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Sex in Israel: Anleitung zum sexuellen Unglück

Nirgends sonst sind die Gegensätze im Liebesleben so krass wie in Israel: zwischen Ultra-Orthodoxen, deren Ehefrauen sich die Haare scheren müssen, und der Partyszene von Tel Aviv, wo jeder auf der Bühne einen Pornostar besteigen darf.

Von Daniela Horvath

Gegen drei Uhr früh flammen Scheinwerfer auf. Im gleißenden Lichtkegel hängt Michal von der Decke, die Hände an Lüftungsrohre gekettet, ihr Körper in eine Lackkorsage gezwängt, der grell geschminkte Mund mit Ledergeschirr geknebelt. Ein stämmiger Glatzkopf tritt an sie heran. Mit einer Riemenpeitsche schlägt er auf Michals Hintern, klatscht einen Pingpongschläger auf ihre Brüste, bespritzt sie mit dem heißen Wachs roter Kerzen, das wie Menstruationsblut die Schenkel hinuntertropft. Und Michal Shapiro, Tochter einer Arztfamilie in Haifa, weidet sich an den lüsternen Blicken, mit denen das Publikum ihren Auftritt verfolgt, jedes Zucken, jedes Röcheln.

Der Discoclub "Clinic" ist ein schlauchartiges Kellerverlies unter einer Lagerhalle beim alten Busbahnhof. Die sich hier drängen oder dem ohrenbetäubenden Dancefloor-Sound hingeben, sind schicke, junge Israelis zwischen Anfang 20 und 40, Anwälte und Informatikstudenten, Soldatinnen und Bankerinnen, "die in der Nacht zum Sabbat den ultimativen Kick suchen", wie Elie die Attraktivität seines Clubs beschreibt. Da buhlen Männer in hellen Jeans und offenen Hemden um Frauen in tief dekolletierten Babydoll- Kleidchen, die kaum mehr verbergen als Michals Mieder. Nach der SM-Show sind die Schlangen in sich verknäuelter Paare lang vor den "Clinic"-Toiletten, dem Boxenstopp für schnellen Sex und Cocktails aus Koks und Viagra. "Immer härter wollen es die Leute", sagt Elie, der seit Jahren die schärfsten Clubs in Downtown Tel Aviv eröffnet. Keiner in der Stadt habe das Selbstmordattentat vor dem "Dolphin" vergessen, das im Juni vor sechs Jahren 21 junge Nachtschwärmer zerfetzte. Im Gegenteil: "Jeder weiß, in diesem Land kannst du jeden Moment in die Luft fliegen. So fuck the hell, let's have a party!"

Ein Land der Gegensätze

Israel ist ein Land krasser Gegensätze, vor allem, wenn es um Sex geht. Da ist Tel Aviv, die freizügige Metropole am Mittelmeer, Nonstop-City und Aufreißmeile mit Kilometern von Strand, rastlos, grell, ausschweifend. Gut drei der sieben Millionen Israelis leben inzwischen in und um Tel Aviv mit seinen Szeneclubs, Schwulentreffs und Stripper-Partys. Und da ist - keine Autostunde entfernt - Jerusalem, die Bastion der Jüdisch-Orthodoxen wie der Muslime: Dem Rabbi hörig die einen, dem Imam die anderen, und so fruchtbar alle beide, dass die Säkularen im Land langsam Platzangst kriegen. In Jerusalem, der Hochburg der ultraorthodoxen Haredim, gehen schon heute mehr Kinder in Talmudschulen als in staatliche, wuchern ihre Viertel bis weit ins Westjordanland: Plätze der Weltferne, der Lustfeindlichkeit und des frömmelnden Sektierertums. In ihren Bussen sitzen die Männer meist vorn und die Frauen hinten, lang berockte Wesen mit geschorenem Haar, oft schlecht sitzender Perücke und gesenktem Blick. Tel Aviv, das Sündenbabel, scheint hier Lichtjahre entfernt.

