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Shahak Shapira: Hitler wird mich wieder vernichten, diesmal auf der Bestsellerliste

Ein Mann wird in Berlin von Judenhassern beschimpft, bespuckt und geschlagen. Es gibt zwar keine Verurteilung, dafür aber einen Buchvertrag. Eine Abrechnung mit der deutschen Justiz und der Bestsellerliste.

Von Shahak Shapira

Der Autor Shahak Shapira zündet sich an der Menora eine Zigarette an

Shahak Shapira: "Bei der nächsten antisemitischen U-Bahn-Schlägerei weiß ich Bescheid".

Hallo. Ich bin Shahak, Jude, Israeli, Berliner, dies das, aber kommen wir endlich zum Punkt hier: Vor etwa anderthalb Jahren bin ich von einer Gruppe von Judenhassern angegriffen worden, die mitten in der überfüllten Berliner U-Bahn lautstark antisemitische Parolen sangen, und ich hatte mir das nicht anhören wollen.

Als die Sache vor Gericht kam, war ich guter Dinge. Bei so vielen Zeugen, Beweismitteln und medialer Aufmerksamkeit würde es ja wohl ein Leichtes sein, die Täter zu finden und zu bestrafen! Zeigen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man Menschen in diesem Land aufgrund ihrer Herkunft offen diskriminieren kann, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen.

Bei der nächsten antisemitischen U-Bahn-Schlägerei weiß ich Bescheid

Dieser Tage nun hat die Staatsanwaltschaft entschieden, meinen Fall nicht weiter zu verfolgen. Ein Täter wurde wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Aber das lag daran, dass er einem anderen jungen Mann mehr oder weniger das Gesicht gebrochen hatte – irreparable gesundheitliche Schäden! -, und das war gerade einmal zwei Stunden gewesen, bevor er in der U6 hockte und fröhlich "Fuck Israel, Fuck Juden" in Dauerschleife grölte. Seinen Bruder habe ich im Wartezimmer des Gerichtsaals eindeutig als einen weiteren Täter identifiziert (genau, ich musste mit meinem Angreifer im Wartezimmer sitzen). Das Verfahren gegen die restlichen Täter wurde jedoch eingestellt.

Buchcover Shahak Shapira "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen - Wie ich der deutschesteJude der Welt wurde"

"Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen - Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde" heißt Shahak Shapiras Buch, das im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Der 28-jährige Kreativdirektor aus Berlin zieht auf 240 Seiten alle Gutmenschen- und Wutbürger-Zähne, geht direkt auf Los und sammelt gefühlte 10.000 Wahrheitspunkte. Das ist schreiend komisch, in-die-Fresse-tragisch und bis zur letzten Seite ein Page-Turner.

Obwohl ich die Polizei sofort nach der Tat angerufen habe, folgte die Anzeige nicht innerhalb von 24 Stunden, was automatisch zur Löschung des Videomaterials aus dem Zug führt. Auch die Sicherheitskräfte der BVG, die uns damals laut Medienberichten "gerettet" haben, kamen nicht auf die unkonventionelle Idee, die Aufnahmen sicherzustellen. Naja, bei der nächsten antisemitischen U-Bahn-Schlägerei weiß ich Bescheid. Wegen Antisemitismus oder Volksverhetzung wurde niemand angeklagt oder verurteilt, das Thema kam im Strafverfahren kaum zur Sprache.

Aber hey, immerhin hat mir die Begegnung in der U-Bahn nicht nur den einen oder anderen Kratzer beschert, sondern auch ein paar Sekunden Ruhm und sogar einen Buchvertrag. Ich habe mir sagen lassen, mit Büchern kann man noch richtig Geld verdienen! Doch daraus wird nun wohl auch nichts. Ich habe, belehrt mich ein Blick auf die Verkaufs-Charts, offensichtlich das falsche Buch geschrieben. Rassismus, Islamophobie, Hetze - damit verkauft man Bücher! In meinem kommt das alles viel zu kurz. Höchstens ein paar Judenwitze sind da drin, aber das ist so 1933. Da wird mich der Hitler schon wieder vernichten, diesmal auf der "Spiegel"-Beststeller-Liste.

Mein Kampf


"Euro", "Gutmenschen", "Burka"

Hetze zu schreiben ist auch viel einfacher. Man muss sich gar nicht an Nebensächlichkeiten wie Statistiken oder Tatsachen aufhängen, man kann Zahlen einfach nach Belieben erfinden. Toll! Und große Poesie ist da auch nicht gefragt – griffige Schlagworte oder Parolen reichen vollkommen. Ich meine, schaut euch doch mal den Sarrazin an! Einen Bestseller nach dem anderen! Und Hartz-IV- Empfängern kalte Duschen als Sparmaßnahme empfehlen, während man sich selbst mit goldenem Handschlag aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank verabschiedet. Wer sagt, ICH wäre der Jude hier?

Ich muss unbedingt auch so was raushauen. Mit einem Titel, der knallt. Irgendwas mit "Euro", "Gutmenschen", "Burka". Kann natürlich sein, dass mein Verlag das nicht veröffentlichen will, aber Populismus macht so krass viel Ca$$h – irgendeiner wird schon seine Prinzipien verraten. Sonst bleibt immer noch der Kopp Verlag, der hat ja eh keine. Wenn die AfD behauptet, Kohlendioxid sei kein Schadstoff und hätte nichts mit dem Klimawandel zu tun, und dafür bei Landtagswahlen Ergebnisse einfährt, von denen die FDP nur träumen kann, dann kann ich ja wohl ALLES schreiben.

Wie viele Weltkriege soll Deutschland noch verlieren?

Mittlerweile lebe ich seit 14 Jahren in Deutschland. Bisher habe ich mich kein einziges Mal gefragt, ob ich in diesem Land irgendwann nicht mehr bleiben kann, nur weil ich ein Jude bin. Außer vielleicht, als ich zum ersten Mal Helene Fischer gehört habe. Aber ansonsten fand ich Deutschland ganz okay bisher. Sogar so okay, dass mich in Israel deswegen einige zum masochistischen Selbsthasser erklärt haben. Aber will ich in einem Land bleiben, wo Hetze die Bestseller-Listen anführt, wo die Populisten in zweistelligen Zahlen in den Landtag einmarschieren und wo man in der U-Bahn ungestraft gegen Juden hetzen kann? Ich fürchte, ich muss sogar!

Denn was soll aus dem Land werden, wenn wir es diesen Pfeifen überlassen? Wie viele Weltkriege soll Deutschland noch verlieren? Vielleicht bleibt mir dieses Dilemma aber erspart. Irgendjemand hat geschrieben, Deutschland schafft sich eh bald ab.


Auf Nachfrage bei den Strafgerichten in Berlin hieß es, dass die Zeugenaussagen am Ende nicht für eine Verurteilung ausreichten. So habe Aussage gegen Aussage gestanden. Der Vorwurf der Volksverhetzung sei wohl "zugunsten" der schwereren Anklage, der der Körperverletzung, entfallen.