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Rücktritt von Kardinal Meisner: Der Mann, der über Gläubige hinweg stieg

Er ist nicht tot, sondern nur nicht mehr Erzbischof von Köln. Doch der Abgang des erzkonservativen Joachim Meisner markiert einen tiefen Einschnitt für die katholische Kirche.

Von Frank Ochmann

Kardinal Joachim Meisner während eines Gottesdienstes im Kölner Dom

Kardinal Joachim Meisner während eines Gottesdienstes im Kölner Dom

Die deutsche Kirche verliert mit Joachim Meisner eine ihrer mächtigsten Führungsfiguren, und auch weltweit wird das Fehlen des gebürtigen Breslauers zweifellos zu spüren sein. Denn das "heilige Köln" mit Wurzeln bis in die christliche Frühzeit ist nicht Sitz irgendeines Bistums, sondern eines der bedeutendsten überhaupt – zum Beispiel wegen seines enormen finanziellen Vermögens, auf das auch der Vatikan nicht verzichten kann. Zudem war und ist Joachim Meisner ein enger Freund des inzwischen ebenfalls emeritierten Bischofs von Rom, Papst Benedikt XVI. Dass Meisner auf den Tag genau ein Jahr nach Joseph Ratzinger seinen Bischofssitz abgibt, hat selbst dann symbolische Bedeutung, wenn es ein terminlicher Zufall sein sollte. Doch über den pflegte der frühere Mainzer Kardinal Hermann Volk zu sagen: "Einen Zufall gibt es nur bei der Kellertür."

Meisner wird diese nur halb scherzhaft gemeinte Feststellung vermutlich kennen. Sicher wird er sie teilen. Nie jedenfalls ließ er einen Zweifel daran, dass er die Welt als eine von Gott gelenkte und vom Heiligen Geist getränkte ansah. Nicht als herausragender Theologe vertrat er diese Position, sondern mit einer fast kindlichen Einfachheit und Frömmigkeit. Mit dem Brustton der Überzeugung pflegt er bis heute seinen etwas grob geschnitzten Glauben zu verkünden. Zudem ohne Rücksicht auf Verluste. Den biblischen Kindermord unter König Herodes etwa verband er verbal in einer geraden Linie mit der Vernichtungsmaschinerie Hitlers und den Abtreibungen unserer Zeit. Führten solche hanebüchenen Vergleiche zu einem öffentlichen Aufschrei, folgte vielleicht eine vorsichtige Korrektur oder ein vom Pressesprecher eingeräumtes Bekenntnis, die Worte seien womöglich nicht vorsichtig genug gewählt worden. Inhaltlich aber stand Meisner immer, wo er eben steht. Ganz weit rechts.

Meisners reaktionäres Doppelpass-Spiel

Seine unerschütterliche Treue zum römischen Pontifex ist schon darin begründet, dass der ihn in Gestalt von Johannes Paul II. sogar gegen den Widerstand des Kölner Domkapitels und erst recht gegen den vieler Katholiken auf den erzbischöflichen Thron gesetzt hatte. Es musste seitens des Papstes sogar noch die Wahlordnung geändert werden, um Meisner durchzudrücken. So also war der damalige Erzbischof des noch geteilten Berlin 1989 von der Spree an den Rhein gewechselt. Dass er bei seiner Amtseinführung buchstäblich über Gläubige steigen musste, die sich zum Protest vor das Domportal gelegt hatten, ließ den neuen Oberhirten ziemlich kalt. Er habe seine Eltern ja auch nicht gefragt, wie es zugegangen sei, als sie ihn ins Leben gesetzt hätten, kommentierte er seine Ernennung trocken. Hatte Rom nicht gesprochen? Also hatten alle anderen zu schweigen.

Meisner war es dann auch, der Köln zum verlässlichen Brückenkopf römischer Kirchenführung unter Johannes Paul II. und danach Benedikt XVI. ausbaute. An Kirchentreue hatte es in Köln nicht gefehlt. Das konservative "Opus Dei" war schon unter den Vorgängern angesiedelt worden und hat in Köln bis heute seine deutsche Zentrale. Doch die Rechtgläubigkeit wurde unter dem neuen Oberhirten in geistigen Beton gegossen. Mit dem im Juli 2000 verstorbenen Bischof von Fulda Johannes Dyba perfektionierte Meisner zudem das reaktionäre Doppelpass-Spiel. Gemeinsam widersetzten sie sich zum Beispiel jedem Versuch, beim Schwangerschaftsabbruch eine Regelung zu finden, die kirchlicher Lehre ebenso gerecht wurde wie den staatlichen Regelungen. Was der Mainzer Bischof Karl Lehmann als damaliger Vorsitzender der Bischofskonferenz auch alles versuchte, um eine seelsorgliche Betreuung betroffener Frauen durch die katholische Kirche zu gewährleisten, Meisner und Co. durchkreuzten jeden Plan gemeinsam mit dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Am Ende stand das päpstliche Veto.