Als Pnina und Yossef sich in ihrem Separee zum ersten Mal berühren, sind sie ganz befangen vor Scham. Langsam finden ihre Hände zueinander, sie müssen kichern, wie Kinder, die etwas Verbotenes tun. Gedämpft dringt Musik in das Hinterzimmer. Vorn feiern ihre Hochzeitsgäste nach religiösem Brauch in getrennten Ballsälen, tanzen hier Frauen mit Frauen, da Männer mit Männern. Eben sind die beiden 19-Jährigen vom Rabbi getraut worden, zwei junge Leute aus Jerusalems bester Haredim-Gesellschaft: Die Sudris und die Abuchziras glänzen mit Stammbäumen hoch angesehener Schriftgelehrter, und so gilt ihre Vermählung als glänzende Verbindung. Pninas Hochzeitsrobe ist ein Traum aus Tüll und Spitze, ein Diadem krönt ihr prächtiges Haar, das sie heute zum letzten Mal unverhüllt trägt. Schon am nächsten Tag wird sie sich als verheiratete Frau nur noch mit Tuch oder Perücke zeigen, ihr Leben lang, wie der Talmud es bestimmt.

Kindergeld vom Staat und Spenden reicher Auslandsjuden

Yossef kennt sich darin aus. Er ist ein "scheeiner" Mann, wie sie auf Jiddisch sagen. Nicht äußere Schönheit, sein Ruf als eifriger Thoraschüler macht ihn zur begehrten Partie. Wie gut zwei Drittel seiner Glaubensbrüder wird er nie einen Schekel je selbst verdienen müssen, sein Gelehrtenstatus wird ihn alimentieren. Kindergeld vom Staat, Spenden reicher Auslandsjuden und notfalls die eigene Frau werden für seinen Unterhalt sorgen. Yossef trägt das Schwarz der Chassidim, Vollbart, Anzug und Hut, der so sperrig ist, dass sein Mund kaum zu den Lippen der Angetrauten gelangt, würde er sich denn trauen. Doch dieser Moment im eigens für die Frischvermählten gestalteten "Begegnungszimmer" mit dem gewaltigen Kingsize-Bett versetzt das Paar in eine Art Schockzustand. Schon nach zehn Mi- nuten verlassen die beiden den Raum - verwirrt, ungeküsst und unschuldig.

Michal, die SM-Göttin, sitzt am Tag nach ihrem Auftritt in der Café-Bar "Libra" an Tel Avivs Shoppingmeile Ben-Yehuda Street. Klares, ungeschminktes Gesicht, Jeans, offenes Lachen. Sie schlage sich als Jazzsängerin durch, erzählt sie, mit kleinen TV-Rollen und dem Scheck von zu Hause. Die "Clinic"-Show aber zähle nicht zum Broterwerb: "Das ist pure Lust am Exhibitionismus." Michal und ihre Freunde sind wie fast alle jungen Israelis um die halbe Welt gereist, doch kaum einer will die Nabelschnur nach Tel Aviv kappen, ihrer "Fluchtburg, in der alles möglich ist". Nach Beginn der zweiten Intifada gab es immer wieder Selbstmordanschläge auf die Zivilbevölkerung Israels. Heute kommt man ohne Sicherheitscheck in keinen Laden. Und sich im Restaurant ans Fenster zu setzen gehört zum alltäglichen Nervenkitzel. "Der Flirt mit der Gefahr", sagt Michal und lächelt hinüber zu einem bronzehäutigen Jungen mit Rastalocken, "das ist Teil unseres Lebens geworden. Er hat uns ziemlich promisk gemacht." Diese Paarungssucht mache die Suche nach einer tragfähigen Beziehung nicht leichter.

