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Schweizer Garde: Tapfer und treu bis in den Tod

Die Schweizer Gardisten im Vatikan sind ein beliebtes Fotomotiv für Touristen. Aber sie erfüllen nicht nur dekorative Zwecke, sondern dienen den Päpsten seit 500 Jahren als Leibwache.

In den farbenprächtigen historischen Renaissance-Gala-Uniformen machen sie sich auf jedem Foto gut, dass Vatikan-Touristen von ihnen schießen. Der folkloristische Hauch, der sie deswegen umweht, lässt eher an ein Disneyland des ausgehenden Mittelalters denken, als an eine ernst zu nehmende Leibwache, die so gut ausgebildet ist, dass sie auch den US-Präsidenten bewachen könnte. Die Schweizer Garde ist die kleinste und exklusivste Armee der Welt. Ihre Aufgabe ist es, die Einrichtungen des Vatikans und den Papst zu schützen.

Wappenfarben der Medici-Familie

Ihre Uniformen stammen aus der Zeit um 1506, als der Papst Julius II. Schweizer Söldner, die sich von Fürsten und Königen in ganz Europa als Schutztruppe mieten ließen, in seinen Dienst stellte. Hervorgegangen waren diese Söldner aus beschäftigungslos gewordenen Rittern, deren Zeit abgelaufen war. Zu ihrer Gala-Uniform gehört noch die metallene Sturmhaube, geschmückt mit einer Straußenfeder. Das Rot-Gelb-Blau sind die Wappenfarben der Medici-Familie, aus deren Reihen viele Päpste stammten. Im alltäglichen Dienst im Vatikan tragen sie allerdings eine schlichte blaue Uniform. Wenn sie als Leibwache des Papstes auf seinen Reisen im Einsatz sind, ist natürlich ein normaler Anzug angesagt. Schweizer Gardisten, die in Gala-Uniform mit Sturmhauben neben dem Papamobil herlaufen müssten, würden wohl ein zu lächerliches Bild abgeben.

Am 6. Mai 1527 kam es zur "Feuertaufe", als 20 000 deutsche und spanische Landsknechte Karls V. Rom verwüsteten. Obwohl nicht zuständig für den äußeren Schutz des Vatikans, verteidigten 180 Gardisten den Papst, 147 fielen, an der Spitze der Kommandant Kaspar Röist. Sie hielten ihr Wort, dass die Garde sich nicht ergibt, sondern für den Papst in den Tod geht. Papst Klemens VII. und 42 Gardisten konnten in die uneinnehmbare Engelsbug fliehen. Der 6. Mai ist seit diesem Datum der traditionelle Tag der Vereidigung neuer Rekruten im Damasushof.

Ein Leben für den Papst opfern

Wer den Papst beschützen will, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Man muss Schweizer Staatsbürger und römisch-katholisch sein, Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und Absolvent der Rekrutenschule sein. Außerdem sind ein einwandfreier Leumund nötig, eine Top-Fitness und die Mindestgröße von 176 cm. Aber auch die Einstellung der Bewerber zu ihrem künftigen Beruf wird gepüft. Bei der Vereidigung versprechen die Soldaten, auch ihr Leben für den Papst zu opfern. Ihr Wahlspruch: Acriter et fideliter. Semper ("Immer tapfer und treu"). Wer diese Kriterien erfüllt hat, ist zwar Mitglied in einer hoch exklusiven Truppe, verdient aber nicht sehr viel Geld. Rund tausend Euro Sold bekommt ein Gardist monatlich. Das ist vielleicht ein Grund für die Nachwuchssorgen. Die Sollstärke der Truppe lieg bei 120 Mann, tatsächlich stehen aber im Moment nur rund 100 Soldaten im Dienst des Papstes.

Die absolute Monopolstellung besteht auch nicht in der Weise, wie es sich in der Öffentlichkeit darstellt. Bereits seit 1970 gibt es eine Konkurrenztruppe, die Zivilgarde des Zentralen Sicherheitsamtes der Vatikanstadt. 1970 hatte Paul VI. drei der vier so genannten dekorativen militärischen Einheiten aufgelöst. Daraus ging der aus Italienern bestehende Wachdienst "Corpo di Vigilanza" hervor, dem Anfang der 90er Jahre zusätzliche polizeiliche Funktionen übertragen wurden. Seitdem besteht ein gewisser Kompetenzstreit zwischen den beiden Schutzeinheiten.

Der mysteriöse Mord

Hinzu kommt, dass das Image der Truppe gelitten hat. Ein spektakulärer Mordfall im Jahr 1998, der in den Unterkünften der Gardisten geschah, liefert bis heute reichlich Stoff für pikante Verschwörungstheorien. Alois Estermann, soeben zum Kommandanten der Schweizer Garde ernannt, war erschossen worden, ebenso seine Frau Gladys. Die dritte Leiche war diejenige des 23-jährigen Gardisten Cédric Tornay, der nach offizieller Version des Vatikan das Ehepaar Estermann in einem Wutanfall erschossen und danach Selbstmord begangen haben soll. Diese offizielle Version wurde seinerzeit schon bezweifelt - aber eine schlüssige Gegenversion konnte auch niemand bieten. Tornays Angehörige bezweifeln das bis heute und verlangen, dass der Fall neu aufgerollt wird.

Der Vatikan zeichnete nach der Tat ein äußerst negatives Bild des 23-jährigen Wallisers: drogensüchtig, undiszipliniert, verhaltensauffällig soll er gewesen sein - und rasend vor Wut, weil er eine sonst übliche Auszeichnung nicht erhalten habe. Die Mutter Tornays widersprach dieser Darstellung und warf dem Vatikan Vertuschung vor. Eine Theorie besagt, dass ein Machtkampf hinter den Kulissen zu dem Mord führte. Danach stand Estermann, der ungewöhnlich schnell Karriere gemacht hatte, dem erzreaktionären Vatikan-Orden Opus Dei (Werk Gottes) nahe. Mit seiner Hilfe wollte der Orden seinen Machtbereich im Vatikan ausdehnen. Eine geheimnisvolle Gegenseite, die diesen Versuch des Opus Dei mit Argwohn sah, inszenierte den Mord mit dem jungen Tornay als Bauernopfer.

Heute macht die Truppe wieder mit anderen Schlagzeilen von sich reden. Im Frühjahr wurde der erste Farbige in die Reihen der Gardisten aufgenommen. Auch die eherne Truppe muss sich den modernen mutlikulturellen Gegebenheiten anpassen. Aber bunt waren sie ja schon immer, und treu und tapfer sowieso - bis in den Tod.

Tim Schulze