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Selbstmordattentäter: Der Dschihad-Kämpfer aus Deutschland

Cüneyt Ciftci war der vermutlich erste deutsche Selbstmordattentäter: Er sprengte sich in Afghanistan in die Luft und riss vier Soldaten mit in den Tod. Zuvor hatte er jahrelang einen westlichen Lebensstil gepflegt - die Geschichte einer rätselhaften islamischen Radikalisierung.

Özlem Gezer, Rainer Nübel, Christian Parth, Georg Wedemeyer

Als an jenem Montag Anfang März der Mann, der höchstwahrscheinlich Cüneyt Ciftci war, von einer selbst gezündeten Bombe zerrissen wurde, war 5000 Kilometer entfernt in seiner Heimatstadt Ansbach gerade Mittagszeit. Ciftis Vater Orhan saß zu Tisch in der Werkskantine bei Bosch. Seine Schwiegermutter Cahide H. bereitete in ihrer winzigen Küche das Essen für ihren kranken Mann. Im Radio wurden die Ergebnisse der Bayerischen Kommunalwahl verkündet, mit Verlusten für die CSU. Ansonsten war in Ansbach an diesem 3. März 2008 alles ganz normal.

Die gewaltige Explosion der 4500 Kilogramm Sprengstoff auf der Ladefläche des blauen Toyota, den Ciftci gegen ein Verwaltungsgebäude im Osten Afghanistans gelenkt hatte, richtete ein Blutbad an. Vier Soldaten, darunter zwei Amerikaner, waren sofort tot. Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt.

Cüneyt Ciftci, der erste Selbstmord-Attentäter aus Deutschland, wurde in Stücke gerissen. Bisher bemühen sich die deutschen Behörden vergeblich um DNA-Spuren des 28-Jährigen. Sie hätten seine Identität gerne eindeutig geklärt, schon um ihn ordnungsgemäß von der Liste der islamistischen Gefährder zu streichen. Aber auch, weil sie noch Zweifel haben an dem, was die Terrorgruppe "Islamic Jihad Union" (IJU) kurz nach dem Anschlag im Internet verkündete: Cüneyt, alias "Saad Ebu Furkan", sei der Bomber gewesen, "ein tapferer Türke, der aus Deutschland kam und sein Luxusleben gegen das Paradies eintauschte."

Ein Video zeigt Ciftci im weißen Kaftan

Jetzt ist ein Video aufgetaucht, das Ciftci bei den Vorbereitungen zu dem Anschlag zeigt. Auf der 45-Minütigen DVD, die "Spiegel Online" zugespielt wurde, wird gezeigt, wie Ciftci, gehüllt in einen weißen Kaftan und stets lächelnd, die Säcke mit dem Sprengstoff auf seinen Schultern schleppt und anschließend damit sein Auto präpariert. Dann verabschiedet sich der Deutsch-Türke in der kargen Steppe von Afghanistan mit einer herzlichen Umarmung von einem seiner Glaubensbrüder. Er kniet im Staub der sandigen Straße und betet ein letztes Mal zu Gott. Seine Daumen sind auf vielen Bildern gen Himmel gerichtet, bei Islamisten das Zeichen für den baldigen Gang ins Paradies.

Die letzte Fahrt von Ciftci in das Gebäude haben seine Kollaborateure schließlich aus verschiedenen Blickwinkeln festgehalten. Nach der Explosion schreien sie "Allahu Akbar" und sagen Gebete auf. Das Video wird derzeit noch von den Behörden analysiert. Denn vielleicht, so spekulierte das Bundeskriminalamt in der vergangenen Woche noch, war Ciftci zum Zeitpunkt des Attentats schon längst tot, und der Anschlag sollte nur "bestmöglich propagandistisch genutzt werden", um weitere Dschihad-Kämpfer in Deutschland zu rekrutieren.

