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Sexuelle Gewalt in Indien: Eine Gesellschaft vor der Zerreißprobe

Seit Wochen demonstrieren die Menschen in Neu Delhi für Frauenrechte und härtere Strafen für Sexualstraftäter. Und dennoch kam es zu einer neuen Gruppenvergewaltigung. In der Gesellschaft brodelt es.

Von Stefanie Schütten

In Neu Delhi sorgt eine weitere Gruppenvergewaltigung für Entsetzen und Empörung. Vier Männer sollen eine 24-Jährige in einer Wohnung und in ihrem Auto missbraucht haben. Die Polizei habe den Wagen der Verdächtigen am Freitag nach einer Verfolgungsjagd gestoppt und das Opfer befreit, sagte Distrikt-Polizeichefin Sindhu Pillai.

Seit dem grausamen Tod einer 23-Jährigen, die im Dezember 2012 in einem Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt worden war, hörten die Massenproteste und die Rufe nach härteren Strafen für Sexualstraftäter nicht mehr auf. Vergewaltigungen sind in Indien ein weit verbreitetes Problem, das lange ignoriert wurde. Wenn die Polizei überhaupt ermittelte, dann waren die Strafen gering.

Extreme Gegensätze

"Diese Gruppenvergewaltigung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagte die indisch-amerikanische Wissenschaftlerin Mira Kamdar während eines Podiumsgesprächs der Körber-Stiftung. Indien sei in vielerlei Hinsicht ein Land der Gegensätze, auch in Bezug auf die Rolle der Frau. "Einerseits bekleiden Frauen Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft. Doch andererseits ist ihre Rolle in der Gesellschaft vielerorts noch eine Untergeordnete."

Der Nachrichtendienst Al Jazeera berichtet, dass in Neu Delhi alle 18 Stunden eine Frau das Opfer einer Vergewaltigung wird. Die Anzahl der registrierten Fälle sei zwischen 2007 und 2011 um 17 Prozent gestiegen. Und dabei handelt es sich nur um die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffern dürften weit höher liegen.

Selektive Abtreibung

Junge Inderinnen wohnen meist bei ihren Eltern, bis sie nach der Hochzeit bei ihrem Mann und dessen Familie einziehen. Zudem müssen die Brauteltern für eine beträchtliche Mitgift sorgen. Diese Tradition führt dazu, dass Mädchen oft als nutzlos, Jungen dagegen als "wertvoll" angesehen werden. "In Indien kommen auf 1000 junge Männer nur 700 Frauen", sagt die Wissenschaftlerin Kamdar. Der Grund für dieses verschobene Verhältnis seien selektive Abtreibungen aufgrund des Geschlechts. "Obwohl solche Abbrüche in Indien gesetzlich verboten sind, gehören sie zur Tagesordnung."

Eine derart ungleiche Geschlechter-Verteilung erzeugt soziale Spannungen. In Indien werden sie durch extreme Gegensätze zwischen Arm und Reich verstärkt. Laut Kamdar sind viele junge Männer aus den unteren Schichten zutiefst frustriert. "Wegen mangelnder Bildung oder weil sie der falschen Kaste angehören, werden sie nie einen anständigen Beruf ausüben – geschweige denn, eine Frau finden können." Aus diesem Umfeld stammten auch die Vergewaltiger der 23-Jährigen, die nun vor Gericht stehen. "Die Studentin und ihr Begleiter gehörten dagegen klar zur aufstrebenden Mittelschicht. Als sie überfallen wurden, kamen sie gerade aus dem Kino. Sie führten ein modernes Leben und hatten gute Zukunftsperspektiven. Zwischen ihrem Leben und dem der mutmaßlichen Täter lagen Welten."

Moralische Autorität der Regierung untergraben

Indien wird mit seinen mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern und einem Wirtschaftswachstum von derzeit ungefähr sechs Prozent häufig als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit globalem Geltungsanspruch gesehen. Doch die Wissenschaftlerin Kamdar warnt: "Von dem schnellen wirtschaftlichen Wachstum profitieren nicht alle gleichermaßen. 100 Millionen Inder haben bereits den Aufstieg in die Mitteschicht geschafft. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass immer noch 450 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben. Das sind so viele Leute, wie in der gesamten EU leben."

Die Frage ist, wie viel in Indien durch die jüngsten Entwicklungen tatsächlich in Bewegung geraten ist. Wird sich die Situation der Armen künftig verbessern? Und werden die Massenproteste der vergangenen Wochen tatsächlich etwas an der Rolle der Frau in der Gesellschaft verändern? Zunächst einmal könne man die Demonstrationen begrüßen, sagt Kamdar. Es handele sich vor allem um die Mittelschicht, die nun massiv auf die Straße ginge. Diese Gruppe sei normalerweise zu klein, um Politiker nachdrücklich zu beeinflussen, da sie nur einen geringen Anteil der Gesamtwählerschaft ausmachte. "Doch die internationalen Medienberichte über die Vergewaltigungen und die Proteste untergraben die moralische Autorität der indischen Regierung. Wenn überhaupt, dann werden die Proteste indirekt, über die Medien etwas bewegen können."

Stefanie Schütten
  • Stefanie Schütten