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Prozess Silvio S.: "Er soll sich selber das Leben nehmen"

Silvio S. soll den kleinen Mohamed getötet haben. Im Landgericht Potsdam sagt Mohameds Mutter aus - und sie wendet sich an den mutmaßlichen Täter.

Mohameds Mutter, Aldiana Januzi, wartet im Landgericht Potsdam auf den Beginn der Verhandlung

Aldina Januzi, Mohameds Mutter, beim ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht Potsdam. An diesem Montag, dem vierten Verhandlungstag, Aldiana Januzi, sagt sie, immer wieder: "Mein Kind ist tot."

"Sind Sie mit dem Angeklagten hier verwandt oder verschwägert?", fragt der Richter Januzi. "Nein", sagt sie. "Am liebsten wäre es mir, wenn ich ihn auch sonst nie in meinem Leben gesehen hätte."

Der Mann, den sie am liebsten nie gesehen hätte, heißt Er sitzt im Saals 8 des Landgerichts Potsdam nicht mehr als drei Meter von ihr entfernt. Es ist der Mann, der nach allem, was man weiß, ihr Kind getötet hat.

Tag vier im Mordprozess gegen Silvio S. ist ein Tag der alle Beteiligten an ihre seelischen Grenzen führt. Denn die Mutter des kleinen Mohamed muss als Zeugin aussagen. Das Bild der Überwachungskamera, dass zeigt, wie eine großer, hell gekleideter Mann das vierjährige Kind am 1. Oktober 2015 um 14.40 Uhr mit einem großen Plüsch-Teddy in der Hand vom Gelände des Berliner Landeamtes für Gesundheit und Soziales ( ) entführt, hat viele Menschen bis heute nicht los gelassen. Das arglose Kind und der große böse Mann – ein Bild wie aus einem Albtraum.

Ein Mensch in Schmerz und Trauer und Wut 

Aldiana Januzi, 29 Jahre alt, die Mutter von Mohamed, aus einer bosnischen Roma-Familie stammend, will sich nicht an die deutsche Strafprozessordnung halten. Sie will es nicht und sie kann es nicht und so kommt es zur brutalstmöglichen Konfrontation zwischen dem mutmaßlichen Mörder und der Mutter des Opfers – einer kleinen Person in schwarzer Lederjacke, deren Gesicht von dunklen Augenringen fast schon entstellt ist, einer Mutter, die nur noch aus Schmerz und Trauer und Wut zu bestehen scheint.

"Wenn Sie sich nachher sehr angestrengt fühlen, oder eine Pause brauchen, dann sagen Sie mir das bitte", sagt der Richter zu Aldiana Januzi. "Wir gehen drauf ein und sorgen dafür, dass Sie sich einen Moment erholen können."

Aldiana Januzi soll jetzt den Tag schildern, an dem ihr Sohn im Flüchtlingschaos am Lageso für immer verschwand. Ein Dolmetscher übersetzt, was sie mit aufgewühlter Stimme erzählt.

"Wir sind um sechs Uhr aufgestanden, ich zog meine an." Die kleine Familie – neben Mohamed noch der kleine Kevin (1) und die größere Tochter Medina (9) wollten früh am Lageso sein, denn dort, das wussten sie, waren zu dieser Zeit unendlich lange Warteschlangen. Die Mutter wollte Hilfe zum Lebensunterhalt abholen, sie lebte mit ihren Kindern zu dieser Zeit mit einer Duldung in Deutschland. Der kleine Mohamed nahm eine Piraten-Augenklappe mit und ein Kinder-Fernglas. "Das Fernglas hatte ich ihm noch kurz zuvor gekauft, bei ‚Netto’", erzählt Aldiana Januzi. "Er wollte es so gerne haben, da habe ich es ihm gekauft"

Der Angeklagte senkt den Kopf, atmet tief durch und wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Im Lageso hatte Mohamed beim langen Warten Hunger. "Ich gab ihm noch ein Brötchen mit Salami", erzählt die Mutter.  

Silvio S. muss tief schlucken. Er schaut zur Seite.