Gier nach Leben

"Sex lässt dich fühlen, dass du lebendig bist", sagt die Bestsellerautorin Zeruyah Shalev, "er nimmt dir die dauernde Anspannung. Man spürt diese Gier nach Leben überall im säkularen Israel." Shalev, 48, die 2004 bei einem Busattentat in Jerusalem selbst schwer verletzt wurde, hat jahrelang erst in der Bibel und dann in den Untiefen der Geschlechterbeziehungen ihrer Landsleute geforscht: In einer Romantrilogie schuf sie daraus einen Lagebericht über das Liebesleben der weltlichen Israelis, der so eindringlich, beklemmend und explizit erotisch geriet wie kein Roman des Genres im Land zuvor. Weltweit wurden ihre Bücher verschlungen als gültige Zustandsbeschreibung der Beziehungsnöte westlicher Menschen mittleren Alters. Doch Shalev, in dritter Ehe verheiratet und Mutter einer Patchworkfamilie, betont eher das, was typisch für Israel ist: "Wir sind keine Single-Gesellschaft, wir haben spätestens seit dem Holocaust eine schier unauflösliche Bindung an die Familie. Sie gibt uns Juden Sicherheit und Identität, aber sie schafft auch Unfreiheit, weil wir emotional an ihr kleben unter der Last der Desaster, die sie damals bedroht haben und es heute und auf unabsehbare Zeit schon wieder tun."

Michal bekennt freimütig, sie habe viele Affären gehabt, meist mit Männern, die verheiratet und deutlich älter waren. Doch heute, mit 26, lässt sie die Frage nicht mehr los, wann sie endlich dem Mann begegnet, der verlässlich und treu genug ist, um der Vater ihrer Kinder zu werden. Mindestens drei will sie haben, das sei guter Durchschnitt unter weltlichen Juden. Michal spürt die biologische Uhr ticken. "In unserem familienfixierten Land", sagt sie, "ist das ein Alarmsignal." Pnina und Yossef, die jungvermählten Haredim, sind seit der Vorschulzeit nicht mit dem anderen Geschlecht in Kontakt gekommen, die eigene Familie mal ausgenommen. Heimliches Knutschen ist für sie unmöglich, vorehelicher Sex tabu. Selbst Blickwechsel auf der Straße gelten als anstößig. Die beiden kennen sich an ihrem Hochzeitstag seit knapp zwei Wochen. Drei Treffen gab es in dieser Zeit im Haus von Verwandten, wo sie unter Aufsicht herausfinden sollten, ob es klappen könnte mit ihnen. Denn ihre Ehe ist arrangiert, wie alle Ehen unter Strenggläubigen.

"Ich bin nur Werkzeug seines Willens"

Meist verkuppeln offiziell zu Heiratsvermittlern bestimmte Rabbiner junge Männer und Frauen aus der orthodoxen Gemeinde. "40 Tage vor ihrer Zeugung hat Gott bereits die Seelen der Menschen bestimmt, die ein Paar werden sollen", erklärt Rabbi Yitzhak Puvaly in seinem Büro, einer Kellerklitsche im Norden Jerusalems. "Ich bin nur Werkzeug seines Willens." Rund 1000 Dollar kassiert er als gottgewollte Schraubzwinge für seine Dienste - und hat bisher 19 Ehen arrangiert, aus denen 119 Kinder hervorgegangen sind: Keine einzige davon ist bis heute geschieden. Nicht mal 3 Prozent Scheidungsquote unter Strenggläubigen, mehr als 30 Prozent unter den Säkularen: Rabbi Puvaly ist stolz auf die Erfolgsbilanz seiner Zunft. Das Arrangement zwischen Pnina und Yossef war schon nach dem zweiten Date geglückt. Acht Treffen sind das Höchste, danach gilt eine Menage als gescheitert. Die Eltern des Paares waren erleichtert, denn je früher ihre Kinder unter die Haube kommen, umso besser für ihren Ruf. "Das ist wie bei einem Gebrauchtwagen", sagt Pninas Vater Yaakov, 41, "wenn man ihn mehr als dreimal annonciert, ahnt jeder, dass etwas nicht stimmt mit ihm."