Der Endpunkt einer rätselhaften islamischen Radikalisierung

So wie den in Freising geborenen Türken Cüneyt Ciftci selbst. Vor einem Jahr hatte der 1979 im bayerischen Freising geborene Familienvater überraschend seinen festen Job bei Bosch gekündigt, seine Wohnung aufgelöst und war mit Frau und den beiden Kindern gen Osten gezogen. Erst in die Türkei, dann in den Iran und schließlich ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet. Endpunkt einer rätselhaften islamischen Radikalisierung.

Cahide H. erinnert sich noch genau, wie Ciftci 2001 plötzlich an der Tür klingelte. Er hatte ihre Tochter, die schöne Seda, in einem Dönerladen an der Fischerstraße gesehen und ihre Adresse herausbekommen. Nun sagte er zu ihr: "Ich habe Dich gesehen und möchte Dich kennenlernen." Seda war ein schüchternes Mädchen, hatte die meiste Zeit mit ihren Eltern verbracht und am liebsten zu Hause türkische Popmusik gehört. Nun war sie ganz betört von soviel Mut und diesem Lächeln.

Doch Sedas Eltern, liberale Türken aus Istanbul, hatten Vorbehalte. Die Ciftcis stammen aus der türkischen Provinz und waren in ganz Ansbach bekannt für ihre strenge islamische Moral. Als Zwölfjährigen hatten sie ihren Sohn Cüneyt auf eine Koranschule in die Türkei geschickt. Als er zurück kam, konnte er den gesamten Koran auswendig. Seda dagegen war nach westlichem Vorbild erzogen worden. Ihre Eltern hatten ihr immer gesagt, dass sie frei über ihr Leben bestimmen könne.

"Du kennst doch seine Familie. Das kann nicht gut gehen", redete die Mutter auf die Tochter ein. "Er ist nicht wie die anderen Ciftcis", entgegnete Seda. Die beiden verlobten sich und drei Monate später war Hochzeit. Mit lautem Hupkonzert fuhr der Autokorso durch die Straßen von Ansbach. Doch schon das prunkvolle Fest im Tiergartenhotel zu Nürnberg führte zum Bruch beider Familien. Cüneyts Verwandten boykottierten die Hochzeit, weil ein solches Fest nach strengem muslimischem Glauben in aller Bescheidenheit gefeiert werden müsse.

Zunächst ließ sich das junge Paar davon nicht beirren. "Fast fünf Jahre lang hatte ich einen perfekten Schwiegersohn", sagt Cahide H. heute. Ciftci führte seine Frau zum Tanzen in die Discotheken aus, sie trug trägerlose Tops und kein Kopftuch. Sie bekamen zwei gesunde Söhne und waren glücklich. Viele Muslime in Ansbach tuschelten über das Paar, weil ihr Auftreten nicht "helal" war, also nicht der reinen Lehre des Korans entsprach. Ciftci war es scheinbar gleich, er stand zu seinem Lebensstil.

Seine große Leidenschaft waren schnelle Autos

Schon als Jugendlicher zog Cüneyt Ciftci durch die Spielotheken, verzockte an Automaten sein Geld und häufte Schulden an. Seine große Leidenschaft waren schnelle Autos. Das erste war ein Mercedes 190, 2,6 Liter, tiefer gelegt, Breitreifen, Lederausstattung, ein Geschenk des Vaters. Monatelang schraubte er mit Freunden daran herum. Kaum hatte er den Führerschein, steuerte er den Wagen auf der B 13 Richtung Lehrberg. Gleich in der ersten Kurve hinter dem Ortsausgang verlor er die Kontrolle und setzte das Auto in den Graben. Totalschaden. Da war er gerade einmal zwei Kilometer gefahren.

Seine zweite Leidenschaft war der Fußball. Vier Jahre lang kickte er beim TSV Fichte Ansbach, zuerst in der A-Jugend, dann in der Kreisklasse, zweite Mannschaft. Ein wirklich guter Fußballer sei er nicht gewesen, sagen ehemalige Mitspieler. Meistens habe er sich im offensiven Mittelfeld versucht oder im Sturm für mäßige Torgefahr gesorgt. Das Vereinsleben hat ihn nie interessiert. Wenn die anderen nach dem Training noch ein Weizenbier tranken, war Ciftci nie dabei. "Er war unauffällig, aber dennoch voll akzeptiert", sagt ein ehemaliger Mannschaftskamerad.

