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"Es ist eine Barbarei": Eine Frau verliert im Gleisbett ein Bein, ein Mann macht ein Selfie - ein Foto, das fassungslos macht

Während Rettungskräfte in Nord-Italien eine Schwerverletzte versorgen, macht ein Gaffer von der Bahnsteikante ein Selfie - mit dem Drama als Kulisse. Der makabre Vorfall in Piacenza sorgt für einen Aufschrei in Italien.

Die Selfie-Szene auf dem Bahnhof von Piacenza in Italien

Dieses Foto schockt Italien: Auf dem Bahnhof der Stadt Piacenza im Norden des Landes liegt eine Frau im , umringt von Rettungskräften. Kurz zuvor wurde die Kanadierin aus noch ungeklärter Ursache von einem Zug erfasst, wenig später müssen ihr Ärzte im Krankenhaus ein Bein amputieren. Eine Katastrophe für die Frau, eine Belastung für die Sanitäter.

Nur wenige Meter entfernt von der Verletzten und ihren Helfern steht ein Mann auf dem Bahnsteig, weiße Schuhe, weißes T-Shirt, weiße kurze Hose. Er hilft der Frau nicht. Er kümmert sich nur um sich und lässt seinem Voyeurismus und seinem Selbstdarstellungstrieb freien Lauf.

Mit den Fingern der einen Hand zeigt er das Victory-Zeichen, so die Tageszeitung "Corriere della Sera", in der anderen Hand hält er ein Smartphone. Er macht ein Selfie - mit dem Drama im Gleisbett als Kulisse.

"Ein Selfie vor einer Tragödie"

Der Pressefotograf Giorgio Lambri drückte in diesem Moment ab, das Foto des gaffenden, fotografierenden Mannes landete zigfach auf Titelseiten und rief im ganzen Land entsetzte Reaktionen hervor.

Bildjournalist Lambri selbst erklärte zu seiner Aufnahme: "Es ist jegliches Gefühl für Ethik verloren gegangen." Der Gaffer habe keinen moralischen Kompass, schrieb er auf seiner -Seite.

In einem Artikel für die Lokalzeitung "Liberta" aus meinte er: "Es ist eine Barbarei, die Sie nicht erwarten: ein Selfie vor einer Tragödie."

Entsetzen in Italien über Unfall-Selfie

In der Zeitung "La Stampa" nannte ein Kommentator den beschämenden Selfiewahn einen "Krebs, der das Internet korrodieren lässt". Der selfiefotografierende Mann habe seine "Seele und Persönlichkeit ausgeschaltet" und sei zu einem "Automaten des Internets" geworden.

Der Moderator einer italienischen Radiosendung meinte laut BBC, das Bild zeige, "dass die Menschheit ihrem Aussterben" entgegenrenne. Auch in den sozialen Medien äußerten sich die Menschen entsetzt: "Eine widerliche Sache", "Dummheit ist leider nicht strafbar" oder "Wir haben die Menschlichkeit verloren", das sind nur einige von Tausenden Kommentaren, die unter verschiedenen Artikeln zu dem Vorfall zu lesen sind.

Journalist Lambri informierte nach eigenen Angaben die Behörden über das, was er am 26. Mai im Bahnhof von Piacenza festhielt. Der Selfie-Fotograf wurde inzwischen identifiziert und von der Polizei befragt. Strafbar hat er sich nach italienischem Recht wohl nicht gemacht. Recht und Moral sind auch dort hin und wieder zwei paar Schuhe. Allerdings konnten die Beamten ihn zwingen, das Foto von seinem Smartphone zu löschen.

Die Szene spielte sich zwar in Norditalien ab, sie hätte sich aber auch ebenso gut in Deutschland ereignen können. Auch hierzulande beklagen Polizisten, Sanitäter oder Feuerwehrleute immer wieder den Sittenverfall, dass sie bei ihren Rettungseinsätzen von Gaffern mit Smartphones in der Hand bedrängt, bei ihrer Arbeit behindert oder beschimpft werden. Respekt vor ihrer Tätigkeit oder den Opfern von Unfällen: Fehlanzeige. Immer häufiger siegen der Egoismus und der Wille, seinen Followern in den sozialen Netzwerken vermeintlich spektakuläre Aufnahmen zeigen zu können.

Fotos von Opfern können in Deutschland strafbar sein

Inzwischen reagierte die Politik: Seit rund einem Jahr gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten wollen. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft. Doch Rettungskräfte beklagen weiterhin den Moralverfall von Gaffern.

+++ Lesen Sie dazu hier im stern: "Test mit versteckter Kamera: Kann man Gaffer eigentlich noch schocken?" +++

Auch das Fotografieren von Opfern kann Ärger bringen: Erst im April durchsuchte die Hamburger Staatsanwaltschafte die Wohnung eines Mannes, der nach der tödlichen Messerattacke vom Jungfernstieg Aufnahmen veröffentlicht haben soll, auf denen auch die sterbenden Opfer zu sehen gewesen sein sollen. Im Strafgesetzbuch heißt es dazu in Paragraph 201a: "Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer (...) eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt (...)"

Um zu wissen, dass es sich verbietet, solche Fotos zu schießen, muss man jedoch nicht in die Tiefen der Strafgesetzgebung einsteigen. Sich die Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens in Erinnerung zu rufen, sollte reichen. Zur Not hilft auch ein Blick auf Artikel eins des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Die Selfie-Szene auf dem Bahnhof von Piacenza in Italien
tis