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Fall Silvio S.: "Es geht für die Eltern um ihr psychisches Überleben"

Ein Kind wird missbraucht und ermordet - und sowohl Eltern als auch Geschwister leiden danach unter Höllenqualen. Ist es überhaupt möglich, in ein neues Leben zu finden? Ein Interview mit der Traumatherapeutin Ursula Gasch.

Symbolfoto: Eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Bett - Fall Silvio S.

Fall Silvio S.: "Kaum vorstellbarer Schmerz" - eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Bett.

Das eigene Kind wird entführt, sexuell missbraucht und ermordet. Wie erleben die Eltern ein solch entsetzliches Verbrechen?

Es ist eine Katastrophe. Ein Eingriff, der den kompletten Rahmen eines Menschen sprengt. Die Eltern haben dieses Kind zur Welt gebracht, genährt, gepflegt, getröstet. Es gibt die Erinnerung an unendlich viele verbindende Situationen. Und nun ist dieses Kind nicht mehr da, weil ein fremder Mensch es einfach weggenommen und aus dem Leben gerissen hat. Ein größerer seelischer Schmerz ist schwer vorstellbar.

Wie reagieren die Betroffenen?

Ganz unterschiedlich. Manche sind zunächst im Schock und wie erstarrt. Andere flüchten sich in Aktionismus, das Organisieren der Trauerfeier oder auch Routine-Tätigkeiten wie Bügeln oder die Wohnung aufräumen. All das sind frühe Anpassungsreaktionen in den ersten Wochen, um und das Geschehen überhaupt aushalten zu können, Notfallmechanismen, die den Menschen einfach nur funktionieren lassen. Es geht in der ersten Phase für die Eltern schlichtweg um die Existenz, um ihr seelisches Überleben.

Und nach der ersten Phase?

Leider besteht ein hohes Risiko, dass sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.

Wie äußert sich eine Posttraumatische Belastungsstörung?

Es gibt Phasen, in denen die Betroffenen von quälenden, sich ständig wiederholenden Erinnerungen an die traumatische Situation überflutet werden. Sie erleben Flashbacks oder haben Alpträume. Wenn ein Außenstehender sie mit dem Ereignis konfrontiert, kann das kann unkontrollierbare Reaktionen auslösen, die Person weint zum Beispiel, fühlt sich wie gelähmt oder ist nicht mehr ansprechbar. Weil das sehr schmerzhaft ist, versuchen die Betroffenen in Vermeidungsphasen, alle Gedanken, Gefühle und Gespräche zu unterdrücken, die mit dem Trauma verbunden sind.

Löst die Traumatisierung noch andere Erkrankungen aus?

Die Betroffenen sind meist in einem Zustand vegetativer Übererregtheit. Das kann sich in Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, , Wutausbrüchen oder selbstzerstörerischem Verhalten zeigen. Langfristig gehen mit der Posttraumatischen Belastungsstörung oft weitere Erkrankungen einher. Etwa die Hälfte der Patienten leidet unter drei oder mehr weiteren psychiatrischen Diagnosen, wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen.

Viele Eltern wollen auch die grauenhaftesten Details der Tat kennen. Warum ist das für sie so wichtig?

Die Kriminologin und Dozentin Dr. Ursula Gasch

Dr. Ursula Gasch, ausgebildete Psychologin und Kriminologin, arbeitet als Gerichtsgutachterin und Dozentin. Als Notfallpsychologin und Traumatherapeutin hat sie sehr viel Erfahrung in der Betreuung von Opfern schwerster Gewaltverbrechen und deren Angehörigen. Sie war langjährige psychologische Beraterin der Polizei in Fällen schwerer Kriminalität und Verhandlungsgruppenpsychologin. Als Mitglied im Fachbeirat Medizin/Psychologie unterstützt sie den "Weissen Ring“, eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und deren Familien.