Verstummt und mit Kopftuch

Irgendwann danach im Jahr 2006 begann Ciftci, sich zu verändern. Plötzlich ließ er sich einen Bart wachsen. "Was soll das denn jetzt?", fragte ihn die Schwiegermutter. "Das ist nichts. Ich habe nur Probleme mit der Haut", antwortete er. Doch sie bohrte immer weiter, bis er sie anfuhr: "Was geht dich das an? Das ist doch mein Leben!" Auf einmal war alles anders. Die Schwiegermutter durfte ihre Enkel nicht mehr sehen. Wenn sie zum Haus in der Braterstraße 9 ging, gleich am Bahndamm, schlug Ciftci ihr die Tür vor der Nase zu. Seda lief nur noch mit Kopftuch herum und verstummte fast völlig. 2005 wurde die örtliche Polizei erstmals auf den Türken aufmerksam, als er in der Öffentlichkeit mit einer Schreckschusswaffe herumfuchtelte.

Ciftci ging wieder regelmäßig in die Moschee und fiel dort auf, weil er seinen Gebetsstil der arabischen Form angepasst hatte. Als "Hafiz", also jemand, der den Koran auswendig kennt, war er nun hin und wieder sogar der Vorbeter. Anfang 2007 sprach er nach dem Gebet darüber, dass man die Menschen im Irak nicht einfach so leiden lassen könne. Da wiesen ihn die Älteren zurecht. Es stehe ihm nicht zu, so zu reden. Er sei noch lange kein Hodscha, kein gelehrter Vorbeter.

"In Deutschland kann man als Muslim nicht mehr leben"

Mittlerweile lagen über Ciftci "umfangreiche staatsschutzrelevante Erkenntnisse vor", so ein Papier des Bundeskriminalamts. Der Türke aus Ansbach war 2005 im 130 Kilometer entfernten Ulm - vermutlich auf Vermittlung eines Onkels - in die Kreise berüchtigter Islamisten geraten. Der Deutsche Fritz Gelowicz und der Deutsch-Türke Tolga Dürbin lebten hier und machten Ciftci auch mit Daniel Schneider und Adem Yilmaz bekannt. Die neuen Ulmer Freunde wurden 2007 wegen eines in Deutschland geplanten Sprengstoff-Anschlags verhaftet, drei von ihnen, als sie im Sauerland eine Bombe bauen wollten.

Mit Yilmaz, dem Kopf der Gruppe, kommunizierte Ciftci über die Mailadresse televobe123@yahoo.de. "In Deutschland kann man als Muslim nicht mehr leben", schrieb er ihm einmal. Nach seiner Abreise am 2. April 2007 hielt der Deutsch-Türke regelmäßig telefonischen Kontakt mit seinem Vater in Ansbach. Der BND hörte meist mit. Ende Januar 2008 rief erstmals Seda, Ciftcis Frau, an. Ihr Mann sei nun nicht mehr da, sagte sie. Sie hänge fest im Iran, ihre Aufenthaltsgenehmigung sei abgelaufen. Was solle sie bloß machen? Schließlich habe sie inzwischen ein drittes Kind zur Welt gebracht. Die Kleine sei gerade vier Monate alt. Seda klang verzweifelt. Die Ermittler schlossen daraus, dass Ciftci tot sei.

Inzwischen soll Seda mit den Kindern in der Türkei bei Verwandten Ciftcis sein. Erst kürzlich hat sie wieder beim Schwiegervater angerufen. Sie soll gesagt haben, dass sie nie wieder nach Deutschland zurück wolle. Ihre Mutter Cahide weiß nicht, ob das stimmt. Glauben will sie es nicht.

Von:

Rainer Nübel und Georg Wedemeyer