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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Platzverweis für Doktor Tod

Gunther von Hagens darf seine "Körperwelten" nicht am Berliner Alex ausstellen. Richtig so. Hagens Show hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Und mit Kunst schon gar nichts.

Ein Kommentar von Silke Müller

Von Hagen und seine Modelle werden aus Berlins Mitte verbannt.

Von Hagen und seine Modelle werden aus Berlins Mitte verbannt.

Wir leben in einer exhibitionistischen und durchkapitalisierten Welt. Nichts, was nicht irgendwie doch noch vorzuführen und zu vermarkten wäre: die Kinder als Models für Werbekampagnen, die Ferienfotos als Download-Angebot, das Tagebuch als Blog, Sex-Videos im Porno-Stream, die eigene Wohnung als Ferienapartment. Jede Sekunde des Lebens ist ein Geschäft.

Umsonst ist nur der Tod. Aber vergebens soll er nicht sein: Wir haben uns daran gewöhnt, unser Leben zur Schau zu stellen. Und wollen es über den Tod hinaus. Wenn all das Liften von Gewichten und Falten nichts mehr hilft, wenn das Fleisch schlaff und die Hauft fahl wird, dann runter damit! Auch als konservierter Muskel- und Knochenmann kann man noch eindrucksvoll kopulieren oder Skat kloppen. Schau! Mich! An!

Es ist nur ein kleiner Schritt von plastischen Chirugen zum Plastinat. Und ganz sicher kein großer für die Menschheit. All die sterblichen Überreste, die der Anatom Gunther von Hagens in seinem Kuriositätenkabinett "Körperwelten" vorführt, zu menschelnden Gruppen arrangiert und in Vitalität vorgaukelnde Posen zwingt, gehören unter die Erde. Es waren Menschen, und nun sind es Leichen. Sie sind gestorben, und nun haben sie das unverbrüchliche Recht, in aller Seelenruhe zu vermodern. Oder in Flammen aufzugehen. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Silikongestützter Dauerständer

Es ist unwürdig und erniedrigend, als silikongestützter Dauerständer bis in alle Ewigkeiten eine hohle, mit Brüsten beklebte Schimäre zu begatten. Und wer hat eigentlich das Recht, einen im Leib der Mutter gestorbenen Fötus ans Licht zu zerren und im Moment seines Todes zu fixieren? Gunter von Hagens dient nicht der Wissenschaft, er illustriert und verhöhnt sie. Seine gefälligen, biederen Interpretationen verwandeln die menschlichen Überreste in vermarktbare Objekte, die Sensationslust bedienen wie einst im Zoo ausgestellte Eingeborene.

Dass die Massen für solch frivole Spielchen gern zu haben sind, zeigte bereits der Erfolg der Freakshows Anfang des 20. Jahrhunderts. Von Hagens Schockzirkus haben weltweit 40 Millionen Menschen besucht. Bei Ticketpreisen ab 19 Euro ein todsicheres Geschäft. Es ist mutig und richtig, dass sich der Berliner Bezirk Mitte gegen die Dauerpräsenz dieses ästhetisch biederen Gruselkitsches stemmt. Und dann bitte auch bis zur letzten Instanz: Von Hagens kündigte an, die Schau trotz Verbots spätesten im Dezember zu eröffnen.

Silke Müller ist Reporterin im Berliner Büro des stern und besteht darauf, dass ein Joseph-Beuys-Lookalike noch lange kein guter Künstler ist. Auf Twitter können Sie ihr folgen unter: @silkeundmueller

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