Rügen Hofberichterstattung bei Bauer Kliewe


Irgendwann kannte er den Unterschied zwischen Aufzeichnung und Schalte. Er lernte auch, dass er in der schweren Jacke und den Gummistiefeln am besten rüber kommt. Die Vogelgrippe machte den Rügener Bauern Kliewe zum Medienstar.
Eine Reportage von Oliver Link und Gerald Drissner

Am Strand des Örtchens Wittower Fähre waren zwei tote Schwäne gefunden worden, nichts Besonderes in dieser Jahreszeit auf der Insel Rügen, Tausende liegen im Winter herum, und niemanden interessiert es. Doch an diesem Mittwoch, 15. Februar, um sechs in der Früh, interessierte es die Presse, was Bauer Kliewe dazu zu sagen hat. Von den toten Schwänen hatte er noch nichts gehört.

Der Norddeutsche Rundfunk schickte ein Fernsehteam mit Übertragungswagen und einen Radioreporter auf seinen Hof in Mursewiek, Gemeinde Ummanz, 700 Einwohner, Zehntausende Hühner, Enten, Gänse. Bauer Kliewe ist ein erfahrener Interviewpartner, wann immer er Werbung für seinen Hof, für seinen Laden, sein Restaurant, die Ferienwohnung, die Hühner und die, wie er es nennt, veredelten Produkte brauchte, rief er die Presse an, man kannte sich. An diesem Morgen ging es um etwas anderes, Bauer Kliewe hatte das nicht ahnen können.

Er sprach ins Mikrofon hinein, ob er Angst habe, was er zum Ausbruch der Vogelgrippe sage, was das alles für ihn bedeute. Dann ging er in sein Haus, später vielleicht dann noch die zwei, drei der üblichen Journalisten, dachte er.

50 Interviews am Tag

Rügen war im Winterschlaf, als das Virus H5N1 kam, und das Interview mit Bauer Kliewe wurde gezeigt. Die Journalisten waren auf dem Weg zur Insel, die Nachricht war da, es mussten Bilder her, die toten Vögel, Männer in Schutzanzügen, Plastiksäcke. Und sie brauchten ein Gesicht. Bauer Kliewe gab es ihnen. 50 Interviews am ersten Tag, am folgenden kaum weniger, RTL, ZDF, N24, alle.

Er mochte sich auf dem Bildschirm, fand sich nüchtern und sachlich. Jeder würde seinen Hof sehen, jeder wüsste, wer er ist. Es störte ihn nur, dass die Journalisten immer wieder tote Vögel zeigten und ihn nur zu toten Vögeln befragten, seiner Angst und wie es bloß weitergehen soll. Er fand, er müsse etwas unternehmen.

"Ich lade Euch ein"

Sie sollten den Leuten auch mal zeigen, wie schön Rügen ist, sagte er den Journalisten, die Kreidefelsen, Kap Arkona, die Bäderarchitektur, Binz, oder mal einen Strand ohne tote Vögel. Warum nicht einmal Touristen beim Strandspaziergang, in der frischen Seeluft. Bauer Kliewe fühlte sich verpflichtet, Schlimmeres von seiner Insel abzuhalten, die Leute sollten weiterhin hierher reisen. Am Ende der Interviews sagte er: Liebe Bürger weltweit oder bundesweit, lasst euch nicht verrückt machen, kommt trotzdem, Rügen ist eine ganz tolle Insel und alle, die sie noch nicht kennen, lade ich herzlich ein.

Er war enttäuscht, dass das nicht gesendet wurde.

