Sexuelle Verwahrlosung von Kindern "Beim Lesen wurde mir übel"


Schon Kinder gucken Pornos, auf Schulhöfen kursiert der "Arschficksong", Jungs vergewaltigen ihre Schwester - der stern-Bericht "Voll Porno" über sexuelle Verwahrlosung hat die Leser aufgerüttelt. Hier lesen Sie Ihre Kommentare, außerdem den vollständigen Magazinartikel.

Der Befund ist dramatisch: Immer mehr Kids gucken Hardcore-Pornos, und zwar das volle Programm - Gangbangs, Analverkehr, Vergewaltigungsspiele. Die Bilderflut setzt sich in den Gehirnen fest: Die Jugendlichen verlieren das Gefühl für Privatheit, Intimität und Zärtlichkeit; sie spielen die Szenen nach, die sie gesehen haben, auch vor laufenden Handy-Kameras. Die Begleitmusik der Porno-Kultur liefern Rapper wie Sido, Bushido und Frauenarzt, die auf Deutschlands Schulhöfen schwer angesagt sind. Im günstigsten Fall bleiben bei den Heranwachsenden kaputte Bilder vom Umgang zwischen Mann und Frau hängen, im schlimmsten Fall werden überspringen sie die Grenze zur Kriminalität - die Zahl der jugendlichen Sexualstraftäter hat drastisch zugenommen. Der stern hat diese Entwicklung in dem aufrüttelnden Bericht "Voll Porno" beschrieben - und stern.de fragte die Leser: Sind wir zu liberal? Müssen der Verbreitung von Pornografie neue Grenzen gezogen werden?

Porno-Rap oder nicht?

In den Leser-Kommentaren ist ein großes Erstaunen darüber zu vernehmen, dass bislang weder Staat noch Verbände energisch gegen die "Porno-Seuche" vorgegangen sind. Vor allem die Songs von Bushido, Frauenarzt oder Sido ("Arschficksong") halten die meisten für inakzeptabel. "Wo sind die Politiker, wo ist die FSK bei den von Ihnen beschriebenen Texten? Hier hört die künstlerische Freiheit definitiv auf, da sie Gewalt gegenüber Frauen (oder besser: Mädchen) in einer Art und Weise verherrlichen, dass es mir beim Lesen übel wurde. Würde sich derselbe Rapper Texte über Nazis, seinen Hass auf Ausländer oder ähnlich gelagerte Themen aus den Fingern saugen, wären Verfassungsschutz, Polizei und Politik bereits geraume Zeit hinter diesem Mann her.......", schreibt Birgit M. aus Wels. Gabriel Gawlik von der Hilfsorganisation Carechild meint, hier sollte der Gesetzgeber einschreiten: "Es ist kaum zu glauben, dass die von Ihnen zitierten 'Songs' nicht unter den § 130 Strafgesetzbuch fallen, der schon seit 1960 regelt, dass Hasstiraden oder Angriffe auf die Menschenwürde strafbewehrt sind. In § 184 Strafgesetzbuch heisst es unter anderem, dass, wer Personen unter 18 Jahren pornographische Schriften anbietet, überlässt oder zugänglich macht, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft wird."

Ganz anderer Meinung sind naturgemäß die Anhänger der Rap-Musiker aus der Aggro-Berlin-Szene. Maurice K. schreibt, der stern habe die Berliner Rap-Stars gründlich missverstanden. In Sidos "Arschficksong" würde keine Vergewaltigung beschrieben, Bushidos "Gang Bang" sei ein "reiner Battle-Song aus dem Rapkult". Auch Nadja W. nahm die Rapper in Schutz. "Bushido ist definitiv kein Porno-Rapper und gegen amerikanischen Hip Hop sagt hierzulande niemand was - obwohl die Texte nicht harmloser sind als die der deutschen Rapper. Nur sind die leute anscheinend zu dumm, diese zu übersetzten". Tipp der stern.de-Redaktion: Wer sich selbst von Aussage und Qualität der Texte überzeugen will, sollte die Song-Titel einfach in einer Internet-Suchmaschine eingeben und sie nachlesen.