Deshalb sollten Frauen spätestens mit 23, Männer mit 26 Jahren verheiratet sein. Zuvor wird zwischen den Familien ein umfangreicher Ehevertrag ausgehandelt, der von der Mitgift bis zur Zahl der Nachkommen reicht. Mindestens acht Kinder soll Pnina ihrem Yossef demnach gebären, so viele wie bei den Sudris und den Abuchziras, deren Fortpflanzungsbilanz eher unterer Durchschnitt ist: Das Gros strenggläubiger Familien zeugt zwölf Kinder und mehr - wenn die Frauen durchhalten. Pninas Mutter Dvora etwa, eine mädchenhaft wirkende 40-Jährige, hat beim Rabbi um Gewährung einer Verhütungszeit nachsuchen müssen. Wie viele strenggläubige Jüdinnen war sie erschöpft von Dauerschwangerschaften, Kinderaufzucht und Job, mit dem sie die dürftige Haushaltskasse aufbessert. Wenn es um Ehe und Familie geht, ist die Allmacht der Rabbiner ungebrochen: Die Zivilehe auf dem Standesamt gibt es nicht. Heirat oder Scheidung ist selbst für nicht gläubige Israelis nur als religiöses Ritual zu haben. Deshalb boomt unter säkularen Paaren der Hochzeitstourismus ins benachbarte Zypern. In Haredim-Familien aber bestimmt der Rabbi bis ins Ehebett, von der Sexualaufklärung für Brautpaare über die Erteilung von Gebär-Auszeiten bis zur Partnerberatung im Krisenfall.

Anleitung zum sexuellen Unglück

"Was sie dir eintrichtern, ist eine Anleitung zum sexuellen Unglück", erinnert sich Menachem Lang, 26, der vor sechs Jahren seine Familie in der Orthodoxen-Metropole Bnei Brak verließ und heute als Schauspieler in Tel Aviv lebt. Zurzeit steht er als Hauptdarsteller eines Stücks auf der Bühne des Theaters in Herzliya, das seine eigene Geschichte erzählt, vom Missbrauch als Kind in der Thoraschule, seiner glücklosen Zwangsehe und dem schwierigen Ausstieg aus dem frommen Milieu. Stumm und im Dunkeln solle der Geschlechtsakt stattfinden, bläute ihm der Rabbi dort vor seiner Hochzeit ein. Ein blindes Kind werde er zeugen, sollte er seine Frau nackt betrachten - und ein taubes, sollte er sie mit dem Mund befriedigen. Fellatio hingegen sei gottgefällig, Analverkehr in jedem Fall eine Sünde, wie das Berühren der Frau in Zeiten ihrer "Unreinheit". Kleine Geschenke nach ihrer "Mikwe" aber gehörten zur Gattenpflicht: Nach jeder Menstruation ist das rituelle Reinigungsbad fällig, bei dem sich die gläubige Ehefrau im Badehaus der Gemeinde von Kopf bis Fuß schrubbt und dann siebenmal im gesegneten Bassin untertaucht.

Gefühle nur eine mögliche Zugabe

Von Liebe steht wenig im Lehrplan der Rabbiner, von Lust kein Wort. Eine gute Partnerschaft, sagt Rabbi Puvaly, sei eben vor allem eine Frage des rechten Glaubens: "Gefühle, lehren wir die Paare, sind eher eine mögliche Zugabe." Haya Hirsch* wartet deshalb sehnsüchtig auf ihre Scheidung. Die 22-Jährige stammt aus einer zehnköpfigen Haredim- Familie, lebt in Jerusalems Orthodoxen- Viertel Mea Shearim. Auch sie wurde mit 18 verheiratet, doch ihre Ehe mit Moshe "war von Anfang an eine Katastrophe". Seit dem Pflichtakt in der Hochzeitsnacht erlebt sie Sex mit ihm als "mechanisches Rein und Raus ohne jede Leidenschaft". Wie man Einen Orgasmus empfindet, bekennt sie verlegen, wisse sie nicht. Wie ein Zungenkuss geht, hat sie vor Kurzem erst erfahren, als sie draußen, im weltlichen Teil der Stadt, mit einem Kunden im Fitnessstudio anbandelte, in dem sie stundenweise arbeitet.

