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Interne E-Mail: Sexuelle Belästigung: Personalrat des WDR fordert "Hilfe von außen"

Nach neuen Enthüllungen von stern und Correctiv zeigt eine E-Mail, wie tief der Riss zwischen WDR-Spitze und Personalrat ist. Kritik, schreibt die Vertretung der Belegschaft, sei nicht Teil der Unternehmenskultur des Senders.

Von Wigbert Löer und Marta Orosz

WDR-Hauptgebäude in Köln mit Portraits von Intendant Tom Buhrow

stern-Enthüllungen über Fälle von sexueller Belästigung erschüttern den WDR. Die Sender-Spitze um Intendant Tom Buhrow (oben) und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn wurde aktiv, doch der Personalrat sieht Bedarf für externe Hilfe.

DPA

Die WDR-Spitze wurde aktiv. Am Mittwoch hat der Sender ein Paket voller "Sofortmaßnahmen zur Prävention sexueller Belästigung" verkündet. Nach Enthüllungen des stern und des Recherchezentrums Correctiv ist der WDR bei dem Thema in die Defensive geraten. stern und Correctiv haben drei Fälle aufgedeckt, in denen Mitarbeiterinnen WDR-Männern sexuelle Belästigung, sexuelle Diskriminierung und Machtmissbrauch vorwarfen. Daraufhin meldeten sich weitere Opfer beim Sender.

Der WDR kündigte deshalb an, seine Führungskräfte zum Thema sexuelle Belästigung "zusätzlich" zu schulen und zu sensibilisieren. Das Thema werde auch auf sogenannten Dialogveranstaltungen besprochen. Außerdem teilte der Sender der Presse mit: "Der WDR beabsichtigt, dauerhaft eine externe Ombudsstelle einzurichten, an die sich Betroffene wenden können. Das Vorgehen wird mit dem Personalrat abgestimmt."

Abgestimmt, das klang gut in der Presseerklärung, nach gegenseitigem Vertrauen und Einklang. Wie es tatsächlich gerade zugeht im WDR, zeigt eine E-Mail von diesem Donnerstag. Darin verschickte der Personalrat des WDR eine Klarstellung an alle Mitarbeiter. Für die Senderspitze um Intendant Tom Buhrow und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn liest sich diese Klarstellung alles andere als schön. 

"Wir raten von dieser Kanzlei ab"

Ein Kern der Klarstellung betrifft einen Umstand, auf den stern und Correctiv in ihrer aktuellen Berichterstattung zum Fall WDR aufmerksam gemacht haben: die Rolle der Kölner Rechtsanwaltskanzlei Küttner, die seit Jahren für den WDR arbeitet. Genau diese Kanzlei stellt dem Sender nun zwei junge Anwältinnen als Ombudsfrauen. Bei ihnen sollen sich WDR-Mitarbeiter melden, wenn sie Probleme mit Vorgesetzten haben, sich etwa sexuell belästigt fühlen. Das Problem: Die Kanzlei Küttner vertritt gleichzeitig auch die Interessen des WDR, wenn der sich arbeitsrechtlich mit Mitarbeitern streitet. So hatte auch der Hinweisgeber in einem der enthüllten Belästigungsfälle, ein WDR-Korrespondent, später bei einem Verfahren vor dem Arbeitsgericht die Kanzlei Küttner gegen sich. Aktuell soll sich der Korrespondent, wenn er Probleme mit seinem Chef hat, nun aber an Küttner-Leute wenden.

Als der Deutsche Fußball-Bund vor zwei Jahren nach "Spiegel"-Enthüllungen die Korruptionsvorwürfe rund um die Weltmeisterschaft 2006 klärte, beauftragte er mit der Prüfung auch eine Rechtsanwaltskanzlei. Allerdings hatte der DFB nicht die Chuzpe, die Untersuchung seinen Haus- und Hofjuristen zu übertragen. Der WDR-Personalrat schreibt nun mit Blick auf die Kanzlei Küttner: "Wir raten von dieser Kanzlei ab" – eben weil Küttner den WDR "gegen MitarbeiterInnen" vertreten habe. 

WDR wird ermahnt, „herabwürdigende Äußerungen“ zu unterlassen

Der Personalrat stellt sich auch ausdrücklich hinter den Korrespondenten, der 2010 der Senderspitze von Vorwürfen sexueller Belästigung erzählt hatte und wenige Wochen später ermahnt worden war. "Wir fordern das Haus auf, herabwürdigende Bemerkungen über den o.g. Korrespondenten zu unterlassen. Äußerungen wie u.a. auf dem Sonderdialog, er habe in allen Redaktionen Probleme gehabt, tragen nichts zur Aufklärung der Vorfälle bei."

Tatsächlich sind solche Wertungen eher der Versuch, einen Hinweisgeber zu diskreditieren.

Wie groß die Angst vor Konsequenzen im WDR weiterhin ist bei all jenen, die sich auch mal ein offenes Wort erlauben, zeigt der nächste Punkt in der Klarstellung des Personalrats: Das Gremium fordert, dass allen Kollegen, die sich in der Diskussionsveranstaltung "Sonderdialog" vorvergangene Woche kritisch geäußert haben, "daraus keine Nachteile erwachsen dürfen".

Am Schluss eine Mischung aus Vorwurf und Hilferuf

Der Schluss der E-Mail liest sich wie ein Appell, ist tatsächlich aber eine Mischung aus Vorwurf und Hilferuf. Der Personalrat fordert, "kritisch mit uns selbst umzugehen". Nur so bleibe der WDR glaubwürdig. Dann steht dort: "Deswegen muss dringend ein Klima geschafften werden, in dem Kritik zur Unternehmenskultur gehört." Der Personalrat stellt also fest, dass Kritik derzeit nicht zur Unternehmenskultur des WDR gehört.

Das zu ändern und sich mit Missständen kritisch auseinanderzusetzen, traut der Personalrat der Senderspitze allein nicht zu nach den Enthüllungen der vergangenen zwei Wochen. Er fordert "Hilfe von außen – zum Beispiel in Form eines Beirats".

Diese Recherche ist eine Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Recherche-Netzwerk Correctiv.

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