Das ist ein ganz natürliches Bedürfnis. Die Verbindung zum eigenen Kind ist ja nicht dadurch gelöst, dass es tot ist. Mütter und Väter wollen wissen: Wie hat mein Kind die letzten Stunden, die letzten Minuten seines Lebens verbracht? War es sehr verängstigt? Wurde ihm wehgetan? Hat es sehr leiden müssen? Oder ging alles zumindest schnell? Daher sind auch die Angaben der Gerichtsmediziner, die die toten Kinder untersucht haben, für die Eltern in der Regel sehr wichtig.

Aber oft schweigen die Angeklagten vor Gericht – so jetzt auch Silvio S.

Das ist sehr schlimm für die Eltern. Denn der Täter ist der einzige, der weiß, wie es wirklich war. Nur er hat die letzten Augenblicke im Leben des Kindes erlebt. Dass er nicht bereit ist, wenigstens dieses Wissen zu teilen, empfinden Angehörige oft als zusätzliche Verletzung. Sie wollen aus dem Mund des Täters hören: Wie lief es ab? Warum hat er sich gerade für mein Kind entschieden?

Welche Gefühle überwiegen: Trauer um das eigene Kind – oder Hass auf den Täter?

Das kann man nicht pauschalieren. In der Regel erleben Eltern eine emotionale Achterbahnfahrt, in der beide Gefühle auftauchen. Ich habe auch Eltern erlebt, die zu mir gesagt haben: "Ich hasse den Mann nicht, der das getan hat. Ich würde nicht mal wollen, dass er getötet wird. Er ist auch nur ein Mensch. Vielleicht ein böser Mensch, aber ein Mensch.“ Aber auch diese Eltern haben mir gesagt: "Ich will Teilhabe am Täterwissen. Das steht mir zu. Darauf habe ich einen Anspruch.“

Welche Rolle spielt das Detailwissen um die Abläufe der Tat für den Heilungsprozess?

Wenn Sie das Tatgeschehen präzise kennen, dann verliert es auch das Unwirkliche, das Dämonische, das ihm vorher anhaftete. Dann haben Sie wenigstens ein Bild, Sie kriegen das Ganze zu fassen: So war es wirklich. Es war schlimm, aber es war eben genau so. Und nicht anders. 

Aber wird es dadurch nicht noch viele schwieriger, alles zu verarbeiten?

Nein, eher im Gegenteil. Die fürchterlichsten Details können Eltern am Ende irgendwie aushalten. Aber wenn sie diese Details nicht kennen, dann arbeitet die Phantasie, sie versuchen, sich vorzustellen, was mit Ihrem Kind geschah. In immer neuen Anläufen, in immer neuen, womöglich noch schrecklicheren Variationen. Diese Endlos-Schleife kann zu einer fortgesetzten Re-Traumatisierung führen und Heilung unmöglich machen. Das hört dann nie auf. Es gibt ja den Spruch: Die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht. Die Zeit heilt nicht alle Wunden.

Die Mütter von Elias und Mohamed sagen im Prozess gegen Silvio S. aus. Sie sind dort direkt mit dem Mann konfrontiert, der ihre Kinder mutmaßlich getötet hat. Kann diese Konfrontation auch heilende Wirkung haben? Oder wird ein mögliches Trauma dadurch eher noch verfestigt?

Die Mütter sollten auf alle Fälle psychologisch intensiv begleitet werden. Es ist wichtig, dass der betreuende Psychologe die Aktenlage sehr gut kennt und gemeinsam mit der Mutter jeden Verhandlungstag genau vorbereitet. Was kommt auf uns zu? Womit müssen wir rechnen? Welche Zeugen treten auf? Welche Details könnten zur Sprache kommen? Zur Bewältigung ist dosierter Kontakt mit dem Geschehen und auch mit dem Täter im Gerichtssaal unter Umständen förderlich. Aber jemand, der einfach nur in eine Verhandlung geschickt wird, ohne psychologische Vorbereitung, der wird es sehr schwer haben.

