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#MeToo: Sexismus im Job: Es geht um Macht

Hände unterm Rock beim Medienball? Erzwungene Küsse bei einer Kulturkonferenz? Der Bestseller-Autorin Nina George, 44, fallen viele Beispiele für Entgleisungen und Übergriffe im Kollegenkreis ein. Sex? Ist in der Medien- und Kulturbranche oft nur Mittel zum Zweck. Meistens geht es um Macht. 

Beispiele für Entgleisungen und Übergriffe im Kollegenkreis gibt es viele (Symbolbild)

Beispiele für Entgleisungen und Übergriffe im Kollegenkreis gibt es viele (Symbolbild)

Sehe ich auf meine Erfahrungen, lassen sie sich in zwei Haupt-Bereiche unterteilen: Zugriffe unter Alkohol - und Zugriffe als Machtdemonstration. #MeToo heißt für mich persönlich: Es ging immer um Macht. Um Hierarchiekrieg. Und das erleben nicht nur Frauen.

Die beiden Chefredakteure, die mich bei dem Bewerbungsgespräch wohlwollend jung und hübsch (ach, lang ist’s her) nennen, stellten Hierarchien her, in dem sie die Wertmaßstäbe bestimmten: Jung und hübsch ist wichtiger als leistungsstark und zuverlässig. Sie legten mit diesem vergifteten Kompliment Spielregeln fest - "gefalle uns, dann darfst du für uns arbeiten".

Der Kollege, der bei der Weihnachts-Redaktionsfeier in der Gruppe männlicher Journalisten lautstark über die Frauen der Redaktion dozierte und sie auf einer "Hackbar-Skala" von 1 bis 10 einsortiert, unter dem Johlen und Bestätigungsgemurmel der anderen - der will ebenfalls Macht und Hierarchie herstellen: innerhalb seiner Gruppe. 

Instrumente der Machtausübung

Dekliniere ich meine Erfahrungen als feste oder freie Journalistin, als politische Aktivistin und als Schriftstellerin durch, so komme ich sehr rasch darauf: Sexualisierte oder emotionale Distanzlosigkeiten waren stets Machttaktiken. Um mir weniger Geld zu zahlen, um mich zu einer artigen Mitarbeiterin zu zähmen, um sich als Alphatier zu gerieren oder auf dem ausgelatschten Buckel der Chauviwitze innerhalb der Kollegenschaft zu profilieren.


Mit Sex oder hatte es nichts zu tun - es waren Instrumente einer versuchten Machtausübung. Es hätten auch Argumente, Ohrfeigen oder Armdrücken sein können. Aber diese Waffen sind nicht annähernd so wirksam.

Es sind vor allem bestimmte Persönlichkeitstypen, die sich so verhalten. Nicht DIE .

Bestimmte Männer, die Macht ausüben oder in einer Gruppe Hierarchien herstellen wollen, greifen auch nicht nur Frauen zwischen die Beine. Sondern auch Männern. Nur mit anderen Taktiken. Nein, Armdrücken fällt auch hier weg.

Frauen sind am effektivsten mit sexualisierten Distanzlosigkeiten, Body Shaming, Reduktion auf Optik und Aberkennung von Kompetenz und Einschränkung von Präsenz, Sichtbarkeit und Meinungshoheit zu unterwerfen. Weil viele Frauen darauf immer noch am intensivsten reagieren, grob vereinfacht.

Macht(missbrauch) macht bestimmte Charaktere an

Dieselben Macht-aggressiven Persönlichkeiten wenden gegenüber Männern nicht-sexualisierte, nicht-physische Demütigungs- und Paralysierungs-Strategien an, wie Spott, Zeitdruck, in Gruppen auflaufen lassen, Redezeit des anderen reduzieren, seine Männlichkeit bei Entscheidungen in Frage stellen und so weiter.

Ob Machtausübung den Attackierenden noch erotisiert? Sicher. Und da ist es ganz egal, ob derjenige einer Volontärin beim Händeschütteln den Zeigefinger rhythmisch in die Handinnenfläche schiebt, die Redaktionskonferenz eröffnet, in dem er die Beine auf den Tisch legt und sich am Skrotum kratzt, oder bei einem Vier-Augen-Gespräch den Ressortleiter einnordet.  Macht(missbrauch) macht bestimmte Charaktere an. Aber eben nicht alle Männer.

Wenn man sich darüber bewusst wird, dass ein Teil sexualisierter und chauvinistisch konnotierter Übergriffe und Konflikte weniger aus Misogynie, sondern aus einem übersteigertem Dominanzverhalten entstehen, das wiederum Frauen wie Männer gleichermaßen treffen kann, kommen wir von dem destruktivem, unzutreffenden Vorwurf weg: nämlich dass "DIE Männer""DIE Frauen" drangsalieren.

Es sind nicht DIE Männer gegen DIE Frauen.

Setzen wir diese Schwarzweiß-Denke fort, profitiert davon nur einer: der machtgeile Typ. (Findet sich durchaus auch unter Frauen, nur seltener.) Männern, denen ich von meinen Erlebnissen berichtete, wurden oft wütend – wütend auf jene Macht-Hengste, die die ganze männliche Zunft diskreditieren. Wütend, weil diese bestimmte Spezies Machttypen damit durchkommt. Wütend, dass sie mir nicht helfen können. Oder können sie es? Mir und anderen Frauen? Ich denke, ja: Indem sie zum Beispiel als Väter ihre Söhne und Töchter gleichermaßen über diesen Machtmissbrauch aufklären, etwa. Und dass Flirt oder Komplimente aus einer völlig anderen Quelle stammen als der sexualisierte Machtmissbrauch.

Und wer verliert, wenn wir weiter so tun, als stellten sich hier gerade Männer gegen Frauen auf und umgekehrt? Die Gesellschaft, in der beide Geschlechter weiterhin flirten wollen. Also, ich zumindest. Das werden mir die Macht-Psychos nicht verleiden.

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