchschlagskraft. Das Setzen auf Freiwilligkeit ist keine echte Alternative zum zusätzlichen Einsatz von über zwei Millionen Menschen, die durch das Pflichtjahr eine soziale Aufgabe übernähmen. Wer statt der Pflichtjahre auf "Freiwilligkeit" setzt, bekennt sich eigentlich nur zum gegenwärtigen Status Quo und optiert gegen eine grundlegende Veränderung.

Für wie wahrscheinlich halten Sie die Einführung des sozialen Pflichtjahrs?
Eher für unwahrscheinlich. Soziale Utopien werden nicht in Deutschland vorgedacht, sondern in Ländern wie den Niederlanden oder in Skandinavien. Erst wenn andere EU-Statten Pflichtjahre einführen, werden sie auch in Deutschland möglich. Auf lange Sicht ist anzunehmen, dass es zu dieser Veränderung kommen wird. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung in Westeuropa mit all ihren sozialen Folgeerscheinungen lässt kaum eine Alternative.

Der zugehörige Artikel "Engagement in pragmatischer Hinsicht: Überlegungen zur sozialen Pflicht" von Richard David Precht ist nachzulesen im Philosophiemagazin agora42, Ausgabe 02/2012.

kst
Themen in diesem Artikel
Kindesunterhalt für volljähriges Kind ohne Zielstrebigkeit
Mein Kind ist 19 Jahre alt und lebt im Haushalt der Mutter. Es hat im Juli 2017 seine Schule nach der 10. Klasse dann mit Hauptschulabschluss verlassen. Danach wollte es auf einer Berfsfachschule Einzelhandel seinen Realschulabschluss nachholen (2 Jahre). Es besuchte die Schule im ersten Halbjahr nicht wirklich regelmäßig und im zweiten Halbjahr dann so gut wie gar nicht mehr. (zum Ende hin, ist es gar nicht mehr zur Schule gegangen) Das notwendige zweite Jahr ging es dann gar nicht mehr an. Stattdessen hat es sich für ein freiwilliges Soziales Jahr beworben und geht hier mehr oder weniger regelmäßig hin. Nun möchte es das FSJ abbrechen und wieder seinen Realschulabschluss nachholen. Dies soll in Vollzeit an der Volkshochschule geschehen. Zwischendurch ist immer wieder die Rede von verschiedenen Ausbildungen. Ein wirkliches Konzept, oder Interesse ist aber auch hier nicht erkennbar. Mal kommt es mit dem Berufswunsch Tierarzthelfer/In, mal mit Immobilienkaufmann/-Frau, oder Ähnlichem. Informationen über freie Stellen, oder Inhalte des Berufs und der Ausbildung können nicht genannt werden. Bei laufenden Bewerbungen am Ball zu bleiben liegt ihm auch nicht wirklich. Hab die Bewerbung ja hingeschickt, damit soll es dann auch gut sein. Langsam drängt sich mir der Verdacht auf, es sucht sich den bequemsten Weg heraus und verlässt sich auf meine nicht unerheblichen Unterhaltszahlungen. Frei nach dem Motto: Was soll ich mich kümmern, Väterchen muss ja zahlen, solange ich Schule oder Ausbildung mache. Um meinem Kind Anreize zu geben, endlich Zielstrebigkeit zu entwickeln, habe ich schon über die Kürzung bzw. Einstellung des Unterhals nachgedacht. Wie verhält sich das rechtlich, bzw. was kann ich tun?