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Vorstoß von CDU-Politiker: Schlechte Deutschkenntnisse von Kindern: Was Grundschullehrer (wirklich) für sinnvoll halten

Kinder, die nicht richtig Deutsch verstehen, sollten noch nicht eingeschult werden – so der Vorschlag eines CDU-Politikers. Eine Idee, die Schule machen kann? Der stern hat Lehrerinnen und Lehrer um ihre Einschätzung gebeten.

Schüler einer Grundschule schreiben

Schüler einer Grundschule schreiben

DPA

Ein Vorstoß des CDU-Politikers Carsten Linnemann sorgt für Diskussionen. Im Gespräch mit der "Rheinischen Post" forderte der stellvertretende Unionsfraktionsvize Konsequenzen für angehende Schulkinder, die keine guten Deutschkenntnisse haben. 

Die Aussage von Carsten Linnemann im Wortlaut:

"Es reicht nicht nur, Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen durchzuführen, sondern es müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden. Das kostet Geld, aber fehlende Integration und unzureichende Bildung sind am Ende viel teurer."

Es müssten alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten, so der CDU-Politiker in der "Rheinischen Post".

Linnemanns Äußerungen rufen Kritik hervor, bekommen aber auch Zuspruch (der stern berichtete). Was halten Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen etwa von dem Vorschlag der Späteinschulung bei fehlender Sprachkompetenz?

Im stern teilen vier Lehrerinnen und Lehrer ihre Gedanken zu dem Thema. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Das sagen Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland zu dem Vorschlag des CDU-Politikers

Claudia L., 33, Lehrerin in einer Vorbereitungsklasse für Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen von sechs bis zehn Jahren, Baden-Württemberg: "Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jedes Kind eingeschult werden sollte. Nur so kann Integration funktionieren. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Kinder wahnsinnig schnell die deutsche Sprache in der Schule lernen. Schade ist nur, dass viele Kinder zuhause ausschließlich ihre Muttersprache sprechen. Das System der Vorbereitungsklassen (VKL) finde ich gut. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen kommen in die VKL, lernen dort vordergründig Deutsch, und werden in die Regelklasse integriert, sobald sie soweit sind. Dadurch werden die Lehrer der Regelklassen entlastet."

Martin M., 29, Lehrer in einer 2. Klasse, Nordrhein-Westfalen: "Ich stimme dem Vorschlag des CDU-Politikers Linnemann zu. Das Leistungsniveau der Kinder zum Schulbeginn ist unterschiedlich. Daran muss ein Grundschullehrer anknüpfen. Er steht vor der großen und schwierigen Aufgabe, jedes Kind aus der Klasse zu fördern und zu fordern. Wenn nun Kinder eingeschult werden, die kaum Deutsch sprechen und verstehen, ist es einem Grundschullehrer nicht zumutbar, von ihm zu erwarten, dass er dieses Kind beschult, da er nicht die Kapazitäten besitzt, dieses Kind in dem Maße zu fördern, wie das Kind es nötig hätte. Sowohl dem Kind als auch dem Lehrer tut man somit keinen Gefallen. Um dies zu vermeiden, ist es notwendig, für Kinder, die sprachliche Probleme aufweisen, eine Vorschulpflicht einzuführen."

Susanne Z., 37, Lehrerin einer 2. Klasse, Hessen: "Der Anteil nicht deutschsprachiger Schüler ist hier relativ gering. Meine Erfahrungen haben aber gezeigt, dass Kinder in der Interaktion mit gleichaltrigen oft sehr schnell eine neue Sprache lernen. Je früher, desto besser. Deswegen halte ich fördernde Maßnahmen in Kindergarten und Grundschule durch ausgebildete Fachkräfte, die das Lernen unterstützen, für sinnvoll. Weniger sinnvoll empfinde ich hingegen eine ausschließliche Betreuung in Kleingruppen für Kinder mit fehlenden Sprachkenntnissen. Sie haben in diesen Gruppen kaum Chancen, von Kindern mit besseren Sprachkenntnissen im sozialen Umgang, im gemeinsamen Spiel und der Interaktion miteinander zu lernen. Die wenigsten Kinder mit Migrationshintergrund, die ich kenne, haben in ihrer Freizeit Kontakt zu anderen – etwa durch den Besuch eines Sportvereins. Umso wichtiger ist es, dass sie in einer Gruppe mit deutschsprachigen Kindern lernen dürfen."