Lieber heute als morgen würde Haya ins säkulare Tel Aviv ziehen, aber sie braucht zuvor die Scheidung, sonst wird ihr der Rabbi die beiden Kinder wegnehmen. Die zweijährige Rachel und der einjährige Chaim kämen in die Obhut von Moshes Familie, bis sie ihn wiederverheiratet haben. So lebt Haya seit Monaten ein Doppelleben, trägt Perücke und bodenlange Kluft im eigenen Viertel, Minirock, Lippenstift und Pferdeschwanz jenseits der Demarkationslinie - in steter Angst, von einem Nachbarn erwischt und verpetzt zu werden. Zu Hause guckt sie heimlich MTV statt der frommen Familienvideos, die das Siegel "Rabbi-geprüft" tragen, wie die kastrierten Handys und PCs der Haredim: Sie lassen Kommunikation nur innerhalb des "Koshernet" zu, mit communityeigenem Browser und mächtigen Firewalls gegen das Böse schlechthin. "Es wird den Rabbis nichts nützen", glaubt Haya und tuscht ihre Wimpern, "wer einmal durchs Schlüsselloch hinausgeschaut hat, ist für diese Welt verloren." Wie eine Löwin will sie dafür kämpfen, "wenigstens meine Kinder vor ihr zu bewahren".

Kampf für orthodoxen Glauben ohne orthodoxe Moral

Sarah Blau, 33, Tochter aus strenggläubiger Familie in Bnei Brak, kämpft für einen orthodoxen Glauben ohne orthodoxe Moral. In Artikeln, Fernsehauftritten und Blogs rüttelt sie am Joch sexueller Enthaltsamkeit für Unverheiratete. Ihr Schlachtruf "Ich will als Gläubige respektiert sein, ohne zur Jungfräulichkeit verdammt zu werden!" verstört die Frommen zunehmend. Sarah, blass, Rock auf Knielänge, gehört zu den Sprachführern einer wachsenden Zahl moderner Gläubiger in Israel. Sie nennen sich selbstironisch "orthodox light", oder, wie Sarah erläutert, "gläubig nur noch in den Hardcore-Bereichen Sabbat, koscher, Gottesfurcht". Und sie machen gegen die Oberhoheit des Rabbinats über ihr Liebesleben mobil. "Welche Moral predigt ihr", lästert Blau öffentlich, "die uns noch mit 30 die Erfahrung eines Zungenkusses verwehrt?"

Die Reaktion Gleichgesinnter auf ihr Manifest religiöser Emanzipation ist enorm. Hunderte von E-Mails und Briefen erreichen sie nach jedem Auftritt, längst hat sich im Land ein Netzwerk Aufmüpfiger verbreitet. "Wir sind eine Macht geworden", sagt Sarah lächelnd, "die Hardliner können uns nicht mehr totschweigen." Deshalb hält sie für undenkbar, dass die "Ultras" - heute schätzungsweise 20 Prozent der Bevölkerung - sich ungestört weiter mehren und Israel dereinst ins moralische Mittelalter kippen könnten: "Das verhindern nicht nur die Millionen säkularer Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion. Auch unsere Bewegung zeigt, dass die Fronten bröckeln." Immer mehr strenggläubige Frauen arbeiteten heute zudem in anspruchsvollen, weltlichen Jobs - etwa in Israels boomender Software-Branche. "Ihren Machos mit Kippa zu Hause treten die zunehmend selbstbewusst entgegen."