Eine halbe Stunde Unachtsamkeit - da war er weg

Mohamed spielte auf dem Lageso-Gelände, ein Nachbar aus dem Flüchtlingsheim, begleitete die Familie, er passte auf Mohamed und seine Schwester auf, während die Mutter in der Warteschlange stand. Er wird später aussagen, dass er irgendwann das Lageso-Gelände verließ, um sich zu kaufen. Zuvor sagte er zur Mutter, sie solle jetzt auf ihren Sohn aufpassen. Die aber wollte ihren Platz in der Warteschlange nicht verlieren. Eine halbe Stunde später kam der Bekannte zurück. Da war Mohamed plötzlich weg. Irgendwann in der halben Stunde des Zigaretten-Holens muss der Täter seine Chance erkannt und genutzt haben.

Silvio S. schweigt auch heute, obwohl er die Morde an Mohamed und an Elias (6) aus Potsdam bereits in den polizeilichen Vernehmungen gestanden hat. 

Aldiana Januzi schickte ihre ältere Tochter Medina, um nach Mohamed zu suchen. Sie dachte, Mohamed wäre ausgebüxt und auf eigene Faust in den Flüchtlings-Kindergarten gegangen, der auf dem Gelände eingerichtet war. Als sie endlich das Geld vom Amt bekommen hatte, war Mohamed immer noch weg. "Ich wurde ängstlich, ich folgte meiner Tochter", erzählt sie. Aldiana Januzi suchte, auch der Nachbar aus dem Flüchtlingsheim suchte. Sie suchten auf dem ganzen weitläufigen Areal, sogar in den Kellerräumen des Lageso. Aber Mohamed blieb verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.

"Mir ist nicht klar, wie er ihn reinlegen konnte", sagt die Mutter zum Gericht. "Dass jemand dort auf die Idee kommt, jemand wegzunehmen, zu entführen." Sie schaut zum Angeklagten, dann sagt sie zum Richter: "Das müssen Sie sich mal vorstellen wie es ihm geht, wenn ich sein Kind wegnehme! Mein größter Wunsch ist, dass er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen muss. Er soll bis zu seinem Lebensende im Gefängnis bleiben oder sich selber das Leben nehmen. Sonst habe ich keine Wünsche mehr."

Kein Schlaf, zwei Fehlgeburten,  "mein Kind ist tot"

"Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie innerlich aufgewühlt sind und, dass Ihnen das hier sehr nahe geht, was sie heute berichten müssen", sagt der Richter.

"Ich konnte nicht mehr schlafen, ich konnte nie mehr schlafen. Und einen Monat später erfahre ich, dass mein Kind tot ist!", ruft die Mutter.

"Wir verstehen das. Aber wir müssen hier einen Sachverhalt klären", sagt der Richter.

"Mit ist nicht klar, wie man ein fremdes Kind einfach nehmen kann, das geht mir nicht in den Kopf!", ruft die Mutter.

Der Richter: "Ich habe noch ein paar Fragen, Frau Januzi. Sind Sie so nett und beantworten meine Fragen? Ist Mohamed auch mit fremden Menschen mitgegangen?"

"Das ist nie passiert. Ich bin mir sicher, er hätte auf jeden Fall geweint. Und nach mir gerufen."

"Spielzeug, Süßigkeiten, hätte das dazu geführt, dass er Vertrauen schöpft, vielleicht sogar mitgeht?"

"Leider sind Kinder naturgemäß anfällig für so etwas. Wie gesagt, der Mann hat meinem Kind bestimmt erzählt, dass er es wieder zu seiner Mutter bringt, dass er es zurückbringt."

"Glauben Sie das?"

"Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Dass er ihn irgendwie angelockt haben muss, mit Spielzeug oder so. Müssen Sie ihn selber fragen. Aber er tut hier auf blöd oder dumm."

Die Anwälte von Silvio S. heben die Hand und deuten Protest an.

Der Richter zur Mutter: "Das geht zu weit. Sie könne hier ihre Meinung sagen, aber nur in den zulässigen Grenzen."