Maria M., 63, Lehrerin in einer 1. Klasse, Nordrhein-Westfalen: "Die Sprache zu beherrschen ist meiner Meinung nach das Tor für eine gelingende Integration. Erfahrungsgemäß erhöht sich die Chance, schnellstmöglich eine neue Sprache zu erlernen, je jünger das Kind ist und umso früher das Zusammenlernen mit Gleichaltrigen stattfindet. In Grundschulen am Vormittag und mit den zusätzlichen Förderangeboten an der offenen Grundschule am Nachmittag erhöhen sich die Chancen um ein Vielfaches, diese Sprache zu erlernen. Darüber hinaus hält die Grundschule zusätzliche Fördermaßnahmen bereit, die speziell für diese Kinder ausgelegt sind. Ein Beispiel ist der sogenannte "DaZ"-Unterricht, die Abkürzung steht für "Deutsch als Zweitsprache". Dort werden in Kleingruppen mit dafür ausgebildeten Fachlehrern diese Kinder intensiv gefördert. In diesen Kleinstgruppen erhalten die Kinder Themen und Inhalte, die mit ihrem täglichen Leben zu tun haben. So wird etwa der Themenbereich Schule oder Einkaufen in Rollenspielen und mit dem dazu grundlegenden Vokabular mit den Schülern durchgeführt. Als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen kann ich für diese Kinder auch die Leistungsanforderungen individuell stellen. Zum Beispiel lässt sich die Benotung in einigen Fächern aussetzen, bis ein Kind auch erfolgreich Leistungen darin erbringen kann. In einem Berichtszeugnis wird dann festgehalten, was das Kind etwa im Bereich Deutsch erfolgreich gelernt hat. In meiner ehemaligen 4. Klasse konnte ich von drei "DaZ"-Schülern zwei zum Gymnasium und einen zur Gesamtschule empfehlen."

Das sagen der Deutsche Lehrerverband und der Verband Bildung und Erziehung zu dem Vorschlag

Der Deutsche Lehrerverband gibt CDU-Politiker Linnemann teilweise recht: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagte der Deutschen Presse-Agentur, Linnemann habe natürlich Recht damit, dass die eigentliche sprachliche Förderung vor der Grundschule erfolgen müsste. Kinder sollten nach Meidingers Ansicht schon lange vor der Einschulung verpflichtende Sprachtests durchlaufen. "Ich bin ein absoluter Anhänger von bundesweiten, flächendeckenden Sprachstandstests bei Drei- und Vierjährigen." Es gebe Ansätze dafür in einigen Ländern, aber leider passiere dann zu wenig, weil ausgebildetes Personal fehlten, und Grundschullehrer seien sowieso Mangelware.

Kritik kommt vom Verband Bildung und Erziehung (VBE): Die Forderung, Kinder, die kein Deutsch könnten, nicht einzuschulen, sei eine Bankrotterklärung der Politik, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann der Deutschen Presse-Agentur. Zudem sei sie diskriminierend. "Denn es läuft doch darauf hinaus, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zurückgestellt werden würden." Der VBE forderte mit Blick auf Sprachförderung von der Politik mehr Unterstützung für die Kitas. Fast alle Kinder gingen inzwischen vor der Einschulung dorthin. Aber trotz hohen Engagements der Erzieherinnen und Erzieher führten Gruppengrößen, unzureichende Personalschlüssel und fehlende Sprachexperten dazu, dass manche Kinder nicht angemessen gut Deutsch sprächen.

Quellen: "Rheinische Post", mit Material der Nachrichtenagentur DPA

Mitarbeit: Moritz Dickentmann, Eugen Epp und Swen Thissen