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Schlamm-Katastrophe in Ungarn Giftmenge wohl weitaus höher als angenommen


Versucht die ungarische Regierung, das wahre Ausmaß der Giftschlamm-Katastrophe zu vertuschen? Greenpeace hat bei eigenen Messungen eine gefährlich hohe Konzentration von Arsen und Quecksilber festgestellt. Unterdessen stieg die Zahl der Todesopfer auf fünf.

Die in der ungarischen Schlammlawine enthaltenen Giftmengen sind offenbar weitaus höher als bisher angenommen. Insbesondere die Arsen- und Quecksilberwerte seien gefährlich hoch und lägen über den sonst üblichen Konzentrationen in Rotschlamm, sagte der Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster. Die Umweltschutzorganisation kritisierte die ungarische Regierung, weil diese offenbar die wahren Giftmengen den Opfern und der Öffentlichkeit verschweigen wollte.

"Wir sind überrascht, dass Greenpeace diese Ergebnisse veröffentlichen muss", erklärte Schuster. Tausende Hektar Land seien für Jahre nicht mehr nutzbar. "Diese Schadstoffmengen stellen ein zusätzliches langfristiges Risiko für die Ökosysteme und das Trinkwasser dar." Greenpeace hatte am Tag nach dem Giftunfall im Ort Kolontar in Westungarn Schlammproben genommen und diese vom österreichischen Umweltbundesamt in Wien analysieren lassen.

EU-Experten auf dem Weg nach Ungarn

Um Klarheit zu bekommen, schickt die Europäische Union (EU) fünf Experten in das Donauland. Das gab Ungarns Innenminister Sandor Pinter am Freitag auf einer Pressekonferenz in Budapest bekannt. Die Expertengruppe der EU werde Messungen vornehmen. Von den Ergebnissen hängt ab, ob Budapest weitere ausländische Hilfsangebote annehmen werde.

Von der ungarischen Regierung gibt es indes neue Schätzungen zur ausgelaufenen Menge des Schlamms. Demnach traten am Montag 600.00 bis 700.000 Kubikmeter Giftschlamm aus dem gebrochenen Auffangbecken aus und überschwemmten die umliegenden Dörfer. Die Menge ist vergleichbar mit der Ölpest im Golf von Mexiko, wo 757.000 Kubikmeter Öl ins Meer liefen. Die ungarische Regierung war zunächst von einer Million Kubikmeter Giftschlamm ausgegangen.

Ebenfalls wurde bekannt, dass es bei der Katastrophe ein fünftes Todesopfer gegeben hat. Es erlag im Krankenhaus der westungarischen Bezirkshauptstadt Veszprem seinen schweren Verletzungen, meldete die ungarische Nachrichtenagentur MTI unter Berufung auf den Katastrophenschutz. Einzelheiten wurden nicht bekannt. In dem Schlamm waren am Montag vier Menschen in Kolontar ertrunken. Die meisten der rund 150 Verletzten waren von der stark laugenhaltigen Brühe verätzt worden.

Alu-Hersteller MAL weist alle Schuld von sich

Unterdessen weist der ungarische Aluminiumhersteller MAL alle Schuld an der Katastrophe von sich, stellte aber den Behörden 110.000 Euro für die Bekämpfung der Folgen zur Verfügung. Man werde alle "Energie" dafür einsetzen, die Auswirkungen der Giftschlamm-Flut durch mehrere Dörfer zu mindern, teilte das Unternehmen mit. Nach Angaben des Bürgermeisters von einem der am schwersten betroffenen Dörfer sollen von dem durch MAL bereitgestellten Betrag die ersten Hilfen an die Einwohner in Höhe von je 360 Euro gezahlt werden.

Am Montag war aus einem Auffangbecken in der Aluminiumfabrik Ajka, 165 Kilometer westlich von Budapest, hochgiftiger roter Schlamm ausgelaufen. Fünf Menschen starben, darunter ein Kleinkind, mehr als 120 weitere wurden verletzt, drei Menschen werden noch immer vermisst. Der Schlamm breitete sich über eine Fläche von 40 Quadratkilometern aus, mehrere Dörfer wurden dabei verseucht. Ministerpräsident Viktor Orban sagte bei einem Besuch in Kolontar, der Ort werde vermutlich nicht wiederaufgebaut, die Einwohner müssten sich auf einen Umzug einstellen.

DPA/AP AP DPA

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