Was richtet eine Mordtat in den betroffen Familien an?

Das ist bei Müttern und Vätern zumeist etwas verschieden. Mütter werden oft von dem Gedanken gequält: Wo war ich, als mein Kind die schlimmsten Momente seines Lebens durchmachen musste? Ich konnte ihm nicht beistehen. Ich war nicht für mein Kind da. Ich habe im entscheidenden Moment, als es zum Kontakt mit dem Täter kam, vielleicht nicht gut genug aufgepasst. Väter treibt oft der Gedanke um: Ich konnte meine Familie nicht beschützen. Beide Elternteile geraten also durch die Tat in einen schweren Konflikt mit ihrer jeweiligen Rolle. Das Verbrechen ist insofern auch ein hochgradig verletzender Angriff auf ihre eigene Identität. Es kann sein, dass sie darauf mit starken Schuldgefühlen reagieren, bis hin zur Aggression gegen sich selbst.

Welche Auswirkungen kann die Tat auf die Beziehung der Eltern untereinander haben?

Häufig haben Frauen und Männer unterschiedliche Arten der Trauerbewältigung.

Männer ziehen sich oft in einen Schutzpanzer des Schweigens zurück. Frauen suchen und brauchen eher das Gespräch. Das ist eine ganz große Herausforderung für Beziehungen. Ich muss leider sagen: Oft gehen sie nach so einer Tat kaputt.

Wenn es weitere Kinder gibt: Wie können die mit dem Erlebnis umgehen, dass der Bruder oder die Schwester einem solchen Verbrechen zum Opfer fällt?

Das hängt vom Lebensalter ab. Generell würde ich sagen: Je jünger das Kind ist, desto schwieriger ist es. Eine solche Tat zerstört das Urvertrauen in die Welt. Dieses Urvertrauen können ältere Kinder und auch Erwachsene reparieren, weil sie über einen Fundus an positiven Lebenserfahrungen verfügen, auch vielleicht schon andere Krisen gemeistert haben. Das sind wichtige Ressourcen in der Traumabewältigung. Auf die kann ein kleines Kind nicht zurückgreifen.

Kann man jemals einen solchen Verlust verarbeiten?

Man kann über so etwas jedenfalls nicht "hinwegkommen“, wie es so schön heißt. Insofern bedeutet die Tat für die Angehörigen auch so etwas wie eine Neuorientierung im Leben. Sie werden hineingeworfen in ein neues Leben, auch wenn sie das nicht gewollt haben. In ein neues Leben mit diesem Verlust.

Gibt es wenigstens Hoffnung auf so etwas wie Heilung?

Ja, die gibt es. Aber das ist ein sehr langer Weg. Sie müssen sich "Heilung“ als Prozess vorstellen und als Aufbruch in ein neues Leben. Das Leben wird nie wieder so sein wie es mal war. Es wird ganz anders. Aber ganz anders muss nicht heißen: Ganz schlecht. Wenn man eine solche Familie betreut, dann muss man wie nach einem Unfall feststellen: Wo ist noch was heil, was können wir noch benutzen, woran können wir anknüpfen?

Was können die Angehörigen selber tun?

Ich habe den Menschen, die ich betreut habe, immer versucht, das mit einem Bild zu vermitteln. Ich habe ihnen gesagt: "Ich weiß, jetzt ist für Euch alles nur dunkle Nacht. Aber schaut mal, Ihr habt auch eine Taschenlampe in der Hand. Wo wollt Ihr mit der hin leuchten? Auf das Negative in Eurem Leben, nennen wir es mal bildhaft: die Baustelle? Oder auf das Positive, sagen wir: Den Meerblick? Baustelle oder Meerblick – ein bisschen habt Ihr es auch selbst in der Hand, wo das Licht künftig hinfällt.