Was man jetzt nur noch hört, ist bosnisch und dazwischen auf deutsch immer nur die Worte: "Mein Kind ist tot." Aldiana Januz kann kaum Deutsch. Aber die Worte "mein Kind ist tot" kann sie.

Die Mutter ist als Nebenklägerin im Prozess vertreten, ihre Anwälte befragen sie, um klar zu machen, was die Tat mit dieser Frau gemacht hat. Sie erlitt einen Zusammenbruch, sie musste stationär im Krankenhaus behandelt werden. "Ich konnte nicht nur tagelang nicht schlafen, sondern monatelang. Nicht nur ich, sondern auch meine Tochter. Wir sind mit Angst erfüllt", übersetzt der Dolmetscher. Dann erzählt Aldiana Januzi, dass sie in der Zeit, nachdem der kleine Mohamed zu Grabe getragen war, "aufgrund der ganzen Stress-Situation" zwei mal schwanger war und beide Kinder verlor, das eine davon im dritten Monat. Für Aldiana Januzi hat Silvio S. nicht nur Mohamed auf dem Gewissen, sondern auch ihre ungeborenen Kinder.

Eine Familie, die sich kaum selber organisieren kann

Nach der Mutter von Mohamed muss auch dessen Schwester Medina aussagen. Ein kleines, zartes Mädchen mit rotem Haarband betritt den Saal und erzählt mit dünner Stimme von der ersten Zeit nach dem Tod ihres Bruders. "Ich erfuhr es von meiner Mutter. Ich musste ständig dran denken, dass mein Bruder nicht mehr bei uns ist. Ich habe geweint und Angst gehabt. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich ging nicht mehr zur Schule, ich blieb bei meiner Mutter."

Eine Sozialarbeiterin, die die Familie betreut, berichtet anschließend, dass Medina seit der Tat nicht mehr alleine in ihrem Zimmer schlafen will, sondern nur mit der Mutter gemeinsam in einem Raum.

Die Sozialarbeiterin und eine Familienhelferin, die ebenfalls für die Roma-Familie zuständig war, geben danach einen Einblick in das Leben der Flüchtlingsfamilie. Sie erzählen, dass die Mutter Analphabetin ist, dass sie praktisch kein Deutsch kann, dass sie Termine nicht einhält und sehr viel Unterstützung braucht, damit der Haushalt halbwegs ordentlich geführt und die Kinder regemäßig in Schule und Kita gebracht werden. Sie erzählen von wechselnden Bekanntschaften, auch Männerbekanntschaften. Vor allem dann, wenn es zu Monatsbeginn Geld vom Lageso gab, kam viel Besuch.

Sie erzählen auch, dass der kleine Mohamed sicher von seiner Mutter sehr geliebt wurde, aber eben nicht so, wie man es in Deutschland vielleicht kennt "erzogen" und dauerbetreut wurde. Spielzeug sei in seinem Zimmer so gut wie nie zu sehen gewesen. Er sei ein quirliges, sehr neugieriges Kind gewesen, sagt die Familienhelferin. Und: "Er war sehr auf der Suche nach Aufmerksamkeit."

Wenn Sivlio S. der Täter war, dann hat er ein gutes Gespür gehabt für die Schwächen der Familie, für ihre fehlende Fähigkeit, sich selber zu organisieren und zu schützen. Vielleicht auch für die Suche des kleinen Mohamed nach Zuwendung. Am Schmerz der Mutter ändert das nichts. Vielleicht wird er durch diese Erkenntnis sogar noch größer.

Die Worte des Richters

"Ich danke Dir, das war großartig und ganz mutig von Dir", sagt der Richter zu der kleinen Medina, als sie ihre Aussage beendet hat. "Ich wünsche Dir, dass es Dir gut geht, dass Du viele Freunde findest und eine Menge in der Schule lernst."

Dann fügt er hinzu: "Und Ihr passt jetzt alle gut aufeinander auf, versprochen?" Auf der Anklagebank schaut Silvio S. an sich herunter, als wolle er von der Erde verschwinden. Medina aber, das zarte Mädchen mit dem roten Haarband, nickt nur stumm.