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Berliner Kita: Schwuler Erzieher: "Für einige Eltern sind Homosexuelle automatisch Kinderschänder"

Sollen schwule Erzieher Kinder betreuen? Eltern an einer Berliner Kita haben gegen einen homosexuellen Pädagogen demonstriert. Das sorgt für Empörung und Unverständnis.

Zwei Kinder schauen aus dem Fenster einer Kita.

Eltern an einem Berliner Kindergarten protestieren gegen einen schwulen Erzieher. Ein Einzelfall? (Symbolbild)

an die Hand nehmen, sie wickeln oder sie auch mal nackt sehen – das gehört zum ganz normalen Job eines Erziehers. Eltern an einem Berliner Kindergarten sind trotzdem auf die Barrikaden gegangen, weil ein Erzieher genau das gemacht hat, seinen Job. Denn der Erzieher ist schwul.

Nachdem der Pädagoge, über dessen Geschichte der Berliner "Tagesspiegel“ berichtet hat und der anonym bleiben will, bei einer Kita im Stadtteil Reinickendorf angeheuert hatte, wurde er auf einem Elternabend den Eltern vorgestellt. Im Verlauf der Veranstaltung sollen die Eltern – in Abwesenheit des Erziehers – von der Kita-Leitung über die sexuelle Orientierung des neuen Mitarbeiters informiert worden sein. Warum das Privatleben des Mannes überhaupt eine Rolle gespielt hat, ist unklar.

Eltern wollen Unterschriften gegen schwulen Erzieher sammeln

Schon an dem Abend soll es Empörung unter den zum größten Teil muslimischen Eltern gegeben haben, einige sollen gedroht haben, Unterschriften gegen die Einstellung des Erziehers zu sammeln. "Sie sagten, sie würden nicht mehr kommen, wenn man einen Homosexuellen einstelle", zitiert die Zeitung die Geschäftsführerin der Kita.

Sie hat kurz darauf die Reißleine gezogen und sich getrennt – von den aufgebrachten Eltern. Deren Kinder gehen jetzt in andere Einrichtungen. Der schwule Erzieher arbeitet dagegen weiter in der Tagesstätte im Stadtteil , spürt aber weiter Misstrauen: "Eltern schauen ständig: Fasst der mein Kind richtig an? Wir werden ständig überwacht. Wir können uns ja schon gar nicht mehr normal um die Kinder kümmern." Und: "Für einige von ihnen ist ein Homosexueller automatisch ein Kinderschänder." Seine Chefin springt ihm bei: "Die kommen aus einer anderen Welt. Wir sind doch im 21. Jahrhundert, da geht doch so etwas nicht."

Der Extremfall aus Berlin offenbart ein Problem, das offenbar groß ist, nicht nur bei muslimischen Eltern: Laut der repräsentativen "Studie zu Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland" von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes findet es fast ein Viertel der Befragten eher oder sehr unangenehm, wenn der Betreuer ihres Sohnes schwul wäre.

Schwulenberatung: "Diskriminierung leider Realität"

Auch Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin, glaubt nicht, dass der Vorgang in der Berliner Kita ein Einzelfall ist: "Diskriminierung und Ablehnung von Homosexuellen sind in Teilen der Berliner Gesellschaft leider Realität", sagt der Aktivist im Gespräch mit dem stern. Dies sei aber kein islamspezifisches Phänomen: "Immer da, wo die Religion eine große Rolle spielt, kann die Ablehnung von Schwulen und Lesben auf fruchtbaren Boden fallen. Dabei ist es egal, ob es sich um Muslime oder Christen handelt." Hinzu komme die hohe soziale Kontrolle in bestimmten Milieus. Sie mache es einigen Menschen schwer, zu zeigen, dass sie gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptieren.

Im Fall der Berliner lobt de Groot das Verhalten der Geschäftsführung: "Sie hat gut reagiert. In anderen Fällen werden Mitarbeiter einfach in andere Bereiche versetzt." Grundsätzlich sei es auch nicht verkehrt, die sexuelle Orientierung eines Erziehers zu thematisieren. "Das sollte aber möglichst natürlich und selbstverständlich passieren, nach dem Motto 'Das ist Peter, euer neuer Erzieher, der lebt mit seinem Mann Hans zusammen.'" Für die Kinder sei es hilfreich, auch alternative Lebensweisen kennenzulernen, um Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen, meint de Groot.

Kinder sollen auch alternative Lebensentwürfe kennenlernen

Unterstützung für den schwulen Erzieher und die Reinickendorfer Kita gibt es auch vom Berliner Senat. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erklärt: "Wir dulden keine Diskriminierung." Es sei gut, wie die Geschäftsführung der Einrichtung reagiert habe, ergänzt eine Sprecherin der Behörde gegenüber dem stern. Mit einem Aktionsprogramm und Lehrmaterialien versuche man, die Toleranz gegenüber nicht-heterosexuell orientierten Menschen bei den Kindern zu steigern. Dieses Ziel ist auch ausdrücklich im Berliner Bildungsprogramm für Kitas formuliert.

Dass Eltern in der Form wie in Reinickendorf auf die Barrikaden gehen, um gegen einen schwulen Erzieher zu protestieren, ist laut Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in der Stadt ein Extremfall. Vergleichbare Vorfälle seien der Behörde nicht bekannt. Vorbehalte einiger Eltern richteten sich aber grundsätzlich immer wieder gegen Männer im Erzieher-Beruf, vor allem wenn diese mit kleineren Kindern zu tun hätten, erklärt die Sprecherin. Der Anteil männlicher Erzieher liege zurzeit bei etwa zehn Prozent. "Wir wollen mehr Männer für den Erzieher-Beruf gewinnen. Sie können wichtige Rollenvorbilder für die Kinder sein. Die sexuelle Orientierung spielt dabei überhaupt keine Rolle." Die Reaktion vieler Eltern auf männliche Erzieher sei positiv.

Diese Erfahrung teilt auch der Erzieher aus der Berliner Kita: "Viele Eltern waren schockiert, als sie von den Protesten gehört hatten. Sie stehen zu mir", sagt er dem "".




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