So war es nach dem Tod von Johannes Paul II. kein großer gedanklicher Schritt für Joachim Meisner, seinen bayerischen Freund als legitimen Nachfolger zu sehen und beim Konklave alles dafür zu tun, dass er auf den Stuhl Petri kam. Mit Erfolg – und durchaus nicht im Einklang mit allen deutschen Kardinälen. Die persönliche Verbundenheit zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren wurde in den Jahren des Ratzinger-Pontifikats nur noch fester. Zum 80. Geburtstag von Benedikt XVI. schrieb Meisner nach eigenem Bekunden und in vollem Ernst: "Heiliger Vater, wenn Jesus 80 Jahre alt geworden wäre, dann würde er aussehen wie Du." Was mag der gelehrte Ex-Papst bei einem solchen Satz gedacht haben? Womöglich hat er den gelernten Bankkaufmann Joachim Meisner um seine Einfalt beneidet. Denn es war der kindliche, von intellektuellen Zweifeln ungetrübte Glaube, den Benedikt XVI. nur Monate vor seinem Rücktritt öffentlich ersehnt hatte: "Ich glaube, dass es im Paradies ähnlich sein muss wie in meiner Kindheit." Gemeinsam werden die beiden befreundeten Pensionäre sich nun an solchen Gedanken erfreuen können.

Begehrter Stuhl

Für die katholische Kirche im Hier und Jetzt wird es dagegen darauf ankommen, wen der neue Papst auf den Stuhl des Heiligen Maternus schickt. Natürlich gibt es einen Kreis von möglichen, vielleicht sogar wahrscheinlichen Kandidaten. Angesichts der überragenden Bedeutung Kölns ist jedenfalls nicht damit zu rechnen, dass der neue Oberhirte aus den unteren Rängen kommt und erst noch zum Bischof geweiht werden muss. Selbst der Wechsel eines Kardinals wie Rainer Maria Woelki von Berlin nach Köln ist nicht ausgeschlossen, zumal Joachim Meisner vor 25 Jahren denselben Weg genommen hatte. Nur Kardinal Reinhard Marx, das andere Schwergewicht der deutschen und inzwischen auch der Weltkirche, dürfte ein Wechsel mit Sicherheit erspart bleiben.

Für jeden anderen Bischof hierzulande aber wäre eine solche Berufung zugleich eine Beförderung. Für die Münsteraner zum Beispiel. Dass der dortige Bischof Felix Genn kürzlich als Nachfolger Meisners und einziger deutscher Vertreter in die mächtige römische Bischofskongregation einzog, macht ihn zweifellos zu einem Kandidaten für die Kölner Kathedra. Aus Münster kam auch Meisners Vorgänger Joseph Höffner. Und von dort stammt auch Franz-Joseph Overbeck, der heute das Ruhrbistum Essen leitet. Overbeck hat die römische Schule durchlaufen, wurde von Joseph Ratzinger zum Priester geweiht. Doch dürfte ihm für den Wechsel ins Erzbistum noch Erfahrung fehlen. Dass allerdings Benedikts Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein als neuer Oberhirte in den Kölner Dom einzieht, wie ab und an gemunkelt wurde, hat der selbst schon indirekt ausgeschlossen – und das wohl eher aus Einsicht als Bescheidenheit, wie angesichts der gegenwärtigen kirchenpolitischen Lage vermutet werden darf.

Franziskus wird sich mit Nachfolge Zeit lassen

Wer es am Ende wird, weiß derzeit wohl nur der liebe Gott. Papst Franziskus hat in seiner kurzen Amtszeit schon deutlich gemacht, dass unter ihm mit Überraschungen zu rechnen ist. Auch als Papst aus Lateinamerika wird ihm allerdings nicht entgangen sein, welche Bedeutung die katholische Bastion am Rhein für Deutschland und weit darüber hinaus hat. So wird er in gewohnter jesuitischer Manier nachdenken, sich eingehend beraten und nicht zuletzt beten, bis eine Entscheidung herangereift ist. Sicher wird es etliche Monate dauern, bis der neue Erzbischof in den Kölner Dom einzieht, vielleicht sogar ein Jahr oder länger. Die Kölner werden es gelassen abwarten, wissen sie doch nur zu gut: "Et kütt wie et kütt!"