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Rückblick 2010 - Geschichten, die das Jahr schrieb: Als der Eyjafjallajökull spucken musste

Ärgern, weil sich der Urlaub verlängert? Im April taten das Millionen. Sie mussten auf Flughäfen campieren - wegen der Aschewolke. Auch unseren Redakteur Dieter Hoß erwischte der Eyjafjallajökull.

Gerade einmal drei Monate waren vorbei, da stand für viele das Unwort des Jahres schon fest: Aschewolke. Millionen Reisende, die im April unterwegs waren, mussten tagelang auf Flughäfen campieren, ungezählte Stunden in endlosen Schlangen an Info-Schaltern anstehen, sich mit Reiseveranstaltern und Airlines herumschlagen. Wer Glück hatte, durfte im Hotelzimmer ausharren - schließlich kamen kaum neue Gäste an. Hoteliers machten ebenso lange Gesichter wie die Chefs von Fluggesellschaften und natürlich die überall in Europa und auf der Welt gestrandeten Reisenden. Rund 100.000 Flüge, so hat man später ausgerechnet, sind in diesen bewegten Tagen des Stillstands ausgefallen. Und das alles wegen einer Aschewolke, die nur die wenigsten zu Gesicht bekommen haben.

Es waren die Tage, in denen wir alle lernten, ein wahres Wortungetüm problemlos auszusprechen: Eyjafjallajökull. Dass im Süden Isands ein Vulkan dieses schwierigen Namens - übersetzt etwa Inselbergegletscher - existiert, war den meisten Europäern sicher nicht bewusst. Warum auch? Mit 1666 Metern ist er bestenfalls ein mittelprächtiger Berg, selbst unter den Vulkanen Islands ist er nur die Nummer sechs, und vor allem: Er gibt meistens Ruhe! Nicht aber im Frühjahr 2010, da musste er nach 187 Jahren Pause unbedingt mal wieder aus sich raus. Das Ergebnis war - genau - die Aschewolke.

Große Aufregung, kaum Einsicht

Man muss nicht zwangsläufig schlechte Erinnerungen an die Wolken-Tage haben. Mir bescherten die Partikel am Himmel über Europa, die angeblich für Flugzeugtriebwerke so gefährlich waren, ein paar zusätzliche Urlaubstage - zwar auf gepackten Koffern, aber letztlich immer noch einigermaßen entspannt. Für all' die, die auf Feldbetten oder harten Airport-Böden ausharren mussten, sah das natürlich anders aus. Die Flughäfen waren in diesen Tagen nicht nur die Auffanglager gestrandeter Reisender, sondern auch die Sammelbecken der Frustrierten, der Verärgerten, der Ungeduldigen und Besserwisser, die das Problem natürlich im Handumdrehen gelöst hätten – in ihrem Sinne, versteht sich.

Die Unordnung in unserer sonst doch so geordneten kleinen Welt war eine wunderbare Arena für den Egoismus. Wie behände doch ein gut genährter Mitteleuropäer mit schwerem Gepäckwagen sein konnte, als auf dem Flughafen von Funchal ein Check-In-Schalter unverhofft öffnete, werde ich in "guter" Erinnerung behalten. Sein erstes Gepäckstück wuchtete er - dem berühmten Handtuch auf dem Liegestuhl gleich – sofort aufs Laufband. Hier forderte jemand sein "gutes Recht" ein - und reagierte verärgert, dass dennoch ein Rollstuhlfahrer noch vor ihm eingecheckt wurde. Ungezählt sind die erregten Diskussionen an Schaltern und Handys, das Kopfschütteln vor Anzeigetafeln, die Wut- und Verzweiflungsausbrüche. Eher selten zu sehen: Gelassenheit und die Einsicht in die Unausweichlichkeit der Dinge. Das wäre nicht selten hilfreich gewesen.

"Wie kann das sein?"

So mancher nahm die Sache regelrecht persönlich: "Wie kann es sein, dass ein Vulkan irgendwo in Island uns hier solche Schwierigkeiten macht?“ Ja, Vulkane haben es in sich. Sie haben die Erde geformt, und sie tun es noch. Wenn sie ihre glühend-heißen Aschewolken in den Himmel spucken, dann können sie unser Leben nachhaltig verändern. Die Erfindung des Mineraldüngers und der Draisine, des Vorläufers des Fahrrads, und sogar das Canstatter Volksfest in Stuttgart sind letztlich auf den Ausbruch eines einzigen Vulkans zurückführen. 1815 schleuderte der indonesische Feuerberg Tombora soviel Asche gen Himmel, dass das Folgejahr als "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte Nordamerikas und Mitteleuropas einging. Auf Schneefälle im Juli, anhaltende Unwetter, Missernten und Hungersnöte mussten die Menschen reagieren. In Deutschland taten sie es mit der Gründung der Agrar-Universität Hohenheim. Und die ließ einmal im Jahr ein großes Fest, die Cannstatter Wasen, steigen.

Die Explosion des ebenfalls in Indonesien liegenden Krakatau knapp 70 Jahre später war noch Tausende Kilometer entfernt in Perth und auf Mauritius zu hören. Seine Aschewolke ließ bei Sonnenuntergängen den Himmel regelrecht blutrot leuchten. Edvard Munch hielt dieses Naturphänomen auf seinem berühmten Gemälde "Der Schrei“ fest.

Dagegen hatte der Eyjafjallajökull nun wirklich nur ein Wölkchen zu bieten. Gereicht hat uns das natürlich trotzdem, und teuer war es auch – für die Urlauber, die Reiseveranstalter, die Airline-Chefs. Genervt hat uns der öffentliche Expertenstreit, der wieder einmal eher verunsicherte statt aufzuklären. Ob sie nun wirklich gefährlich war, die Aschewolke dieses kleinen isländischen Vulkans, oder nicht – eigentlich wissen wir das bis heute nicht so genau. Im Herbst brach der Merapi auf Java aus. Seine Asche verwüstete ganze Landstriche, Dörfer wurden ausgelöscht, viele Menschen verloren ihr Leben. Ob der Flugverkehr beeinträchtigt wurde, hat niemand gefragt.

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