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Risikoneigung: Wenn Extrembergsteiger im Alltag verunglücken

Die steilsten Felswände waren kein Problem - für Patrick Edlinger wurde seine eigene Treppe zum Verhängnis. Er starb. Auch andere Profi-Bergsteiger verunglückten bei eher harmlosen Aktionen.

Von Joel Stubert

Patrick Edlinger leistete schier unmenschliche Dinge. Er war Extremkletterer, kraxelte ohne Sicherung steile Wände hinauf. Als erster Freeclimber überwand er den 700 Meter hohen Gorges du Verdon, den größten Canyon der französischen Alpen. Ungesichert und nur Kraft seiner Hände, "Spiderman" nannten sie ihn deswegen. Und in der Tat fragte man sich: Wie kann ein Mensch beinahe glatte Wände hochklettern? Und das auch noch ohne Sicherung und Klettergurt, meist barfuß. "Beim Klettern verspüre ich einen inneren Frieden", beschrieb er seine Leidenschaft, die er mit Yoga verglich: "Man muss sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Plötzlich vergisst man alle Probleme."

Vor wenigen Tage starb Patrick Edlinger daheim. Er stürzte in seinem Haus in La Palud im Verdon von einer Treppe, die in französischen Medien als steil beschrieben wird. Den Berichten zufolge schlug er mit dem Kopf auf und erlitt eine tödliche Gehirnblutung. Er soll sich noch bis zum Bad geschleppt haben, wo man seine Leiche fand. Unbekannt ist, was der Grund für den Sturz war.

Edlinger ist nicht der erste Extrembergsteiger, der im Alltag verunglückt. Nur hatten Kollegen mehr Glück und starben nicht. Sein eigenes Heim wurde auch Reinhold Messner zum Verhängnis. Der Südtiroler bezwang als erster Mensch alle Achttausender der Welt. Das bewahrte ihn jedoch nicht davor, an einer drei Meter hohen Mauer zu scheitern. Weil er seinen Schlüssel vergessen hatte, überkletterte er im Juli 1995 die Grundstücksbegrenzung zu seinem Schloss in Meran kurzerhand selbst, rutschte aus und zertrümmerte sich das Fersenbein.

Abgestürzt für den eigenen Film

Laut Markus Raab, Professor an der Sporthochschule Köln, gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen extremem Bergsteigen und Haushaltsunfällen. "Risikosportler können aber generell höhere Risikoneigungen haben", weiß der Sportpsychologe. Treppensteigen oder auch eine kleine Mauer zu erklettern, ist für einen Bergsteiger eine routinierte Tätigkeit. "Die Gefahr dabei ist dann, unkonzentriert zu handeln und sich deswegen zu verletzen", sagt der Sportpsychologe.

Unkonzentriert verhielten sich auch andere Bergsteiger, wenn sie nicht zu absoluten Höchstleistungen gezwungen war. Der österreichische Kletterer Thomas Bubendorfer stürzte 1988 aus 17 Meter Höhe in die Tiefe - bei Werbeaufnahmen . Er brach sich unter anderem elf Wirbel sowie ein Hand- und ein Sprunggelenk - ein Jahr Reha war die Folge. Trotzdem hatte er noch Glück.

Speedclimber Alexander Huber ging es ähnlich. Bei der Besichtigung möglicher Kamerapositionen für einen Film, rauschte er 16 Meter in die Tiefe - und blieb fast unverletzt. Dass es sich bei dem Streifen "Am Limit" um eine Dokumentation über das Leben von ihm selbst und seinem Bruder Thomas handelt, ist die Ironie der Geschichte. Bergsteiger überleben in lebensfeindlichen Situationen und lassen schier unüberwindbare Felsvorsprünge hinter sich.

So wie es auch Patrick Edlinger schaffte. Ein Trost für all seine Fans: Der 52-Jährige wird nicht als der Mann, der tödlich von der Treppe stürzte in Erinnerung bleiben, sondern als "Spiderman", der unfassbar schwierige Wände hinaufkletterte.

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