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Sexueller Missbrauch: Das Schweigen der Schäfchen

Plötzlich war er weg. Wegen sexueller Übergriffe musste der Pfarrer von Dietenhofen gehen. Der Zorn der fränkischen Gemeinde richtet sich nun vor allem gegen die Medien. Ein Ortsbesuch.

Von Sönke Wiese, Dietenhofen

Dreizehn Grad am frühen Morgen, es könnte ein schöner Sonntag werden in Dietenhofen, und in der Messe erinnert Diakon Werner Klösel schon einmal an die Sommerzeit. Die Gemeindemitglieder, sagt er, sollten daran denken, nächste Woche die Uhren zurückzustellen. Doch dann zögert er, wird fahrig, stottert. Muss die Zeit nicht vielmehr vorgestellt werden? "Auf meinem Zettel steht 'zurückstellen'. Das ist falsch, oder?"

Man muss dem Mann die Verwirrung nachsehen. Ungeheuerliches ist in dem kleinen Ort passiert. Pfarrer Sturmius W. ist vor vier Tagen suspendiert worden. Die Messfeiern an diesem fünften Fastensonntag sind die dunkelsten, die Diakon Klösel und die katholische Gemeinde in Dietenhofen und Großhabersdorf je erlebt haben. Die Menschen stehen unter Schock. Sie sind wütend, vor allem auf die Medien. Ihnen wurde ihr Pfarrer genommen, so sehen das hier die meisten.

Ein Artikel im stern hat die Fassade von der heilen Welt in der kleinen fränkischen Gemeinde eingerissen. Ein ehemaliger Schüler der Regensburger Domspatzen berichtete, wie er 1971 als Elfjähriger von Sturmius W. missbraucht wurde. "Seine Hand wanderte immer unter meine Bettdecke und in den Schlafanzug", erzählte Alexander Probst, heute 49. "Er rieb dann so lange an mir, bis ich einen erigierten Penis hatte." Die sexuellen Übergriffe hätten damals über Monate stattgefunden, mehrmals in der Woche.

Die Diözese Eichstätt, zu der die Doppelgemeinde Dietenhofen-Großhabersdorf gehört, reagierte prompt. Als der Pfarrer "Verfehlungen" in seiner Regensburger Zeit gestand, entband ihn der Bischof von allen priesterlichen Diensten.

Diaspora im protestantischen Frankenland

Dietenhofen und Großhabersdorf sind beschauliche Örtchen mit 6000 und 4000 Einwohnern. Sie liegen mitten in Franken, 30 Kilometer westlich von Nürnberg. Bunte Fachwerkhäuser zieren die Ortskerne, dazwischen winden sich gepflasterte Gassen, Dietenhofen wird bald 775 Jahre alt. Die katholische Kirche allerdings wirkt hier wie ein Fremdkörper: Der Neubau, im vergangenen Herbst eingeweiht, ist ein klobiges graues Oval und erinnert an ein Silo.

Nur ein Sechstel der Dietenhofener sind katholischen Glaubens, sie bilden eine Diaspora im protestantischen Frankenland. Wahrscheinlich tut es den Katholiken hier besonders weh, wenn ihre Kirche negative Schlagzeilen macht - wieder einmal. Pfarrer W. kam 2004 hierher. Bereits sein Vorgänger war in Ungnade gefallen; er hatte das Abendmahl in einer evangelischen Kirche empfangen.

Er hat nur einen Fehler gemacht. Jeder macht doch Fehler.

Nun hat der nächste Skandal die Gemeinde erfasst. Der allseits beliebte W. soll sexuelle Übergriffe begangen haben? Undenkbar. Die katholischen Dietenhofener lassen nichts auf ihren ehemaligen Pfarrer kommen. Er sei ein guter Mensch gewesen, mehr wollen die meisten nicht sagen. Die Medien würden unfair berichten, heißt es immer wieder. Nachfragen empfinden viele als Zumutung.

