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Rückblick 2010 - Geschichten, die das Jahr schrieb: Eine Kindheit in Haiti

Es war die Tragödie des Jahres: Das Erdbeben in Haiti kostete 250.000 Menschen das Leben. Wer überlebte, musste unfassbares Leid ertragen - wie die kleine Venise und ihre Mutter.

Von Giuseppe di Grazia

Es war mehr als ein halbes Jahr nach dem großen Beben. Es war, als einem der süßfaulige Geruch der Leichenberge noch immer in der Nase steckte, als noch immer eine Million Menschen in Zeltlagern leben mussten, als wir die Geschichte von Venise erfuhren.

Venise hat das Gesicht einer Frau und den Körper eines Kindes. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt an diesem Tag Ende Juli ein rotes T-Shirt, das ihr bis zu den Knien hängt. Auf dem Shirt steht in mehreren Schriften: "sexy diva". Ihre Mutter Isema hatte es ihr vor Monaten geschenkt, sie hatte sich nichts dabei gedacht, sie nimmt alles, was sie bekommen kann, für sich und ihre fünf Kinder. Ihr Mann wurde beim Jahrhundertbeben von Haiti in ihrem Haus von einem Balken erschlagen. Mutter Isema und ihre fünf Kinder suchten Zuflucht in einem der Camps am Rande von Port-au-Prince, dem La Piste. Dort bot ein Bekannter der Mutter Hilfe an. Er gab ihr ein wenig Geld, brachte Essen. Fragte, ob sich Venise dafür um sein Kind kümmern könnte, wenn er zur Arbeit ginge. Die Mutter schickte Venise jeden Morgen zu dem Mann, den sie Natual nennt. Seine Frau war ihm nach dem Erdbeben weggelaufen, hatte ihn mit dem ein Jahr alten Baby allein gelassen.

Venise wusch den Säugling, fütterte ihn, spielte mit ihm. Bis Natual von der Arbeit kam, dann holte sie in einem großen Eimer Wasser, goss davon Natual in eine Schüssel, mit der er sich sauber machte. Mit dem Rest kochte sie Spaghetti für ihn oder Reis. Nach dem Essen gab er ihr wenige Gouds und einige Süßigkeiten, dann legte er sie auf die Matratze. Natual, der 41 Jahre alte Mann, sah Venise, die Zehnjährige, als seine neue Frau an. Venise bekam an vielen Stellen ihres Körpers Schmerzen, Natual ist ein großer, schwerer Mann. Wenn sie zu ihm sagte, sie wolle nicht, drohte er, sie zu verprügeln, dann warf er sie aufs Bett und zwang sie wieder dazu. Sie spürte höllische Schmerzen, flehte ihn an, er möge aufhören. Es halft nichts: Er machte weiter. Zweimal schlug er sie.

Sie litt und schwieg

Venise erzählte davon nie etwas ihrer Mutter. Auch nicht, dass der Mann, der neben ihrer Hütte lebt, sich ein paar Mal an ihr vergangen hatte. Die Mutter erfuhr das alles erst, als sie eines Nachts aufwachte und ihre Tochter nicht in der Hütte lag, sie machte sich Sorgen, suchte nach ihr. Sie ging auch zu den Toiletten, die am Rand des Camps liegen, und dort fand sie einen Mann, der auf ihrer Tochter lag und stöhnte. Sie schlug auf ihn ein, schrie. Der Mann verschwand. Ihre Tochter zog das T-Shirt herunter und sagte nichts. Später fragte die Mutter Venise, ob dies das erste Mal gewesen wäre. Venise erzählte ihr stockend von Natual und vom Nachbarn.

Die Mutter lief zu Natual, sie schrie ihn an: "Warum hast Du das getan? Sie ist noch ein Kind, warum hast du mein Vertrauen missbraucht?" Natual saß da ganz ruhig und sagte: "Was willst Du? Ich gebe euch schließlich etwas dafür. Ich habe das Recht, Sex mit ihr zu haben."

