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Richard David Precht im Interview: Die Fähigkeit zur Erneuerung nimmt ab

Im Interview mit der Kölnischen Rundschau spricht der Philosoph Richard David Precht über das soziale Pflichtjahr für Ältere sowie die Chancen und Risiken einer stetig älter werdenden Gesellschaft.

Herr Precht, fühlen Sie sich jung oder alt?
Ich stell mir die Frage eigentlich nie, ich habe da keine besondere Wahrnehmung. Aber ich denke, wenn man viel wie ich mit seinen Kindern zusammen ist, fühlt man sich tendenziell eher älter.

Ist Alt-sein heute ein Problem?
Es gibt sehr große Veränderungen vom Begriff Alter. In der Generation unserer Großeltern wurde man sehr schnell alt", einfach weil man früher erwachsen sein musste und am Ende kein so hohes Lebensalter erreichte. Da wir zunehmend die Aussicht haben, älter zu werden, ändert sich unser Begriff der Jugend. Wer 100 wird, ist bis 50 jung.

Und die Werbeindustrie sagt uns ständig, wie wir noch länger jung bleiben können: mit Anti-Aging-Cremes und Beauty-Kuren.
So etwas habe ich noch nie benutzt, und das würde ich auch niemandem raten. Mich stören auch nicht die wenigen grauen Haare, die ich habe. Das sieht ein Leistungssportler natürlich anders. Als Philosoph können Sie aber gar nicht alt genug sein.

Klingt für uns beruhigend.
In der Tat. Ältere Gesellschaften können Sie nicht mehr in einen Krieg führen. Weil die wenigen Kinder so kostbar sind, dass man sie nicht als Soldaten verheizen will. Das war in früheren Jahrhunderten ganz anders, als die Menschen vier oder fünf Kinder hatten.

Sie schlagen vor, den Zusammenhalt der Gesellschaft durch soziale Pflichtjahre zu stärken.
Zwei Pflichtjahre, das erste nach der Schule, möglicherweise im europäischen Ausland, das zweite beim Eintritt ins Rentenalter. Das Problem ist: Wenn Sie in einer Talk-Show über die bestehenden Verhältnisse schimpfen, bekommen Sie immer Recht. Aber wenn Sie einen konstruktiven Vorschlag machen, lösen Sie Proteste aus. Dann kommen die Ängste, die Sorgen, die Lobbyisten. Das sieht man, wie festgelegt wir auch in sozialen Dingen sind. Das kann zu Angststillständen einer Gesellschaft führen.

Wie ist es denn um das Miteinander von Alt und Jung bestellt?
Die wachsende Zahl der Alten bekommt ein immer stärkeres Gewicht, und das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil einer alten Gesellschaft ist, dass Innovationsfähigkeit abnimmt. Es ist alles festgezurrt, Sie können nichts Grundlegendes ändern, weil die Leute bei Veränderungsvorschlägen Angst bekommen. Alte Gesellschaften sind ängstliche Gesellschaften. Andererseits haben Sie in jüngeren Gesellschaften ein viel größeres Konfliktpotenzial. Schauen Sie mal in die arabische Welt, da geht es gar nicht immer um Revolutionen, sondern um Verteilungskämpfe und Zukunftschancen.

Glauben Sie, die Idee der Pflichtjahre ist mehrheitsfähig?
Die Mehrheit der Gesellschaft ist für ein Pflichtjahr für junge Menschen. Bei dem für Ältere sieht das schon anders aus, da sind die Meinungen gespalten. Dabei geht es gerade hier darum, dass die Senioren ihr Wissen weitergeben, und eins ist dabei besonders wichtig: Dass die, die weniger in den Genuss von Bildung kommen, von uns gecoacht werden. Diejenigen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, müssen wir aufnehmen in die Gesellschaft, da müssen wir helfen und fördern. Denn ganz wichtig ist: Moral lernt eine Gesellschaft nicht durch Moralpredigten, sondern durch Vorleben und Nachahmen.

Glauben Sie, dass es durch die Beschleunigung der Gesellschaft zu einer kulturellen Entfremdung zwischen Jung und Alt kommt?
Da hat sich viel getan. Durch die digitale Revolution verstärken sich die Unterschiede zwischen Kindern und Eltern tatsächlich. Das Schulmodell der heutigen Zeit entspricht immer noch dem 19. Jahrhundert, das ist heute gar nicht mehr adäquat und da haben wir nicht reagiert. Es werden aber auch gewisse Prozesse erlahmen. Den Computerschock haben wir hinter uns, und auch soziale Netzwerke werden an Bedeutung mindestens ihren Höhepunkt erreicht haben. Die Alten werden weiter mitkommen in der Gesellschaft.

Was können junge Menschen von alten lernen?
Es geht letztlich immer darum, ein erfülltes Leben zu bekommen. Dazu braucht es die Fähigkeit, Dinge mit Sinn zu tun, Sachen bedeutsam werden zu lassen. Sonst geht es nur noch um materiellen Status und Neidkultur. Dabei müssen wir unseren Kindern helfen. Aber nicht mit Altersweisheiten, Erfahrungen muss die Jugend selbst machen.

Es gibt bereits Senioren, die sich sehr engagieren...
... aber das spricht nicht dagegen, dass man es für ein Jahr und beschränkt auf eine halbe Stelle verpflichtend macht. Gleichzeitig muss natürlich eine Mindestrente da sein, die das ermöglicht. Ich bin auf die Idee gekommen, weil jeder es gut findet, sich sozial zu engagieren, aber die wenigsten machen es. Und wenn Sie fragen, warum nicht, hören Sie oft: Ich weiß nicht wo und zu wem ich gehen soll.´ Diese Schwellenangst würde durch das Pflichtjahr überwunden. Und sehr viele würden nach dem Jahr vermutlich weitermachen. Wenn Sie Ihr Leben lang im Finanzamt gearbeitet haben, dann haben Sie vermutlich recht wenig Anerkennung bekommen. Das ändert sich aber, wenn Sie Schülern Nachhilfeunterricht in Mathematik geben. Ein Pflichtjahr hätte also auch eine enorme Integrationskraft.

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