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Berlin: "Silbertelefon" – Hotline für einsame Senioren schon mehr als 7000 Mal in Anspruch genommen

Der Ehepartner tot, die Kinder längst aus dem Haus: Bei manchen Berlinern kommen die einzigen Stimmen in der Wohnung aus dem Fernseher. Eine Berliner Initiative bietet vereinsamten Senioren seit einem Jahr ein offenes Ohr.

Seniorin am Telefon

Der Trägerverein geht davon aus, dass in Deutschland rund acht Millionen Senioren zumindest zeitweise von Einsamkeit betroffen sind (Symbolfoto)

Getty Images

Die vor einem Jahr in Berlin gestartete Telefon-Hotline für einsame Senioren bekommt viel mehr Anrufe als die Helfer annehmen können. "Wir haben vor 14 Tagen unser 7000. Gespräch gehabt", sagte "Silbertelefon"-Initiatorin Elke Schilling der Deutschen Presse-Agentur vor dem ersten Geburtstag des kostenlosen Angebots am morgigen Dienstag. Bisher scheiterten noch deutlich mehr Menschen, wenn alle Mitarbeiter im Gespräch sind: Rund 30.000 versuchte Anrufe seien verzeichnet worden, sagte Schilling.

Das "Silbertelefon" ist täglich von 8 bis 22 Uhr besetzt, die Rufnummer lautet 0800/4708090. Gedacht ist es für einsame Menschen ab 60 in Berlin, die mit jemandem reden, aber nicht beim Krisendienst oder der Telefonseelsorge anrufen möchten.

Dass ein Teil der Anrufer nicht durchkommt und sich mit einer Bandansage begnügen muss, hält Schilling in der Zielgruppe für problematisch: "Ältere Menschen sind ziemlich viel Ablehnung gewohnt. Wenn sie zu viel davon bekommen, dann geben sie auf." Mögliche Kontakte gingen so verloren. Perspektivisch soll das Team der Hotline Schilling zufolge von derzeit 15 auf 25 Kräfte anwachsen, die Nummer könnte dann rund um die Uhr erreichbar sein. Beim Start hatte es fünf Mitarbeiter gegeben.

Deutlich mehr Frauen als Männer rufen an

Bisher meldeten sich viel mehr Frauen als Männer, 80 bis 90 Prozent seien weiblich, sagte Schilling. Besonders häufig hätten die Anrufer das Bedürfnis, überhaupt einen Zuhörer zu haben. Viele ältere Frauen berichteten vom abgerissenen Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln. Hinzu kämen bei manchen gesundheitliche Themen wie Depression sowie weitere schwierige Probleme: So habe sich etwa ein älterer Mensch gemeldet, dem eine Räumungsklage ins Haus stehe und der Angst vor dem Verlust der eigenen vier Wände habe.

Das geschulte Team hört zu und vermittelt je nach Problem auch zu Angeboten im Kiez: Einen Witwer, der nach dem Tod seiner Frau sehr in seiner Trauer gefangen gewesen sei und viel geweint habe, habe sie zum Beispiel auf ein Trauercafé in einer Kirche in seiner Nähe hingewiesen, erzählt Schilling. "Das kannte er noch nicht. Er hat mir versprochen, dass er es versuchen wird." Auch Telefonfreundschaften mit Ehrenamtlichen werden auf Wunsch vermittelt: Bisher gibt es 30 Paarungen aus Freiwilligen und Senioren, die wöchentlich miteinander telefonieren. "Beide Seiten können anonym bleiben", betont Schilling.

Unterdessen gibt es Bestrebungen, die Hotline über Berlin hinaus auszubauen: Entsprechende Anfragen lägen ihr aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor, sagte Schilling. "Das können wir als kleiner Verein nicht allein." Geplant sei eine zweitägige Konferenz im Mai oder Juni 2020, um sich mit Verbündeten zu vernetzen. Dafür würden noch Räume gesucht.

Senioren meist ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt

Die Finanzierung sieht Schilling nach anfänglichen Sorgen nun weitgehend gesichert: Die Gehälter der Hotline-Mitarbeiter übernehmen Jobcenter – es seien Menschen zwischen 40 und Mitte 60, die auf dem freien Arbeitsmarkt kaum mehr Chancen bekämen, weil zum Beispiel längere Krankheitszeiten hinter ihnen lägen. Telefonkosten würden mit Spenden finanziert, zudem stehe eine Basisfinanzierung für die Geschäftsstelle aus Landesmitteln in Aussicht.

Träger ist der 2016 gegründete Verein Silbernetz in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Deutschland. Silbernetz geht davon aus, dass in Deutschland rund acht Millionen Menschen zwischen 60 und 99 Jahren zumindest zeitweise von Einsamkeit betroffen sind. Vorbild der Hotline war das britische Angebot "The Silver Line".

km / DPA