HOME

Rückblick 2010 - Geschichten, die das Jahr schrieb: Lena und das Wunder von Oslo

"Wunder gibt es immer wieder", sang Katja Ebstein 1970 beim Eurovision Song Contest. In diesem Jahr wurde für Grand-Prix-Fans eines wahr: Deutschland holte mit Lena Meyer-Landrut den Sieg in Oslo.

Von Jens Maier

And finally, our twelve points go to: Germany." Erlösung! "Wir lieben euch Finnland", schrie einer der deutschen Fans in der Osloer Telenor-Arena nach der Bekanntgabe der Punkte aus Helsinki. Es war die erste Höchstwertung für Lena, noch acht weitere sollten folgen. Unter Deutschland-Fahnen begraben lagen sich die deutschen Fans in den Armen. Denn jetzt war klar: Die Zeit der Schmach, ein Grand-Prix-Fan zu sein, ist endlich vorbei.

Lena Meyer-Landrut hat geschafft, was viele für unmöglich gehalten hatten: Die 19-Jährige Abiturientin aus Hannover gewann am 29. Mai den Eurovision Song Contest in Oslo. Und das sogar mit deutlichem Abstand: 76 Punkte trennten Lena schließlich von der Türkei, die vor Rumänien, Dänemark und Aserbaidschan den zweiten Platz belegte. Mit insgesamt 264 Zählern hat Lena mehr Punkte gesammelt, als alle anderen deutschen Teilnehmer in den vergangenen sechs Jahren zusammen.

Geschundene Grand-Prix-Seelen wurden erlöst

Für die verzweifelten deutschen Grand-Prix-Fans war der Sieg in Oslo wie eine Erlösung. Eine Reinwaschung vom desaströsen Abschneiden der Gracias und No Angels in den vergangenen Jahren. Deren Auftritte hatten hierzulande den gesamten Wettbewerb in Verruf gebracht. Der Grand Prix galt als Veranstaltung, bei der mehrere Länder Europas ihre schlechtesten Musiker hinschicken, sich Ostblock- und Balkanmafia die Punkte zuschustern, und Deutschland am Ende immer Letzter wird.

Es gab nicht wenige, die trotz der Lena-Euphorie im eigenen Land auch für dieses Jahr eine Katastrophe vorhergesagt hatten. "Das wird ja wieder nichts", hatten sie vor Oslo gesagt. Die ewigen Zweifler, die ja schon geahnt hatten, dass eine Casting-Show-Kandidatin eine Eintagsfliege sei. Dass der Song "Satellite" niemals den Geschmack des Balkans treffe. Dass Deutschland ohnehin keine Punkte bekäme, weil die anderen Nationen in Europa uns nicht leiden könnten.

In Oslo jedoch war plötzlich alles anders. "We love your Song", bekamen deutsche Fans im Vorfeld des Wettbewerbs von Besuchern aus ganz Europa zu hören. Aus Skandinavien, Süd- und Westeuropa, vom Baltikum bis zum Balkan - fast von überall her schlug den Deutschen auf einmal eine Welle der Begeisterung entgegen. "Es ist wie ein Wunder", sagte einer der mitgereisten Fans. "Seit neun Jahren fahre ich zum Grand Prix, so ein großes Interesse am deutschen Beitrag habe ich noch nie erlebt."

Das deutsche Wunder heißt Lena Meyer-Landrut

Das deutsche Wunder, es hat einen Namen: Lena Meyer-Landrut. Die 19-jährige Abiturientin eroberte die Herzen im Sturm. Auf den Pressekonferenzen wurde sie wie ein Star gefeiert. Ihre unkonventionelle Art kam an, auch wenn sie keine Fragen zu ihrem Privatleben beantwortete und nicht mit ihren Fans in der Menge badete. Das Lena-Fieber, es hat erst Deutschland, dann Oslo und schließlich ganz Europa erfasst.

Neun Mal erhielt sie die Höchstwertung, nur aus fünf Ländern überhaupt keine Punkte. "Jetzt wissen wir, dass die Songs damals einfach Mist waren", sagte ein deutscher Fan nach Lenas Sieg. "Wenn die Leute ein Lied toll finden, dann rufen sie auch dafür an. Egal, ob es sich um Deutschland handelt oder nicht."

Die deutschen Fans, sie sind erlöst und versöhnt. Europa hat uns also doch lieb. 2011 darf in Düsseldorf gefeiert werden. Grand Prix im eigenen Land, das ist das schönste Geschenk, das man einem Grand-Prix-Fan machen kann. Danke Lena!