Äss Enn Tschieh

Man fand einen toten Schwan, 800 Meter vom Hof des Bauern Kliewe entfernt, der Bauer gab gerade ein Interview, er hatte den Unterschied zwischen einem Liveaufsager und einem aufgezeichneten Stück kennen gelernt, wusste, was eine Schalte ist und wusste, dass eine Satellitenanlage, die die Fernsehjournalisten vor seinem Haus aufbauten, SNG genannt wird, englisch ausgesprochen. Und ihm war aufgefallen, dass die Journalisten ihn immer baten, seine Gummistiefel und die schwere Jacke anzuziehen, bald machte er das von allein. Auch hatte er sich inzwischen die Sätze seiner Antworten zurecht gelegt, es fragten sowieso alle immer das gleiche, er redete und hinter dem Haus flog ein Hubschrauber eines Fernsehteams wenige Meter über dem Boden. Der Staub wirbelte mehrere Meter hoch.

Ingolf Stodian schaute von der Fundstelle des toten Tieres zum Haus des Bauern Kliewe herüber, er sah den Hubschrauber und beschloss den Piloten anzuzeigen. Es herrschte Flugverbot unter 600 Metern, die Viren sollten nicht verteilt werden. Journalisten waren durch Absperrungen gelaufen, hatten Plastiksäcke geöffnet und hineingefilmt. Und Journalisten waren bei Bauer Kliewe.

2000 zu 200.000

Stodian weiß, ein Virus kann drei Wochen in Vogelkot überleben, bis zu sechs Tagen, liegt es frei herum. Stodian arbeitet im Krisenstab von Rügen. Es gibt zwei Mastbetriebe mit 200.000 Hühnern, drei Kilometer von Kliewes Hof entfernt. Die Leute im Krisenstab machten sich Gedanken über den Bauern. Was, wenn Journalisten die Viren an den Schuhsohlen haben, in den Stall von Bauer Kliewe gehen? Der Bauer gab weiter Interviews.

Kliewes Hühner waren am Donnerstag getestet worden, man hatte nichts gefunden. Bauer Kliewe hatte 2000 Freilandhühner. Die Mastbetriebe 200 000. 800 Meter, der Hubschrauber, die Journalisten, 2000 zu 200.000.

Am Samstag war es ruhiger auf Kliewes Hof, und abends, gegen halb acht, kamen die Landrätin und der Amtstierarzt persönlich, sie überbrachten die schriftliche Mitteilung, am Sonntag werde der gesamte Bestand an Geflügel getötet. Die Tötung dauerte drei Stunden, verwendet wurde das Gas CO 2, eingefüllt in 240-Liter Tonnen.

Pressemappe wird zusammengestellt

Bauer Kliewe hörte im Dorf, seine 2000 braunen und weißen Legehybriden seien nur deshalb getötet worden, weil er die Journalisten auf den Hof gelassen hatte. Diese Theorie verneint Bauer Kliewe. Das Schreiben enthalte nichts davon, darauf legt Bauer Kliewe wert, da stehe, die Tötung sei erforderlich aufgrund der Seuchensituation auf der Insel Rügen und aufgrund des Gefahrenpotenzials wegen der räumlichen Nähe zum Wasser. So sieht es Bauer Kliewe auch.

Er wird mit 5 Euro, zehn Cent pro getötetem Huhn aus der Seuchenkasse entschädigt werden.

Immerhin sei der Bekanntheitsgrad der Region Mursewiek, Ummanz durch seine Statements um das vielleicht Zehnfache erhöht worden, sagt Bauer Kliewe, der auch versuchte, seine Medienpräsenz dazu zu nutzen, für die Ummanzer Landpartie zu werben, eine Aktion der Geflügelbauern der Ummanzer Region: Essen und Trinken als Erlebnisreise für kleinere touristische Gruppen bis zehn Personen. Bauer Kliewe kann nicht sagen, ob das gesendet wurde, er habe keine Zeit gehabt, alle seine Interviews zu anzusehen, er sei gerade dabei eine Pressemappe zusammenzustellen. So, wie er das jedes Jahr mache.

Die Jacke, die er bei den Interviews immer getragen hat, will Bauer Kliewe bei Ebay versteigern.


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