"Sex sells"

Über die Ursachen der Misere machen sich die Leser keine Illusionen - in ihren Augen ist vor allem die schwierige sozialen Lage dafür verantwortlich, dass Eltern ihren Nachwuchs schlecht betreuen. Peter V. beklagt den "Überlebenszwang", dass beide Eltern arbeiten müssten und daher weniger Zeit für die Kinder übrig bleibe. Gunnar C. charakterisiert den Zustand an den Rändern der Gesellschaft mit den Worten: " Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit sowie die Unfähigkeit, etwas aus seinem Leben machen zu können beziehungsweise vielleicht auch zu wollen, sind einige der Gründe für diese Entwicklung. Es ist schon schlimm, wenn sich Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten definieren müssen."

Aber auch die Medien bekommen ihr Fett weg. Jedem ist Strategie "sex sells" (frei übersetzt: "Mit Sex kann man alles verkaufen") geläufig, die dazu geführt hat, dass immer mehr halbnackte Menschen und erotische Szenen zur Schau gestellt werden. Ein Leser kritisiert: "Es ist mittlerweile egal, zu welcher Tageszeit man den Fernsehapparat anschalltet - es dauert es nicht lange bis man Werbung a lá 'sex sells' sieht. Da dies schon als normal empfunden wird, ist der weg zum Porno nicht mehr weit. Filme, die in meiner Kindheit als Nachtprogramm für Erwachsene galten, laufen heute als Familienprogramm am Nachmittag. Ich bin der Meinung, dass man dem Einhalt gebieten sollte." Dagmar S. nimmt auch die Printpresse nicht aus: "Nicht einmal so genannte "seriöse" Zeitschriften kommen heute ohne diverse Nacktbilder aus. Man erhöht ja die Verkaufszahlen." Ein anderer Leser mahnt Konsequenzen an: "Wie wäre es denn, wenn der stern als Beispiel voranschreiten und keine zweideutigen Bilder und Überschriften ('Die wilde Uschi' und ähnliches) zeigen würde?"

Wut und Kontrollverlust

Ist die deutsche Gesellschaft also zu liberal? Was Pornografie betrifft, sind die Leser fast einhellig der Meinung: Ja! "Sicherlich sollten Kinder wissen, dass nicht der Storch sie gebracht hat, aber ob Pornos der geeignete Lehrfilm sind, bezweifle ich stark", schreibt Anna T. "Liberalität ist gut und schön, aber nicht um jeden Preis, mein Schlafzimmer gehört mir und ich käme nicht im Traum auf die Idee, mit meinem erwachsen Sohn einen Pornofilm zu gucken, jeder hat eine Schamgrenze, eine Intimität, die nicht dazu da ist, sie öffentlich zu leben", meint Jacqueline. Dass Eltern vor ihren Kindern Geschlechtsverkehr haben, und sie dabei zusehen lassen, wie im stern-Artikel beschrieben, empfinden die Leser ebenfalls als Verstoß gegen jedwede Sitte. "Wie kaputt muss man denn sein, in Gegenwart seiner Kinder Sex zu haben? Oder sie Pornos gucken zu lassen?", fasst Katja S. zusammen.Dabei ist den meisten bewusst, dass sich die Verbreitung von Pornos kaum einschränken lässt. "Heute ist die Frage nicht mehr, wie man an Pornos rankommt, sondern wie man darum herumkommt", kommentiert ein Leser. Monika H. berichtet, dass sie Wut beim Lesen empfunden habe. "Wut auf die unkontrollierbaren technischen Möglichkeiten."

Was ist zu tun? Neben den bereits vorgeschlagenen Einschränkungen richten die meisten Leser flammende Appelle an Eltern, das Wohl ihrer Kinder sorgsamer zu schützen. "Heisst es nicht: 'Die Freiheit hat ihre Grenzen, wo die Freiheit anderer zerstört wird'? Was ist mit der freien Entwicklung von Kindern?", fragt Matthias E.. Auch Gunda S. wünscht sich ein Stück heile Familienwelt zurück - und ist doch zugleich im Klaren, dass dieser Wunsch ein frommer ist: "Die Politik heute kann nicht herbeizaubern, was in den Jahrzehnten des Wohlstands seit dem Wirtschaftswunder auch durch Konsumgewohnheiten und die Angebote der boomende Unterhaltungsindustrie vielfach verloren gegangen ist: miteinander leben, lieben und streiten in sozialen Gemeinschaften, Familien oder was auch immer. Dekadenz, Schmutz, Brot und Spiele hat's schon öfter gegeben in der Geschichte. Nachhaltig gelernt hat Mensch daraus offenbar kaum."

lk

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