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Schullektüre "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Christiane F. - das waren auch wir

Christiane F. elektrisierte meinen Vorort. Ihr Buch war Pflichtlektüre und meine Lehrer waren heilfroh, dass ihre Schüler nicht so waren wie Christiane. Dabei stimmte das gar nicht.

Von Gernot Kramper

Die "Kinder vom Bahnhof Zoo" erwischten mich noch in der Schule. Das Buch schlug ein wie eine Bombe. Seiner Druckwelle konnte man nicht entkommen: Kinderprostitution, Heroin und Christiane F. waren allgegenwärtig. Ihr Schicksal war ergreifend, jeder fühlte sich betroffen, und Berlin mit seinem Bahnhof Zoo erschien wie Sodom und Gomorrha in Beton.

Natürlich war das Buch auch Thema in der Schule. Pflichtlektüre nannte man das damals. Und das Wort trifft es auch. Pflichtschuldig und mit ernstem Eifer setzten wir uns mit Christianes Leben auseinander. Das fiel leicht: Sie hörte die gleiche Musik wie wir, träumte sich mit David Bowies "Heroes" aus der Langeweile ihrer Vorstadt weg - genau wie wir. Und doch war alles anders: Christianes böse Berliner Welt wollte so gar nicht zu uns und unserer Hamburger Schule passen. Dachten wir zumindest im Unterricht.

Man konnte nicht weiter weg sein vom Bahnhof Zoo, als wir es auf unserem gutgeschmierten Gymnasium mit den ordentlichen Grünflächen, den blitzblank polierten Fluren und sauberen Toiletten waren. Und wir Schüler, mit angepunkten Jacken und aufrichtigen Herzen und Gedanken, hatten nichts mit Christiane F. zu tun. Im Nachhinein betrachtet hatte das Bemühen, das Leben von Christiane F. zu verstehen, davor zu warnen und sich zu engagieren, etwas Pharisäerhaftes: Bei allem Verständnis waren alle froh, nicht so zu sein wie sie. Unsere Lehrer und Eltern natürlich am meisten.

Lockruf einer Zwischenwelt

Dabei war das glatt gelogen. Denn die Grundzutaten aus Christianes Leben genossen wir auch, nur nicht in ihrer Dosis: Erster Sex in Kombination mit ersten Drogen in selbstverwalteten Jugendzentren war eher der Standard als die Ausnahme. Ausreißer und Streunerinnen, die irgendwie auftauchten und ein paar Tage blieben, wenn die Eltern grade nicht da waren, waren auch nichts Besonderes. Und wenn man nur hinsehen wollte, ging es am Schmuddelmagnet Hamburger Hauptbahnhof genauso zu wie am Bahnhof Zoo in Berlin.

Wenn ich an damals denke, fallen mir auch die Heimkinder wieder ein. Rund um eine Einrichtung - Namen möchte ich nicht nennen - war die Lebensrealität nicht anders als in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" - auch was die Geldbeschaffung anging. Die Jungs haben geklaut, die Mädchen das getan, was Christiane auch gemacht hat. Wenn auch alle 16 und nicht zwölf waren.

In den Unterricht drang unsere Parallelwelt nicht ein.

Der muffige Geruch der Revolution

Wie Christiane wurden wir magisch angezogen von Dealern, Trinkern und Verwahrlosten. Von Wohnungen ohne Heizung und Toiletten - vollgestellt mit feuchten Sperrmüllmöbeln. Mit immer neuen Gestalten, die in einer Ecke schliefen. Das war "cool" und galt als gesellschaftlicher Gegenentwurf. Obwohl überhaupt keine politische Idee vorhanden war. Wir waren zu jung, um zu bemerken, dass die Älteren, die damals den Ton angaben, nur Dropouts waren. Gestalten, die zu fertig waren, um ernsthaft als kriminell zu gelten. Bei denen es eben gerade noch dazu reichte, mit der richtigen Mischung aus Dope und Dauerlabern eine Schülerin flachzulegen.

Wir Jungs und Mädchen aus der Vorstadt waren nur Besucher in diesem Leben. Die meisten wussten, wann es Zeit war, auf die Bremse zu treten. Aber nicht jeder und jede. Eine Mitschülerin hat sich weit schlimmere Dinge angetan als die, die Christiane F. mit sich anstellte. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist für meine Generation nicht nur ein Buch, sondern ein Teil der eigenen Geschichte.

Eher nebensächlich, dass ich Christiane später begegnet bin. Außer dem berühmten Namen war es nichts Besonderes. Ich habe nie versucht, sie mit dem Mädchen aus dem Buch zusammenzubringen. Die Schule war ein paar Jahre vorbei, das war unendlich weit weg. Mein Eindruck wohl aus einer ihrer besseren Phasen: Christiane konnte ziemlich lustig sein.

Trotz alledem.