Beziehungsdramen und gebrochene Herzen

Bei Yoram Yovell, einem der prominentesten Psychotherapeuten Israels, liegen denn auch immer häufiger Frauen auf der Couch, die unter dem Spagat zwischen frommer und säkularer Welt leiden. Yovell hat über die Paarprobleme von Zions zerrissenen Erben erfolgreiche, populärwissenschaftliche Werke veröffentlicht. "Draußen in der Gesellschaft scheint die Abschottung zu wachsen", hat er beobachtet, "doch im Privaten werden die Fronten durchlässiger." Da ist die Araberin, die für ihre verbotene Liebe zu einem Juden den Ehrenmord durch die muslimischen Brüder riskiert. Da ist die Mittdreißigerin, die im Kibbuz von den Eltern getrennt aufwuchs und heute - wie viele Ex-Kibbuznik - Beziehungsdramen erlebt, weil sie Nähe und große Gefühle nicht aushält. Und da sind die gebrochenen Helden, Israels "Golden Boys", aktive oder ehemalige Offiziere der Armee, die für ihre Verdienste um das Gelobte Land von den Frauen noch immer Bewunderung erwarten, doch deren Körper nicht mehr einfach nehmen können wie Tapferkeitsmedaillen. Fighter, deren Karrieren den Bach runtergehen, weil sie das Grapschen nicht lassen können - wie ihre Buddies in höchsten Ämtern, wie Moshe Katsav, der Staatspräsident, der zurücktreten musste, wie Haim Ramon und Yitzhak Mordechai, die es vom Ministersessel direkt auf die Anklagebank katapultierte. "Wir haben eine Menge in Bewegung gebracht", sagt Yael Dayan, 67, Tochter des Kriegshelden und notorischen Schwerenöters Moshe Dayan. Die Politikerin hat 1998 eines der weltweit schärfsten Antidiskriminierungsgesetze in der Knesset durchgeboxt, das viele Frauen ermutigt hat, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren.

316 Beschwerden registrierte die Army-eigene Frauen-Hotline im vergangenen Jahr, jede fünfte Soldatin gab in einer internen Untersuchung 2003 an, sexuell belästigt worden zu sein. "Aber nicht die Aggressivität gegen Soldatinnen steigt", glaubt Oberstleutnant Liora Rubinstein, Frauenbeauftragte der Armee, "sondern deren Bereitschaft, auch kleinste Zwischenfälle zu melden." Heute werden schon die Rekruten auf Distanz zum anderen Geschlecht gedrillt: 40 Zentimeter Pflichtabstand, keine Anzüglichkeiten, wenn attraktive Ausbilderinnen ihres Alters beim Üben mit dem M16-Gewehr neben ihnen im Sand liegen, striktes Beischlafverbot auf dem Kasernenareal. Rommey Hassman, 48, Ex-Offizier, Uni-Dozent und Gay-Aktivist, muss lachen über die Scheinheiligkeit solcher Manöver. "Nach dem Internet ist die Armee die wichtigste Dating-Börse Israels", sagt er, "Anstalt einer umfänglichen sexuellen Erziehung beider Geschlechter." Das ging ihm Jahre nach seiner Militärlaufbahn auf, als er sich geoutet hatte und bei Schwulenpartys in Tel Aviv auf Ex-Rekruten traf: "Hey, wir haben unter euren Augen kreuz und quer gevögelt", berichteten sie grinsend, "du hast 'ne Party verpasst!"