Sonntagmorgen, drei Tage nach der stern-Enthüllung. Das Bistum Eichstätt hat den Bischofsvikar Bernd Dennemarck geschickt. Im Gottesdienst muss er der Gemeinde erklären, warum Sturmius W. nicht mehr tragbar war und wie es weitergehen soll. Dennemarck sagt: "Die Wahrheit macht frei." Die Medienberichte könnten helfen, die Kirche von Missständen zu befreien. Aber der Vikar richtet auch warme Grußworte des gefeuerten Pfarrers aus: W. bedauere zutiefst die negative Presse. Dennemarck erzählt von angeblichen Anfeindungen und sagt: "Mir wurde zugetragen, dass hier Medienvertreter sind, die die Menschen bedrängen." Es klingt wie: Unter uns sitzt der Feind. Am Ende der Messe warnt Dennemarck die Versammelten nochmals vor kritischen Fragen. "Aber bitte bleiben Sie der Kirche treu."

Die Treue beweist die kleine Gemeinde an diesem Tag mit einer Wagenburg-Mentalität. Es ist der Geist, der über Jahrzehnte das Vertuschen von Missbrauchsfällen ermöglicht hat; kaum jemand klagt öffentlich an, niemand zeigt Bedauern für die Opfer. Dafür gibt es umso mehr Mitgefühl für den überführten Täter.

"Der Mann hat nur einen Fehler gemacht", sagt Eduard Mazur, Mitglied im Pfarrgemeinderat. "Jeder macht doch Fehler. Aber die Medien machen jetzt alles kaputt." Jochen Scherzer, Pfarrer in einer Nachbargemeinde, fragt sich, ob man Fälle, die 40 Jahre lang zurückliegen, "an die Öffentlichkeit zerren" müsse. Er habe den Eindruck, manche Journalisten hätten nur darauf gewartet, um eine Kampagne gegen die Kirche zu starten. Walter Schön, lange in der Kirchenverwaltung aktiv, meint, es sei doch nur "niedrigschwelliger Missbrauch" gewesen. Die Details des Vergehens kenne er zwar nicht, aber die Suspendierung von W. sei zu hart. "Das sehen 90 Prozent der Gemeindemitglieder genauso."

"Gibt es hier etwa keine Schwulen?"

Bis zum Schluss gab Sturmius W. den sauberen Kirchenmann. Ein pikanter Text von ihm findet sich noch immer auf der Homepage der Großhabersdorfer St.-Walburga-Kirche. Dort schrieb er vor kurzem: "Kindesmissbrauch ist schlimm und schärfstens zu verurteilen, und zwar ganz gleich, in welchen Gruppen er vorkommt, doch sollte man bei aller Klarheit des Urteils nicht in pauschale Verdächtigungen verfallen und Misstrauen gegen jedermann säen." Wer nach den Regeln des Evangeliums lebe, so W. weiter, "wird jedes Kind mit Achtung und Hochschätzung behandeln".

Josef Mayer, seit 58 Jahren Organist in der Kirche, berichtet, wie er ein paar Tage zuvor noch mit W. über den Missbrauchsskandal gesprochen habe. "Im Bistum Eichstätt ist ja noch nichts bekannt geworden. Gibt es hier etwa keine Schwulen?" habe er den Pfarrer gefragt erzählt der Mann, der hier schnell mal Homosexualität mit Kindesmissbrauch gleichsetzt. "Der Pfarrer hat daraufhin nur so eine Handbewegung gemacht, die bedeuten sollte: Nein, hier gibt es so etwas nicht."

Der 75-jährige Mayer ist einer der wenigen Katholiken, die gegenüber stern.de im Fall W. eine kritische Haltung einnehmen: "Ich kann nichts Negatives über den Pfarrer sagen. Aber es ist gut, dass jetzt alles öffentlich gemacht wird. Wenn etwas vorgefallen ist, muss man konsequent sein."

W. musste die Gemeinde an einem Mittwoch verlassen. "Gegen 20 Uhr rief er uns zu sich", erzählt Eduard Mazur aus dem Pfarrgemeinderat. Eine Stunde lang erklärte er den geschockten Gemeindemitgliedern, wie es zu seiner Verfehlung gekommen war. Es war eine späte Beichte, unvermeidlich geworden nach Jahrzehnten des Schweigens. Details über den Missbrauch nannte er nicht, niemand wollte sie hören. Zum Abschied, so berichtet Mazur, habe Sturmius W. gesagt: "Ich bin nicht mehr euer Pfarrer, ich bin jetzt ein normaler Mensch wie ihr."