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Skandal-Selfie Unter Zug geraten und als Selfie-Kulisse missbraucht - Opfer berichtet vom Moment des Unfalls

Die Selfie-Szene auf dem Bahnhof von Piacenza in Italien
Er steht an der Bahnsteigkante und macht ein Selfie, während Retter um das Leben einer Frau kämpfen. Dieser Mann zieht den Zorn halb Italiens auf sich. Die Twitter-Reaktionen sind heftig. "HOUSTON, wir haben ein Problem! Besser gesagt, wir haben den Sinn für Ethik vollständig verloren." "Eine Frau steckt unter einem Zug fest und währen die 118 ihr hilft, schießt ein Idiot ein Selfie von der Verunglückten im Hintergrund. Die #Polfer (Bahnpolizei) ließ ihn das Bild löschen. Aber in welcher Welt leben wir eigentlich?" "Wie kann man nur daran denken, so etwas zu tun?" "Es sind nicht nur Züge, die Verzögerungen haben." "Die Sache mit den #Selfies ist leicht außer Kontrolle geraden … #dieDummheit #Piacenza #Zug #Selfies" "Unserer Dummheit sind wohl keine Grenzen gesetzt? Ich würde ihm ein Jahr Sozialarbeit aufbrummen:" "Nur das hat noch zum Abgrund der Amoral gefehlt, in der sich unsere verfaulende und endende Gesellschaft befindet. #Piacenza: eine Frau, die vom Zug angefahren wird. #Selfie einer wahnsinnigen Person aus dem Tierheim …" "Vielleicht ist es wirklich Zeit, dass uns ein Asteroid trifft, bevor es zu spät ist." "Es wird kein Verbrechen sein, ich würde ihn trotzdem ins Gefängnis stecken." "Was passiert mit den Jugendlichen von heute? Für ein bisschen Ruhm sind sie wirklich in der Lage, den Respekt vor anderen Menschen mit Füßen zu treten."
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Sie verlor bei einem Zugunfall ein Bein und wurde als Kulisse für ein makabres Selfie im norditalienischen Piacenza missbraucht. Jetzt erzählte die Verletzte, was sie erlebte.

Das Leben von Kate E. veränderte sich am 26. Mai: Die 83-Jährige war erst sechs Tage vorher mit dem Flugzeug aus Washington in Italien angekommen. Sie wollte dort ihren Sohn unterstützen, der mit seinem Barnard-Columbia-Chor durch Italien tourte und in Reggio Emilia den Verdi-Klassiker Requiem aufgeführt hat.

An jenem Samstag saß sie müde in der Bahn von Reggio Emilia nach Mailand. Auf halber Strecke, nach rund 80 Kilometern, sei sie dann am Bahnhof Piacenza kurz vorm Einschlafen aufgeschreckt, erzählte E. der dortigen Lokalzeitung "Liberta". "Ich dachte dann, ich wäre schon im Mailand angekommen und eilte zur Waggontür. Ich fürchte, ich habe die Tür auf der falschen Seite genommen." Der Zug fuhr wieder an und er erfasste die 83-Jährige, sie wurde schwer verletzt. Sanitäter waren binnen kürzester Zeit vor Ort und konnten Erste Hilfe leisten. Die pensionierte Lehrerin für englische Literatur sagte: "Ich war immer bei Bewusstsein, bis die Rettung angekommen ist."

Doch trotz der schnellen medizinischen Versorgung im Gleisbett mussten die Ärzte wenig später im Krankenhaus die Entscheidung treffen: Sie amputierten der aus Kanada stammenden Dame ein Bein.

Aufregung um Selfie in Italien

Der Unfall machte Schlagzeilen, weil ein Mann während der Rettungsarbeiten auf dem Bahnsteig stand und in Siegerpose ein Selfie mit der dramatischen Situation im Gleisbett als Kulisse aufnahm. Ein Pressefotograf hielt die voyeuristische Aktion fest, Zeitungen druckten das Bild auf ihre Titelseiten. Das respektlose Handeln des Selfie-Fotografen sorgte weltweit für Empörung. "Es ist jegliches Gefühl für Ethik verloren gegangen", kommentierte etwa der Journalist selbst seine fotografierte Beobachtung. "Widerlich", nannten Nutzer das Verhalten des Selfie-Knipsers.

Die Selfie-Szene auf dem Bahnhof von Piacenza in Italien
Eine Frau verliert ihr Bein, der Mann auf dem Bahnsteig macht ein Selfie - das Foto aus dem Bahnhof von Piacenza sorgt für Entsetzen in Italien
© Giorgio Lambri/Libertà di Piacenza

Warum die Frau auf der falschen Seite des Waggons aussteigen konnte und der Zug dann losfuhr, sollen die weiteren Untersuchungen klären.

Der Selfie-Fotograf wurde von der Polizei identifiziert und musste seine Aufnahme aus dem Bahnhof löschen. Ob ihn weitere Konsequenzen erwarten, ist noch unklar. Die Prüfung des Falles laufe noch, erklärte die italienische Bahnpolizei.

Die Selfie-Szene auf dem Bahnhof von Piacenza in Italien
Mitarbeit: dsw

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