Die Mutter brachte Venise ins Krankenhaus, der Arzt war nicht sonderlich geschockt, erzählte die Mutter uns, er habe gesagt, das komme hier schon mal vor. Der Arzt hat einen Bericht darüber angefertigt, dann hat sie Anzeige erstellt. Die Polizei hat Natual und die anderen Männer noch nicht vernommen. Natual war bereits in ein anderes Camp gezogen, die Mutter wusste nicht, in welches. Der Arzt hat dem Kind keine Medikamente verschrieben, auch nicht viel mit ihr geredet. Hat er Venise zu einem Psychologen geschickt? Die Mutter weiß nicht, was das ist.

"Ich habe sie an dieses System verloren"

Sie glaubt, dass Venise immer noch nicht klar ist, was da mit ihr passiert ist. Die meiste Zeit sitze sie da, spreche nicht und schaue nur herum. Die Mutter sagt: "Ich fürchte mich davor, sie wieder dabei zu erwischen. Einer der Männer wird es wieder tun und ich weiß nicht, wie Venise reagieren wird. Ich kann nicht immer auf sie aufpassen, ich habe schließlich fünf Kinder, muss Essen und Arbeit suchen." Die Mutter sprach weiter, sie sagte Sätze, schreckliche Sätze. Sie sprach jedes Wort so aus, als sei sie bereits abgestumpft. Sie sagte uns noch: Ich habe sie an dieses System verloren. Sie sagte "System", weil ihr die richtigen Worte fehlen für das, was da in ihrem Land geschieht. Für die Folgen des großen Bebens. Für den Verlust aller moralischer Werte. Für ein Haiti, das dabei ist, sich selbst zu vernichten. Und die Mutter der zehn Jahre alten Venise sagte einem noch einen Satz, den man nicht mehr los wurde: "Ich weiß nicht mal mehr, ob ich meiner eigenen Tochter noch vertrauen kann."

Frauen und Mädchen waren in Haiti auch vor der großen Katastrophe gefährdet, durch das Erdbeben haben viele von ihnen ihre Eltern oder ihren Mann verloren. Sie sind noch schutzloser als früher. In jedem Camp steigen von Woche zu Woche die Übergriffe, viele werden erst gar nicht gemeldet, aus Scham oder Angst. Nach den ersten sechs Monaten verhaftete die Polizei allein in Port-au-Prince etwa 4000 Leute, ein Drittel von ihnen wegen sexueller Gewalt. Sex ist in den Camps zu einer Ware geworden, die man sich nimmt, stiehlt, kauft oder anbietet. Es gibt Familien, die ihre Kinder für sich anschaffen lassen. Oder gar nicht mitbekommen, dass ihre Kinder das tun. Väter und Mütter erhalten nur schwer einen Job; schöne Mädchen dagegen verdienen schnell Geld, wenn sie zum Sex bereit sind. Im Camp La Piste gibt es einige verstörte Kinder wie Venise.

Als wir Anfang Dezember nach Haiti zurück kehrten, hatte die Mutter von Venise ein neues und viel sicheres Zuhause für sich und ihre Kinder gefunden. Mit Hilfe des damaligen Camp-Managers in La Piste, eines Sozialarbeiters und der Hilfsorganisation Concern Worldwide bekam sie übergangsweise ein großes Zelt in einem anderen Lager außerhalb der Hauptstadt gestellt. In einigen Wochen kann sie sogar in eine der Holzhütten umziehen. Venise lief auf uns zu, als wir sie besuchten. Sie lachte - was sie im Sommer nicht ein einziges Mal getan hatte. Sie erzählte, dass es ihr im neuen Camp gut gehe, dass sie schnell Freunde gefunden hätte. Bald wolle sie auch wieder in die Schule gehen. Die Mutter sagte, sie befürchte hier keine Übergriffe. Die beiden erzählten den halben Tag von ihrem neuen Leben. Venise hielt dabei die Hand der Mutter - und ließ sie nie los.

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