Rügendamm-Brücke Schwärmen von "Strelagate"


Sie hat knapp drei Jahre auf sich warten lassen und eine Achtelmilliarde Euro gekostet - trotzdem lieben die Stralsunder ihre neue Rügenbrücke. Politiker, Geschäftsleute und Anwohner überbieten sich in warmen Lobeshymnen für die neue Verbindung auf die Insel Rügen.
Von Sebastian Wieschowski

Die stillen Beobachter im Stralsunder Hafen sind sich nicht einig, was sie vor sich haben: "Die kleine Schwester von der Golden Gate Bridge", schwärmt der eine. "Für Mecklenburg-Vorpommern ist es sicher eine Jahrhundertbrücke", meint ein anderer. "Ein Bauwerk der Superlative", fabuliert ein Dritter. Die Stralsunder üben sich in mutiger Schwärmerei im Angesicht der eisernen Lady, die seit einiger Zeit mit ihren wuchtigen Beinen über dem Hafen thront. Ihre Betrachter schwärmen von der "leichten" Eleganz der Brücke, ihrer Segelbootform, den gar nicht so mächtig wirkenden Pylonen. Etwas mehr als drei Jahre haben die Bauarbeiten gedauert, noch Stunden vor der Eröffnung werden letzte Fugen gefüllt, insgesamt 46 Schilder müssen angeschraubt werden, darunter ein braunes Schild mit weißer Schrift. "Rügenbrücke" steht darauf und "2830 Meter".

Das neue Tor zur Insel Rügen ist der Blickfang schlechthin in der Hafensilhouette der Hansestadt, die bisher von der Volkswerft, grauen Plattenbauten und leblosen Fabrikgebäuden bestimmt wurde. Für Punkt 14.06 Uhr wird Angela Merkel, die berühmteste Tochter des Landes, auf der Brücke erwartet, um das rote Band zu durchtrennen und den Weg frei zu machen für die schnelle Strelasundquerung. Und die Menschen zeigen - ganz nordisch nobel - stillen Stolz. In der Stadtbäckerei kaufen sie Brückenkrusten für 2,10 Euro oder ein Brückentörtchen für 1,60 Euro. Wer noch ein Zimmer frei hat, bietet es für Brückenfest-Zaungäste an, auch wenn das Häuschen zwanzig Kilometer vom Stralsunder Hafen entfernt liegt - den Shuttleservice gibt es gratis dazu.

Brückenkrusten und Brückentörtchen

Überall stehen kleine Fotos der hochmodernen Querung über den Strelasund in den Geschäften. Auf der Straße tauschen die Stralsunder ihre persönlichen "Weißt-du-noch"-Momente aus - Taxifahrer Reiner Meyer, seit fast zwanzig Jahren in Stralsund unterwegs, erinnert sich an stundenlange Wartezeiten am Rügendamm, Kapitäne der Hafenrundfahrt-Dampfer reden sachlich-nüchtern über die spektakuläre Zusammensetzung der Rügenquerung, als handele es sich bei der Brücke um einen Modellbausatz. Mutige Vorkämpfer für die Brückenidee wie der Unternehmer Reinhard Klette berichten, wie sie satte 23.000 Unterschriften für das Bauprojekt sammelten - 8.000 Stimmen mehr als erforderlich.

Auch politische und wirtschaftliche Würdenträger haben zum Festwochenende ihre blumigsten Liebeserklärungen gedichtet. Für Harald Lastovka, Oberbürgermeister der Hansestadt Stralsund, ist die Brücke nicht mehr und nicht weniger als eine "eindrucksvolle Verbindung von technischer Effizienz und Ästhetik, ein geniales Brückenbauwerk der Neuzeit, das sich nun einreiht als ingenieurtechnische Meisterleistung, als Symbol des Zusammenlebens und der Kommunikation und als Zeichen städtebaulicher Entwicklung." Kerstin Kassner, Landrätin des Landkreises Rügen sagt: "Mit der Eröffnung der neuen Brücke geht für die Rüganer und die zahlreichen Gäste der Insel ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Denn: Deutschlands größte Insel wird künftig verkehrstechnisch hervorragend angebunden und zu erreichen sein."

Die Kaufmannschaft der Altstadt ist sich "sicher, dass mit dem 20. Oktober 2007 eine neue Ära im touristischen Entwicklungsprozess der Hansestadt Stralsund und der Region eingeleitet wird." In der Tourismuszentrale hätten Brückeneröffnungs-Besucher bereits "aus dem ganzen Land bereits viele Monate vor der Eröffnung" angerufen, berichtet eine Mitarbeiterin. Kritiker am aktuell größten Brückenbauprojekt der Bundesrepublik Deutschland, die kämpferischen Umweltverbände und kühnen Volkswirte, die den erwarteten Ansturm auf Rügen bezweifeln, sucht man an diesem Herbstwochenende vergeblich.

Doch bevor Angela Merkel heute den neuen Architekturschatz der Hansestadt freigibt, der sich nun einen Platz auf den Postkarten neben den drei Stralsunder Backsteinkirchen suchen muss, prüfen die Experten um Bauleiter Ulrich Gawlas die Jahrhundertbrücke auf Herz und Nieren. Sie erleben die letzten ruhigen Momente auf der Brücke, die Ruhe vor dem Sturm, dem Ansturm zehntausender Schaulustiger und durchschnittlich 22.000 Fahrzeuge, die täglich über die Brücke rollen werden. Wenn sie kommen, müssen Brückengeländer sicher und Baugeräte weggeräumt sein. Das elektronische Verkehrsleitsystem scheint zu funktionieren: Alle Pfeile stehen auf grün.

Marlies Preller vom Naturschutzbund Rügen dagegen hält die Rügenbrücke für größenwahnsinnig. "Der Verkehr wird nur durchgereicht, das Stau-Problem auf die Insel verlagert. Das ist, als würden Sie in eine Sackgasse zusätzlich Autos reinleiten", sagt sie. "Dabei wird alles zerstört, was die Urlauber hier suchen: Ruhe und Natur. Und das in Frau Merkels Wahlkreis, die überall als Klimakanzlerin gefeiert wird." Auch um die Zugvögel sorgt sie sich. Sie könnten gegen Brückenpfeiler prallen oder von den Spannseilen irritiert werdenr. Karl Kleinhanß kann über solche Ängste nur schmunzeln: "Seit April 2006 ist hier kein einziger Vogel zu Schaden gekommen", sagt er. "Die großen peilen an der Brücke vorbei. Und kleine wie die Stare fliegen einfach mitten durch." Mit 17 Zentimetern sind die Litzenbündel dick genug, dass "noch jeder halbblinde Vogel sie sieht", glaubt er.

Auch Fische waren neugierig

Und die Fische? Weil hier der Heringszug hindurchwandert, der vom Skagerrak in die Boddengewässer zieht, gab es beim Bau eine "Tabuzeit": Zwischen Februar und Mai durften keine Spundwände im Wasser stehen, weil dort Wellen aufschlagen und die Fische irritieren könnten. Verblüffende Folge der Ruhe: Mehr Heringe als zuvor kamen angeschwommen. Kleinhanß: "Die waren neugierig und wollten sich die Brücke mal angucken." Das werden die Stralsunder und Rügener am Wochenende auch machen: bei einem der Volksläufe oder einfach so, als Spaziergänger. Die Gelegenheit, zu Fuß über die Rügenbrücke zu gehen, wird es dann so schnell nicht mehr geben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker