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Rituale: Warum Rom die Blicke auf sich zieht

Die Blicke in aller Welt sind in diesen Tagen auf Rom gerichtet. Dabei sind es vor allem die Rituale der katholischen Kirche, welche die Menschen in ihren Bann schlagen. Sie haben die Funktion, eine Gemeinschaft zu festigen.

Die Blicke von Menschen in aller Welt sind in diesen Tagen auf Rom gerichtet. Hunderte Millionen nehmen vor Fernsehgeräten Anteil am dortigen Geschehen nach dem Tod Johannes Paul II. - Katholiken, aber ebenso Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften, auch solche, die ihrer Kirche entfremdet sind, selbst Menschen anderer Religionen und auch religionslose. Über alle Grenzen zwischen solchen Menschen hinweg hat der gestorbene Papst wie kaum ein anderer in der Neuzeit vor allem als Mensch Verehrung und Sympathie gefunden, besonders in den letzten Jahren seines Krankheitsleidens.

Suggestivkraft der Rituale

Darüber hinaus sind es vor allem die Rituale der römischen Kirche, welche die Menschen in ihren Bann schlagen: Vom genau festgelegten Protokoll zur Verkündung des Todes, über die Aufbahrung und Beerdigung des Leichnams im Petersdom bis zum mittelalterlich anmutenden Konklave zur Wahl des neuen Papstes - es sind seit Jahrhunderten praktizierte Rituale, die offenbar bis heute ihre Suggestivkraft bewahrt haben.

Der Theologe Thomas Ruster, der Rituale unlängst zum Thema einer seiner Veranstaltungen an der Universität Dortmund machte, sieht darin auch ein Zeugnis ihrer Verständlichkeit. "Es ist schon sehr bemerkenswert, wie der Tod dieses Papstes und die damit verbundenen Rituale ihre Verständlichkeit unter Beweis stellen. Sie zeigen, dass die Kommunikation der katholischen Kirche noch immer verstanden wird - im Unterschied zu vielen Ritualen in der heutigen Welt, die wir nicht mehr verstehen", sagte er.

Ein wichtiger Faktor sei dabei, dass hier etwas in "sinnlicher Ausdrucksform" vermittelt wird - in Farben und Formen für die Augen, in Klängen für die Ohren und bei den leibhaftig Anwesenden im Weihrauch auch für den Geruchssinn. Damit sprächen diese Rituale auch stärker die Gefühle der Menschen an als die mehr vom Wort und vom Gedanken geprägten Rituale und das Erscheinungsbild der protestantischen Kirchen überhaupt.

Sinn und Sinnlichkeit "untrennbar"

Wie Ruster sagte, "hat eine sinnvolle Aussage, die nicht auch in sinnlicher Weise dargestellt werden kann, keinen rechten Sinn. Sinn und Sinnlichkeit gehören nach katholischer Ansicht zusammen, sie dürfen nicht getrennt werden." Und damit sei jede wichtige Artikulation des katholischen Glaubens auch mit sinnlichen Ausdrucksformen verbunden - von der Musik, den Heiligenbildern, der Gestaltung der Kirchen, den Messgewändern bis hin zum Glockengeläut und eben auch dem Weihrauch.

Ein bei den römischen Ritualen und Zeremonien besonders bunter Farbtupfer ist die seit 500 Jahren in der Umgebung der Päpste omnipräsente Schweizer Garde. Ihre Uniform entspricht der Tracht der schweizerischen Landsknechte am Anfang des 16. Jahrhunderts. Sie wurde dann in Rom gemäß den Farben der Päpste der Medici rot-gelb- blau stilisiert. Die Waffen der Gardisten sind eine Hellebarde, zwei Säbel und in heutiger Zeit ein Karabiner.

Rituale haben in allen Epochen der Geschichte und überall auf der Welt die Funktion gehabt, eine Gemeinschaft zu festigen und die Mitglieder ihres gemeinschaftlichen Weltverständnisses zu vergewissern. Die Wirkung der katholischen Rituale nach außen scheint Thomas Ruster auch darin zu liegen, dass sie ein "klares Weltverständnis" bezeugten und auch damit in unserer "Zeit der Orientierungslosigkeit" Menschen in ihren Bann schlügen. Die meisten Menschen seien ja sehr unsicher in ihrem Verhältnis zur Welt, sagte der Theologe weiter - "und da strahlt von der Kirche etwas herüber, eine sichere, klare Position auch dem Sterben, dem Leiden gegenüber, was die Menschen erstaunt und anzieht, was attraktiv ist".

Selektionsvorteil durch Kooperationsbereitschaft

In der Zeitschrift "Gehirn & Geist" (Heidelberg) verwies kürzlich der Anthropologe Richard Sosis von der amerikanischen University of Connecticut auf Forschungen, die religiöse Rituale im Licht der Entwicklungsgeschichte des Menschen deuten. Diese Deutung basiert auf der Erkenntnis, dass die Loyalität gegenüber einer Gemeinschaft stark von Ritualen bestimmt wird. Und die von ihnen bewirkte Kooperationsbereitschaft bildete bei unseren fernen Vorfahren in der Evolution einen Selektionsvorteil, wie Sosis ausführte.

Rudolf Grimm/DPA / DPA
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