Nur in Tel Aviv können Schwule ihre Sexualität leben

Doch das Land tut sich mit Homosexualität noch immer schwer. "Gay-freundlich gibt sich heute selbst das Heer", sagt Hassman, "aber nur im Raumschiff Tel Aviv können Schwule ihre Sexualität wirklich leben." Seit den späten 90er Jahren, seit Israels Transgender-Star Dana International den European Song Contest gewann und ein grelles Licht warf auf Israels Schwulenszene, hat sich die Metropole zur Gay-City gewandelt: Ihre Schwulen-Strände, Drag- Queen-Bars und Gay-Pride-Paraden locken heute selbst verschämte "Sissies" aus den "Schtetls" an. "Wir sind die einzige gesellschaftliche Gruppe in Israel ohne Ethnische oder religiöse Schranken", sagt Hassman, "doch auch wir haben Stigmata: Aids und Altwerden". Die HIV-Infektionsrate steigt dramatisch, weil die Szene jung ist und promisk, weil Kondome Relikte der Kämpen von früher sind - die mit den toten Freunden und den hässlichen Falten.

Dr. Dov Klein, 46, lebt gut vom Jugendwahn seiner Landsleute. Unter Israels 130 Schönheitschirurgen ist er der erfolgreichste. Mehr als 10.000 Schönheits-OPs haben sie 2006 in Israel durchgeführt. Die Quote hievte das Land auf Platz 4 im Weltvergleich und ließ die Tageszeitung "Haaretz" jüngst über die eigene Nation ätzen, "die auf die 60 zugeht, aber sich dafür umbringt, wie 21 auszusehen". Kleins Logo "dK" kennt dank effizienter PR bald jede halbwüchsige Israelin. In seiner Tel Aviver Luxuspraxis arbeitet Klein zum Auftakt der Strandsaison rund um die Uhr: Liftings, Fettabsaugen, Nasenkorrekturen, das ganze Programm, vor allem aber Brustvergrößerungen. "Israelinnen sind geradezu verrückt nach großem Busen", sagt er und spielt wie beiläufig mit Silikonkissen vom Typ "Teardrop", "und sie wollen ihn immer größer." Das gilt für Gottlose wie für Gottesfürchtige. Zu Klein kommt die Frau des Rabbi mit ihren vom vielen Stillen ausgemergelten Brüsten wie der Teenie, dem Daddy die Möpse zur bestandenen Prüfung schenkt.

"Es fehlt bei uns an Magie und Rätselhaftigkeit zwischen Mann und Frau "

Selbst vor monströsen Kreationen schreckt der Doktor nicht zurück. Bei seiner Stammkundin mit dem Künstlernamen Natalie etwa steht demnächst der dritte Eingriff an, ein Upgrade von 1500 auf 2500 Kubikzentimeter Silikon - auf jeder Seite. Die Kopulations-Liveshows der puppenhaften Kunstblondine, Tel Avivs selbst ernannter "Porno Queen" mit den Ganzkörpertattoos, sind auf den Privatpartys der Clubs der letzte Schrei. Zwei Jungs holt sie auf die Bühne, damit sie es ihr vor Publikum besorgen. Wenn Natalie dabei ihre Killerboobs schwenkt, reißen Jungen und Mädchen entzückt ihre Handykameras hoch. "Es fehlt bei uns an Magie und Rätselhaftigkeit zwischen Mann und Frau", schreibt Rivka Nardi, die bekannte Tel Aviver Paartherapeutin in ihrem neuen Buch über die Beziehungskrise der Geschlechter in Israel, "alles, auch der Sex, ist heute zur Schau gestellt. Doch es braucht Fantasie, Geheimnis und Sehnen, damit eine Beziehung überlebt."

Michal hat sich gerade unsterblich in einen russischen Einwanderer verliebt. Er ist ledig, so alt wie sie und "ein richtiger Kavalier". Haya hat ihren ersten säkularen Boyfriend und furchtbar Angst, "ihm im Bett nicht zu genügen". Und Pnina versteckt jeden Morgen einen kleinen Brief in Yossefs Aktentasche mit den Thoraschriften: "Liebe meines Lebens, hab einen erfolgreichen Studientag. Ich vermisse dich. Ich warte auf dich." Die beiden arbeiten am ersten Kind.

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